Atlas der Klimaextreme

„Das Klima in Deutschland hat sich bereits in einen neuen Zustand verschoben“

Bild: shutterstock

Der Klimawandel zeigt sich nicht überall gleich. Der „Atlas der Klimaextreme“ macht sichtbar, wie sich Temperaturen, Hitzewellen und Dürre in den verschiedenen Regionen Deutschlands verändern. Klimawissenschaftlerin Monica Ionita-Scholz vom Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung erläutert, warum solche Daten für Gesellschaft und Politik wichtig sind.

Die Auswirkungen des Klimawandels sind in Deutschland deutlich spürbar. Die Veränderungen sind regional unterschiedlich und um sie zu verstehen, muss man über Durchschnittswerte hinausblicken. Mit diesem Ziel haben wir den Atlas entwickelt. Wir wollen dieses Wissen nicht nur für die Forschung nutzen, sondern auch für die Gesellschaft sichtbar zu machen. Deutschland verfügt über einen außergewöhnlich großen Bestand an frei verfügbaren Wetter- und Klimadaten. Das verdanken wir vor allem dem Deutschen Wetterdienst.

Die Idee des Atlas war, die vorhandenen Daten in einer Form aufzubereiten, die möglichst viele Menschen erreicht. Der Atlas zeigt die Entwicklung wichtiger Klimaindikatoren von 1951 bis 2024. Auf einen Blick wird sichtbar, wo sich Veränderungen besonders deutlich zeigen. Statt langer Texte stehen Karten und Grafiken im Mittelpunkt. Menschen reagieren oft stärker auf Farben und eindrucksvolle Bilder als auf Tabellen oder Zahlenkolonnen. Wir wollen verständlich machen, wie sich Klima und Wetter in Deutschland verändern.

Weil man sich lokal gezielter auf die Veränderungen einstellen kann. Klimaextreme treten nicht überall in gleicher Form auf. Der Osten Deutschlands, etwa Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Brandenburg, sind besonders anfällig für Dürre. Im Rheintal wiederum begünstigen die geografischen Bedingungen besonders hohe Sommertemperaturen.

Monica Ionita-Scholz. Bild: AWI

Der Atlas macht sichtbar, wo sich Klimaextreme besonders stark verändern und wo regionale Hotspots entstehen. Solche Informationen können Kommunen, Behörden und politische Entscheidungsträger nutzen, um sich gezielter auf die Folgen des Klimawandels vorzubereiten. Das gilt etwa für die Wasserwirtschaft, die Landwirtschaft oder die Forstwirtschaft.

Wenn Regionen künftig häufiger von Hitze und Trockenheit betroffen sind, kann das beispielsweise bei der Auswahl klimaresilienter Baumarten oder bei langfristigen Anpassungsmaßnahmen berücksichtigt werden. Der Atlas soll dabei helfen, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und Risiken besser einzuordnen. Gerade deshalb war es uns wichtig, die Entwicklungen nicht nur auf nationaler Ebene darzustellen, sondern auch für die einzelnen Bundesländer sichtbar zu machen. Darüber hinaus interessieren sich Menschen besonders dann für Klimadaten, wenn sie einen Bezug zu ihrem eigenen Lebensumfeld haben.

Das haben wir auch bei ersten Rückmeldungen zum Atlas beobachtet. Viele Menschen suchten zunächst nach dem Jahr ihrer Geburt und verfolgten auf den Karten, wie sich die Bedingungen seitdem verändert haben. Dadurch wird der Atlas persönlicher und die Veränderungen werden greifbarer. Und für die Politik, die regional Anpassungsmaßnahmen organisieren muss, ist der Atlas besonders wichtig.

Am deutlichsten sehen wir Veränderungen bei der Temperatur und bei den damit verbundenen Extremereignissen. Hitzewellen treten häufiger auf, und auch die Zahl der Tropennächte nimmt zu. Von einer Tropennacht sprechen wir, wenn die Temperatur nachts nicht unter 20 Grad Celsius fällt. Das belastet den Körper, weil er sich nicht mehr ausreichend erholen kann. Besonders betroffen sind große Städte wie Berlin, Frankfurt, Köln, Hamburg oder München. Dort sorgen versiegelte Flächen und zusätzliche Abwärme dafür, dass die Temperaturen auch nachts lange hoch bleiben. Die stärkste Zunahme von Tropennächten erwarten wir in Ballungsräumen sowie entlang des Oberrheingrabens.

Gleichzeitig beobachten wir einen deutlichen Rückgang der Schneebedeckung. In einigen Regionen fällt inzwischen deutlich weniger Schnee als noch vor wenigen Jahrzehnten. Insgesamt hat sich Deutschland seit dem späten 19. Jahrhundert um rund 1,9 Grad Celsius erwärmt. Besonders stark fällt dieser Trend im Saarland aus.

Sorgen bereitet mir außerdem die Entwicklung im Osten Deutschlands. Dort nehmen Trockenheit und Dürre besonders stark zu. Selbst wenn es zeitweise regnet, reicht das oft nicht aus, um den Wassermangel in den Böden auszugleichen. Steigende Temperaturen sorgen dafür, dass Feuchtigkeit schneller verdunstet und die Böden zunehmend austrocknen.

Ausklappseite Maximumtemperaturen Deutschland (Bild: AWI / REKLIM)

Je länger die verfügbaren Datenreihen sind, desto besser lassen sich Veränderungen erkennen und statistisch bewerten. Deutschland ist dabei in einer sehr guten Situation, weil wir auf Messdaten zurückgreifen können, die bis ins späte 19. Jahrhundert zurückreichen.

Die Analysen für den Atlas zeigen sehr deutlich, dass wir es nicht mehr nur mit einzelnen Extremereignissen zu tun haben. Besonders bei den Temperaturextremen erkennen wir langfristige Veränderungen. Die Daten sprechen dafür, dass sich das Klima in Deutschland bereits in einen neuen Zustand verschoben hat.

Wir wollten mit dem Atlas vor allem zeigen, wie stark sich das Klima in Deutschland bereits verändert hat. Viele Menschen reagieren sehr unmittelbar auf die Karten. Bei einigen war das sogar ein regelrechter visueller Schock, weil sie die Veränderungen zum ersten Mal so deutlich vor Augen hatten.

Ich hoffe, dass der Atlas dazu beiträgt, die Entwicklungen besser zu verstehen. Karten und Grafiken machen oft greifbarer, was hinter abstrakten Zahlen steckt. Menschen können mit ihren eigenen Augen sehen, wie sich Temperaturen, Hitzewellen oder Trockenheit über die Jahrzehnte verändert haben und daraus auch einfacher ableiten, wie wichtig ein entschlossenes Handeln ist, auch in ihrem eigenen Umfeld.

Natürlich wird ein Buch allein niemanden überzeugen. Aber wenn der Atlas Menschen dazu bringt, über diese Veränderungen nachzudenken und sich mit den Folgen des Klimawandels auseinanderzusetzen, dann haben wir bereits viel erreicht. Unser Ziel war es, ein Werkzeug zu schaffen, das Orientierung bietet und eine fundierte Grundlage für Diskussionen und Entscheidungen liefert.

Geballtes Wissen zum Klimawandel – neuer Atlas der Klimaextreme

Der ‚Atlas der Klimaextreme‘ kann beim Helmholtz-Forschungsverbund REKLIM kostenlos bestellt werden und ist zudem auch als interaktives PDF abrufbar. Karten und Grafiken stehen außerdem online unter www.reklim.de/atlas-klimaextreme zur Verfügung.

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