Interview

„Wir müssen zu viel und zu wenig Wasser zusammendenken“

Starkregenereignis in Meiningen 2018 mit Überschwemmungen. Bild: Helge Busch-Paulick, Wikipedia (CC-BY-SA 3.0)

Hitze, Trockenheit, niedrige Pegel und warme Flüsse zeigen, wie stark Deutschlands Wasserhaushalt unter Druck steht. Die KIT-Forscher Peter Knippertz und Harald Kunstmann erklären, warum Starkregen, Hochwasser und Dürre gemeinsam betrachtet werden müssen und was Helmholtz dazu beitragen kann.

Peter Knippertz: Er zeigt zunächst, wie eng Wetterlagen und Wasserhaushalt miteinander verbunden sind. Länger anhaltende Hochdruckphasen bringen im Sommer oft wenig Niederschlag und hohe Temperaturen. Böden trocknen aus, Flüsse führen weniger Wasser, Bäume geraten unter Stress und auch die Landwirtschaft spürt die Folgen. Wird sehr heiße Luft anschließend etwa durch eine Kaltfront gehoben, können besonders kräftige Gewitter entstehen. Trifft der Starkregen dann auf ausgetrocknete Böden, versickert das Wasser schlechter. Trockenheit und Starkregen sind also keine völlig getrennten Phänomene.

Harald Kunstmann: Für mich zeigt die Situation vor allem, dass wir Wasser anders managen müssen. Beim Hochwasser will man es möglichst schnell aus der Fläche bekommen, um Schäden zu vermeiden. Wochen oder Monate später fehlt genau dieses Wasser aber vielleicht für Bewässerung, Kühlung oder Ökosysteme. Historisch wurden Hochwasserschutz und Trockenheitsvorsorge oft getrennt betrachtet. Das reicht nicht mehr. Wir müssen mehr Wasser in der Landschaft halten, zum Beispiel durch Schwammstadt-Konzepte, renaturierte Moore oder mehr Versickerung. Da stehen wir allerdings noch am Anfang.

Peter Knippertz: Der Begriff verbindet Meteorologie und Hydrologie. Gemeint sind Extreme, bei denen Wetterprozesse und Wasserhaushalt zusammenwirken. Dazu gehören auf der trockenen Seite Trockenperioden, Dürren und Niedrigwasser, auf der nassen Seite Starkregen, Sturzfluten und Hochwasser. Manche Ereignisse laufen sehr kleinräumig und schnell ab, etwa wenn Gewitter in kleinen Einzugsgebieten Sturzfluten auslösen. Andere betreffen größere Regionen oder Flüsse, wenn ein Tiefdruckgebiet sehr feuchte Luftmassen langsam über eine Region führt und dabei große Niederschlagsmengen fallen.

Prof. Dr. Peter Knippertz leitet am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) die Arbeitsgruppe Atmosphärische Dynamik des Instituts für Meteorologie und Klimaforschung Troposphärenforschung (IMKTRO). Bild: KIT

Peter Knippertz: Große, lang anhaltende Starkregenereignisse können wir heute in ihrer Entstehung besser einordnen. Nehmen wir die Ahr-Flut: Die Meere rund um Europa, vor allem Mittelmeer und Ostsee, waren damals sehr warm. Dadurch konnte viel Feuchtigkeit in die Luft gelangen. Ein Tiefdruckgebiet führte diese feuchte Luft dann gegen die Mittelgebirge, wo sie gehoben wurde und enorme Niederschlagsmengen auslöste. Solche Ausgangsbedingungen dürften künftig häufiger auftreten, weil hohe Meeresoberflächentemperaturen wahrscheinlicher werden. Bei kleinräumigen Starkregenereignissen bleiben die Unsicherheiten dagegen groß. Solche Gewitter sind sehr dynamisch, setzen viel Energie frei und verändern sich schnell in Raum und Zeit. Das können wir noch nicht immer gut genug beobachten.

Harald Kunstmann: Zunächst fehlt über längere Zeit Niederschlag. Hydrologisch wird es, wenn auch Bodenfeuchte, Grundwasser, Seen und Flüsse deutlich unter dem Normalzustand liegen. Dabei spielt nicht nur der fehlende Regen eine Rolle, sondern auch die Temperatur. Wärme erhöht die Verdunstung und das entzieht Grundwasser, Böden und Gewässern zusätzlich Wasser. Wenn dann auch Bewässerung oder andere Steuerungsmaßnahmen nicht mehr ausreichen, kann daraus eine landwirtschaftliche Dürre werden, die sich auf die Erträge auswirkt. Wichtig ist außerdem: Die Systeme reagieren unterschiedlich schnell. Flüsse und oberflächennahe Speicher können sich nach Regen relativ rasch verändern. Grundwasser ist dagegen ein träges System. Wenn es einmal tief steht, kann es Monate, Jahre oder noch länger dauern, bis es sich wieder erholt.

Peter Knippertz: Wie schon gesagt, bleibt auf meteorologischer Seite die genaue Vorhersage von Gewittern, die Sturzfluten auslösen können, eine große Herausforderung. Dabei geht es nicht nur darum, ob sie möglich sind, sondern auch darum, wann und wo sie tatsächlich auftreten und wie heftig sie werden. Der Deutsche Wetterdienst arbeitet dafür mit Ensemblevorhersagen, das sind mehrere Modellläufe, die unterschiedliche Entwicklungen durchspielen. Doch diese Ensembles bilden die tatsächliche Unsicherheit noch nicht immer ausreichend ab. Manchmal liegt das, was am Ende passiert, außerhalb der berechneten Möglichkeiten. Um hier besser zu werden, brauchen wir genauere Beobachtungen auf kleinen Skalen, etwa von Luftströmungen, die Gewitter auslösen oder verstärken können.

Harald Kunstmann: Die Vorhersage hört aber nicht beim Niederschlag auf. Entscheidend ist, die gesamte Prozesskette besser zu verbinden: vom Niederschlagstropfen in der Atmosphäre bis zu dem Wasserstand, der am Ende in einem Straßenzug, auf einem Parkplatz oder in einer Tiefgarage entsteht. Auf einzelnen Abschnitten werden wir besser. Aber die Teilstücke müssen noch stärker wie Kettenglieder verbunden werden. Dazu gehören Meteorologie, Hydrologie und Hydraulik, also die Übersetzung in konkrete Wasserstände und Überflutungsflächen. Genau dort liegen noch große Unsicherheiten.

Prof. Dr. Harald Kunstmann ist stellvertretender Direktor des Instituts für Meteorologie und Klimaforschung - Atmosphärische Umweltforschung (IMKIFU), Leiter der Abteilung Regionale Klimasysteme am KIT-Campus Alpin in Garmisch-Partenkirchen, Inhaber des Lehrstuhls für regionales Klima und Hydrologie an der Universität Augsburg und dort auch Gründungsdirektor des Zentrums für Klimaresilienz. Bild: KIT/Markus Breig

Harald Kunstmann: Ja, denn Helmholtz hat entlang dieser Prozesskette sehr unterschiedliche Kompetenzen. Die Kettenglieder liegen gewissermaßen in der Werkstatt vor, sie sind nur noch nicht überall miteinander verbunden. Ein großer Vorteil ist außerdem die Kontinuität. Wir können Methoden, Modelle und Beobachtungssysteme über viele Jahre weiterentwickeln und Expertise halten. An Universitäten ist das oft schwieriger, weil viele Projekte nach wenigen Jahren enden und man dann wieder neu anfangen muss. Für immer komplexere Modelle und Messsysteme ist dieser lange Atem sehr wichtig.

Peter Knippertz: Hinzu kommt die Infrastruktur. Helmholtz kann große Mengen neuer und neuartiger Daten erzeugen, etwa durch Feldmessungen. Das ist gerade jetzt wichtig, weil KI-Verfahren neue Möglichkeiten eröffnen. Wenn viele gute Daten vorhanden sind, lassen sich daraus auch neue Vorhersagewerkzeuge entwickeln. Am KIT versuchen wir zum Beispiel, Daten der Landeshochwasserzentralen zusammenzuführen und zu homogenisieren, um Modelle für die Hochwasservorhersage zu trainieren. Helmholtz kann hier Daten, Ideen und wissenschaftliche Erkenntnisse liefern, die Behörden später operationalisieren können.

Harald Kunstmann: Wir müssen zu viel und zu wenig Wasser gemeinsam betrachten. Das betrifft sehr viele Akteure mit unterschiedlichen Interessen. Deshalb brauchen wir neben naturwissenschaftlicher und technischer Expertise auch sozialwissenschaftliches Wissen darüber, wie solche Veränderungen umgesetzt werden können.

Peter Knippertz: Und wir müssen früher mit den Behörden ins Gespräch kommen. Entscheidend ist, dass Lösungen in der Praxis auch genutzt werden können. Die Forschung muss also von Anfang an mitdenken, was am Ende tatsächlich implementierbar ist.

HydroExtremes

Im Projekt HydroExtremes bündelt das Helmholtz-Forum Erde und Umwelt die Expertise mehrerer Helmholtz-Zentren zu hydrometeorologischen Extremereignissen. Im Mittelpunkt steht die gesamte Prozesskette von Wetter und Niederschlag über Boden, Grundwasser und Flüsse bis zu Überschwemmungen, Dürren und ihren Folgen. Ziel ist es, den Stand der Forschung zusammenzuführen, offene Fragen zu benennen und Grundlagen für bessere Vorsorge und Anpassung zu schaffen.

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