Coronaviren unter dem Elektronenmikroskop. Bild: HZI

Interview

Wie gefährlich ist das neue Coronavirus?

Was wir über das neuartige Virus aus China bislang wissen, wie gefährlich es ist und worauf es jetzt ankommt, erklärt der Infektionsforscher Luka Cicin-Sain vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

In China spielen sich zurzeit surreale Szenen ab: In den sonst überfüllten Großstädten sind die Straßen menschenleer, die Stadt Wuhan und mehrere Nachbarstädte sind abgeriegelt, mehr als 40 Millionen Menschen stehen damit unter Quarantäne, die halbe Bundesrepublik. Und das alles wegen des sogenannten neuen Coronavirus. Warum ergreift China so drastische Maßnahmen? Ist das Virus so gefährlich?

Vieles deutet darauf hin, dass das neue Coronavirus, in der Fachsprache wird es auch als 2019-nCoV bezeichnet, weit weniger gefährlich ist als etwa das Virus aus dem Jahr 2003, das damals das Schwere Akute Atemwegsyndrom ausgelöst hat. SARS hatte eine Letalitätsrate von ungefähr 10 Prozent, das heißt, im Durchschnitt ist jeder 10. Erkrankte daran gestorben. Bei einem anderen Coronavirus mit dem Namen MERS, das im Jahr 2012 aufgetaucht ist, waren es sogar  37 Prozent! Beim neuen Corona-Virus legen die aktuellen Erkrankungs- und Todeszahlen eine Letalitätsrate von zwei Prozent nahe. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass die Rate noch viel geringer sein konnte.

Wie kommen Sie darauf?

Wir wissen ja nicht, wie viele Menschen wirklich an dem neuen Coronavirus erkrankt sind. In vielen Fällen macht das Virus ja kaum Symptome, manche Epidemiologen schätzen, dass mehrere Hunderttausend Menschen in China von 2019-NCoVbetroffen sind. Rechnet man das gegen die Todesfälle hoch, kommt man auf eine Letalitätsrate von deutlich unter einem Prozent. Aber das sind bislang alles nur Vermutungen.

Was wissen wir sicher über das neuartige Coronavirus?

Wir kennen den Aufbau des Virus, das Erbgut wurde bereits vor ein paar Wochen entschlüsselt! Das Virus stammt, wie der Name schon sagt, aus der Familie der Coronaviren. Diese Viren werden so genannt, weil sie unter dem Elektronenmikroskop so aussehen, als seien sie von einem Kranz, einer Art Krone, umgeben. Corona ist lateinisch und bedeutet Krone. Coronaviren, die Menschen anstecken, gibt es seit eh und je. Etwa 10 bis 15 Prozent aller Erkältungen, die man im Winter so bekommt, sind auf Mitglieder der Coronavirenfamilie zurückzuführen. Diese Erkältungsviren sind meistens harmlos, weil sie an den Menschen angepasst sind. Beim neuen Coronavirus2019-NCoV ist das anders. Sie sind gerade erst von einem Tier auf den Menschen übergesprungen. In einer solch neuen Umgebung kommt es bei Viren besonders häufig zu Mutationen.

Welche Folgen können Mutationen haben?

Mutationen sind Veränderungen im Erbgut, die ständig bei jedem Lebewesen und bei jeder Zellteilung ablaufen. Sie sind die Triebfeder der Evolution. Wenn eine Veränderung vorteilhaft ist, überlebt der Organismus länger und kann sich eher ausbreiten. Wenn eine Veränderung von Nachteil ist, setzt sich diese Mutation nicht durch. Das funktioniert bei Viren ebenso. In einer neuen Umgebung kann sich das Virus oft nicht sehr gut vermehren und ausbreiten, aber vorteilhafte Mutationen können die Ausbreitung beschleunigen und mutierte Viren werden bevorzugt.

Kann das Coronavirus durch Mutationen gefährlicher werden?

Theoretisch schon. Man soll hier zwei Begriffe unterscheiden: Infektiosität und Virulenz. Infektiosität ist die Fähigkeit eines Virus, sich auszubreiten und weitere Menschen anzustecken. Virulenz ist seine Fähigkeit, die Menschen krank zu machen. Die Virulenz hängt aber von vielen verschiedenen Faktoren ab. Wie schon gesagt, gibt es Menschen, die kaum Symptome zeigen und andere, für die es lebensgefährlich werden kann. Es kann natürlich zu Mutationen kommen, die schwerere Erkrankungen mit einer höheren Letalitätsrate hervorrufen, aber dem Virus bringen sie kaum Vorteile, denn eine hohe Virulenz verhindert normalerweise, dass sich das Virus unbemerkt weitläufig ausbreiten kann. Mutationen im Virus hingegen, die es ansteckender machen, sind durchaus wahrscheinlich. Und wenn sich ganz viele Menschen anstecken, ist das ein Problem, auch wenn der Virus nur einen kleiner Anteil der Infizierten schwer erkranken lässt.

Das Problem ist derzeit also weniger die Todesrate als die Infektiösität, das heißt, wie ansteckend das Virus ist?

Genau, diese Tendenz hat sich in den letzten Wochen immer mehr herauskristallisiert. Deshalb hat China auch so drastische Maßnahmen ergriffen und ganze Städte unter Quarantäne gestellt: Man hat erkannt, dass das Virus offenbar ansteckender war als anfangs angenommen, und dann eine massive Eindämmung betrieben. Ob alle Maßnahmen verhältnismäßig und sinnvoll sind, darüber lässt sich streiten. Aber es gibt Erfolge: Die allermeisten Fälle des Virus treten bis heute in Wuhan und Umgebung auf, also in der Quarantäne-Zone auf.

Trotzdem treten inzwischen auch im übrigen China täglich mehrere Hundert Neuerkrankungsfälle auf. Weltweit gibt es dagegen weiterhin nur vereinzelte Fälle – noch. Was geschieht, wenn das Virus es doch noch nachhaltig raus aus China schafft?

Zurzeit haben wir eine Epidemie: Das ist per Definition die Ausbreitung eines Erregers in einer Region, vor allem in Wuhan und Umgebung, aber auch im übrigen China. Wenn ein Virus sich hingegen nicht mehr auf eine Region beschränkt, sondern weltweit ausbreitet, spricht man von einer Pandemie ´. Eine Pandemie liegt beim neuartigen Coronavirus noch nicht vor, es kann aber durchaus sein, dass es noch zu einer Pandemie kommt.

Welche Folgen hätte das?

Eine Epidemie, das klingt erst einmal gefährlich, das wird in den Medien auch oft so vermittelt. Aber eine Epidemie kann auch relativ harmlos sein. Die Influenza aus 2009, die sogenannte Schweinegrippe, war eine Pandemie, aber der Infektionsverlauf war relativ mild. Die Anzahl von infizierten Menschen ist somit noch kein Maß zur Gefahr einer Pandemie. Es gibt sogar Virusarten, die endemisch, also dauerhaft, unter uns sind. Mehrere Viren aus der Gattung von Herpesviren, wie zum Beispiel das Eppstein-Barr-Virus oder das Zytomegalovirus  infizieren rund 90 Prozent aller Menschen weltweit und verbleiben das ganze Leben in unserem Körper. Die allermeisten bekommen es nur nicht mit, weil sie nicht krank werden. Nur Wenige bekommen Symptome, zum Beispiel das Pfeiffrische Drüsenfieber, sie leiden unter Fieber, Halsschmerzen und Schlappheit. Man kann sagen, dass auch Herpesviren es deshalb zu einer solchen enormen Verbreitung geschafft haben, weil sie kaum bemerkt werden und in den allermeisten Fällen harmlos sind. Hier gibt es zwischen Wirt und Virus gewissermaßen eine friedliche Koexistenz, weil das Virus und der Wirt aneinander über Millionen von Jahren angepasst sind. Und an das Coronavirus sind wir nicht gut angepasst und es scheint ja zumindest nicht ganz harmlos zu sein.

Worauf kommt es an, um die Ausbreitung eines Virus erfolgreich einzudämmen?

Im Englischen spricht man beim Eindämmen auch von Containment. Worauf es ankommt, lässt sich mit der Eindämmung eines Feuers vergleichen: Man muss dem Feuer den Sauerstoff und das brennbare Material entziehen, damit es allmählich erlischt. Übertragen auf das Virus bedeutet das: Man muss dem Virus neue Wirte entziehen. Das heißt, Infizierte müssen von Gesunden isoliert werden. Die Voraussetzung dafür ist, dass man Infizierte früh und schnell erkennt, um sie isolieren zu können.

Wird es durch die Tests und die Vorsichtsmaßnahmen an den Flughäfen gelingen, eine Pandemie zu verhindern?

Die Chancen stehen nicht schlecht, aber es kann auch gut sein, dass es noch zu einer Pandemie kommt. Das ist noch nicht endgültig entschieden und hängt von vielen Faktoren ab, sowohl in der Virusbiologie als auch in den Hygienemaßnahmen und in der Konsequenz ihrer Ausführung.

Wie hoch ist das Risiko in Deutschland, dass sich das Virus hierzulande ausbreitet?

Man ist hierzulande sehr wachsam, alle Ärzte sind informiert, Verdachtsfälle werden rasch erkannt und getestet. Das Risiko, dass sich das Virus in Deutschland ausbreitet, ist daher deutlich geringer als in Ländern mit weniger entwickelten Gesundheitssystemen.

Um das Risiko weiter zu verringern, was kann man als Einzelner tun, um sich zu schützen?

Ein Mundschutz ist in Deutschland derzeit absolut nicht notwendig. Empfehlenswert hingegen ist: Häufiges Händewaschen und ins Ellenbogen zu niesen. Das schützt nicht nur vor einer derzeit in Deutschland extrem unwahrscheinlichen Ansteckung durch den neuartigen Coronavirus. Es schützt auch vor der viel wahrscheinlicheren Ansteckung mit Erkältungsviren oder mit einer Grippe.

Themenseite Coronaviren

10.02.2020 , Interview: Christian Heinrich

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