Wassersituation in Deutschland
„Wir müssen zurück zu einer Landschaft, die Wasser speichert“

Dietrich Borchardt ist leitender Wissenschaftler am Helmholtz-zentrum für Umweltforschung (UFZ) und Sprecher Helmholtz Themenkampagne “Wassersicherheit für Mensch und Umwelt im 21. Jahrhundert”. Bild: UFZ
Trockene Böden, niedrige Flusspegel, vielerorts geringe Grundwasserstände: Deutschlands Wasserhaushalt gerät unter Druck. Dietrich Borchardt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erklärt, warum nicht einfach „zu wenig Regen“ das Problem ist und wie Deutschland seinen Umgang mit Wasser grundsätzlich ändern muss.
Herr Borchardt, wie steht es derzeit um das Wasser in Deutschland?
Die Situation lässt sich an drei Bereichen gut beschreiben: Boden, Oberflächengewässer und Grundwasser. Bei den Böden herrscht in großen Teilen Deutschlands eine ausgeprägte Dürre. Besonders betroffen ist der Oberboden, also ungefähr die oberen 25 bis 30 Zentimeter. Das spürt vor allem die Landwirtschaft, weil viele Nutzpflanzen ihr Wasser aus genau diesem Bereich beziehen. Aber auch der Gesamtboden bis in circa zwei Meter Tiefe ist in ähnlicher Weise betroffen. Gleichzeitig führen viele große Flüsse wie Elbe, Weser, Rhein und Donau sehr wenig Wasser. Auch beim Grundwasser sind die Stände an vielen Messstellen niedrig oder sehr niedrig. Das ist besonders problematisch, weil sich Grundwasservorräte nur langsam wieder auffüllen. Wir haben es also nicht nur mit einem kurzfristigen Niedrigwasser in den Flüssen zu tun, sondern mit einer angespannten Situation in allen wesentlichen Bereichen des Wasserhaushalts.
Oft heißt es, Deutschland werde trockener. Trifft das den Kern der Entwicklung?
Nur teilweise. Seit 2017/18 erleben wir tatsächlich eine ungewöhnlich lange Dürreperiode. Aber an den mittleren Niederschlagsmengen allein lässt sich die Veränderung nicht gut ablesen. Entscheidend ist, dass die Ausschläge stärker werden: Es fällt häufiger zu viel Wasser in zu kurzer Zeit und regional konzentriert, während an anderer Stelle über lange Zeit zu wenig Wasser fällt, oft noch verbunden mit Hitzewellen. Wir müssen deshalb weniger auf einzelne trockene Jahre schauen als auf diese zunehmenden Extreme und ihre Dauer.
Was bedeutet diese Entwicklung für Ökosysteme und Wirtschaft?
Ökologisch sind zuerst die kleinen Bäche, Teiche und Seen betroffen. Sinkt dort der Wasserstand, erwärmen sie sich schneller, der Sauerstoffgehalt nimmt ab und eingeleitete Stoffe werden schlechter verdünnt, weil sich die gleiche Belastung auf weniger Wasser verteilt. Für viele Arten wird es dann kritisch: Eine Wassertemperatur von 25 Grad ist für eine Forelle ungefähr so belastend wie 40 Grad für uns Menschen in einer aufgeheizten Stadt. Auch im Boden leiden die zahlreichen Organismen, die für Fruchtbarkeit, Wasserspeicherung und Nährstoffumsatz sorgen, wenn die oberen Bodenschichten stark austrocknen. Auen und Wälder geraten ebenfalls unter Druck, wenn ihnen über längere Zeit Wasser fehlt.
Und wirtschaftlich?
Wir sehen die Folgen vor allem in der Land- und Forstwirtschaft, der Industrie und bei der Binnenschifffahrt. Ernten fallen regional geringer aus, während Niedrigwasser Lieferketten einschränken kann, etwa wenn Rohstoffe oder Industriegüter nicht mehr wie gewohnt über den Rhein transportiert werden können. Wie stark die Landwirtschaft betroffen ist, hängt von Region und angebauten kulturpflanze ab. Und wenn Ernten knapp werden, kann sich das letztlich auch in höheren Lebensmittelpreisen niederschlagen.
Was müssen wir mit unserem Wasser künftig anders machen?
Wir müssen uns darauf einstellen, dass unser Wasserhaushalt nicht mehr so ausgeglichen ist wie früher. Kurzfristig heißt das, besser mit Hochwasser, Niedrigwasser und längeren Dürreperioden umzugehen. Langfristig brauchen wir aber einen Paradigmenwechsel: Wir müssen Wasser wieder stärker in Städten und Landschaften halten.
Anders als in der Vergangenheit?
Richtig. Wir haben Städte versiegelt, Moore und Feuchtgebiete trockengelegt und Flüsse begradigt. Wasser sollte möglichst schnell abfließen. Diese Entwicklung müssen wir umkehren. Dahinter stehen Konzepte wie Schwammstadt und Schwammlandschaft: Regenwasser zurückhalten, versickern lassen, wiederverwenden und natürliche Speicher stärken. Wir müssen zurück zu einer Landschaft, die Wasser speichert, statt es möglichst schnell abzuleiten.
Viele dieser Lösungen sind bekannt. Warum kommen wir trotzdem so langsam voran?
Weil sehr viele Akteure betroffen sind und sich unterschiedliche Nutzungsinteressen gegenüberstehen. Landwirtschaft, Städte, Industrie oder Naturschutz verfolgen jeweils eigene Interessen. Beim Wasser kommt man aber nur durch Kooperation weiter. Eine Landschaft oder Stadt, die mehr Wasser hält, nützt schließlich nicht nur der Natur, sondern kann auch Landwirtschaft und Siedlungen widerstandsfähiger machen. Hinzu kommt die föderale Struktur. Der wasserwirtschaftliche Vollzug liegt im Wesentlichen bei den Ländern, was wegen der großen regionalen Unterschiede grundsätzlich sinnvoll ist. Gleichzeitig gibt es erhebliche Potenziale für eine stärkere Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg. Wasser hält sich nicht an Verwaltungsgrenzen. Deshalb müssen wir stärker in Flusseinzugsgebieten und gemeinsamen Lösungen denken.
Was soll die Helmholtz-Wasserinitiative daran verändern?
Wir wollen Wissenschaft, Problemeigner und Lösungsverantwortliche enger zusammenbringen. Es geht darum, nicht nur Betroffenheit zu analysieren, sondern gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Dafür haben wir drei Solution Labs eingerichtet: zum Einzugsgebiet der Elbe, zu urbanen Wassersystemen am Beispiel Halle und Leipzig sowie zu Extremereignissen im Einzugsgebiet der Rur. Wichtig ist, dass Forschungsfragen gemeinsam mit denjenigen entwickelt werden, die später mit den Ergebnissen arbeiten müssen. Gleichzeitig wollen wir neue Möglichkeiten wie bessere Sensorik, Fernerkundung, Modelle oder digitale Zwillinge schneller für die Praxis nutzbar machen. Solche digitalen Zwillinge können Daten aus verschiedenen Quellen bündeln und künftig helfen, unterschiedliche Handlungsoptionen nahezu in Echtzeit durchzuspielen. Entscheidend ist: Das soll kein Closed Shop im Elfenbeinturm der Wissenschaft sein, sondern eine interaktive Plattform und ein Werkzeug für faktenbasierte praktische Entscheidungen.
Helmholtz Water Safety and Security Initiative
Angesichts dieser zunehmenden globalen Krisen und Risiken nimmt die Helmholtz-Gemeinschaft mit ihrer Forschungskampagne Helmholtz Water Safety and Security Initiative die zentrale Herausforderung in den Fokus, ein nachhaltiges und sicheres Wassermanagement zu gewährleisten. In engem Austausch mit Bürger:innen sowie mit Vertreter:innen des Naturschutzes, der Landwirtschaft, der Industrie, der Wasserversorgung und der Stadtentwicklung konzipieren sie innerhalb von inter- und transdisziplinären Reallaboren zum Beispiel Pläne für ein integriertes, wissenschaftsbasiertes Wassermanagement, neue Ansätze für klimaresiliente Städte oder Lösungen für den Umgang mit Wasserextremen, die weltweit zum Einsatz kommen können.
Die Projekte im Einzelnen:
SOLVE entwickelt wissenschaftlich fundierte, integrierte Strategien, um Wasser im Einzugsgebiet der Elbe in der Landschaft zu halten, Extremereignisse abzufedern und Ökosysteme sowie Biodiversität langfristig zu stabilisieren – in enger Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis und so eine übertragbare Blaupause für nachhaltiges Wassermanagement im Klimawandel schafft.
URBAN LE entwickelt integrative, digital unterstützte Lösungen für klimaresiliente Städte, indem Wasser-, Grün- und Energieinfrastrukturen im Sinne eines Blue-Green-Red-Ansatzes systemisch verknüpft, in co-designten Reallaboren gemeinsam mit der Stadt Leipzig getestet und in funktionalen digitalen Zwillingen simuliert und optimiert werden – mit Leipzig als Modellstadt für nachhaltige urbane Transformation.
Solution Lab Rur Erft (SLRE) entwickelt gemeinsam mit Stakeholdern mithilfe eines KI-gestützten Digitalen Zwillings des Wasserkreislaufs und interaktiven Szenarienräumen neue, übertragbare technische und naturbasierte Strategien, um Regionen angesichts von Dürre und Hochwasser resilienter gegenüber klimabedingter Wasserrisiken zu machen.
Leser:innenkommentare