Coronavirus SARS-CoV-2

Wir wollen durch Spitzenforschung dazu beitragen, die Krise zu bewältigen. Ein signifikanter Teil unserer Forschung fokussiert sich nun auf das Coronavirus.

Otmar D. Wiestler

Die COVID-19-Pandemie stellt unsere Gesellschaft und jeden Einzelnen von uns vor immense Herausforderungen. Helmholtz leistet als Deutschlands größte Forschungsorganisation wichtige Beiträge, um durch Spitzenforschung die Corona-Krise zu bewältigen. 

Helmholtz-Expertinnen und -Experten arbeiten mit Hochdruck daran, weitere Forschungsergebnisse über SARS-CoV-2 zu liefern. Die Gemeinschaft hat einen Teil ihrer Forschung auf das neue Virus fokussiert – überwiegend im Bereich Gesundheit, aber auch darüber hinaus Die Forscherinnen und Forscher arbeiten etwa daran, den Aufbau des Virus und seine Infektionswege zu entschlüsseln sowie wirksamere Medikamente und einen Impfstoff zu entwickeln.

Impfstoffentwicklung/ Wirkstoffforschung / Wirkstoffscreening

Im biomedizinischen Bereich verfügt Helmholtz über moderne und leistungsfähige Forschungsinfrastrukturen. Beispiele hierfür sind das Wirkstoffscreening sowie Big-Data- und KI-Anwendungen, die das molekulare Geschehen auf zellulärer Ebene analysieren. Viele dieser Strukturen werden für die SARS-CoV-2-Forschung und zur Identifizierung möglicher Wirkstoffe eingesetzt.

Forscher am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) fokussieren sich auf die Entwicklung von Wirk- und Impfstoffen gegen das Virus und wollen die Mechanismen von Krankheitsentstehung und -verlauf entschlüsseln. So werden beispielsweise Breitbandwirkstoffe gegen SARS-CoV-2 durch Screening gesucht. Dazu etabliert das HZI entsprechende präklinische Infektionsmodelle. Forscherinnen und Forscher des HZI untersuchen zudem mittels zeitaufgelöster Einzelzell-RNA-Sequenzanalyse von Patientenproben Virus-Wirt-Interaktionen zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Infektion.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZhat eine Taskforce eingerichtet, an der elf Abteilungen bzw. Arbeitsgruppen beteiligt sind. Ziele sind die Entwicklung eines Impfstoffes sowie diagnostischer Methoden. Dazu werden auch die Mechanismen der Krankheitsentstehung von COVID-19 sollen erforscht werden.

Um neue Wirkstoffe gegen das Virus zu identifizieren, untersuchen Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE)  den Virusrezeptor ACE2 und die Protease TMPRSS2, die die Fusion des Virus mit Zellmembranen ermöglicht. Darüber hinaus hat das DZNE begonnen, bestehende, kommerziell erhältliche Arzneimittel auf ihren potenziellen Einsatz in Therapien gegen SARS-CoV-2 zu untersuchen. Dies geschieht im Rahmen von Labortests, die eine hochpräzise Analyse einzelner Zellen ermöglichen.

Viren gelangen über spezifische Rezeptor-Proteine, an die sie andocken (Schlüssel-Schloss-Prinzip), in die Zelle. Forscher vom Forschungszentrum Jülich entwickeln ein Molekül, das spezifisch an den gleichen Rezeptor bindet und so den Viren Konkurrenz macht. Dadurch kann das Eindringen der Viren in die Zellen unterbunden werden. Außerdem versuchen sie die 3-D-Struktur eines weiteren viralen Proteins (ORF8) zu entschlüsseln und testen, wie dieses Protein gehemmt werden kann. In einem dritten Projekt wird untersucht, wie ein virales Enzym (3C-like Protease) gehemmt werden kann. Auch von diesem Protein wissen die Forscher bereits, dass das Virus es zur Vermehrung benötigt. Zudem stellt das Jülich Supercomputing Center gemeinsam mit den anderen Gauss-Partnern der Forschungsgemeinschaft Computerressourcen zur Verfügung, um beispielsweise die Wirkung potenzieller Medikamente computergestützt zu simulieren. 

Am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) analysieren Forscherinnen und Forscher unter anderem mit den Methoden der Einzelzellbiologie, wie Lungenzellen auf die Infektion mit dem neuartigen Coronavirus im Vergleich mit dem alten SARS-CoV-1 reagieren – auf der Ebene der mRNA der Körperzellen und Viren-RNA genauso wie auf der Ebene der Proteine. Andere MDC-Gruppen untersuchen, welche Antikörper der Körper während der Erkrankung mit COVID-19 bildet, und sie erforschen, wie man den sogenannten ACE2-Rezeptor blockieren kann, über den das Virus in die Zellen gelangt.

Mit Hilfe von DESYs Röntgenlichtquelle PETRA III hat ein Forschungsteam mehrere Kandidaten für mögliche Wirkstoffe gefunden, die an ein wichtiges Protein des Coronavirus SARS-CoV-2 binden und so eine Grundlage für ein Medikament gegen die Infektion sein könnten. Nach der Messung von insgesamt 5768 Proben mit 3893 verschiedenen Wirkstoffen konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bis jetzt insgesamt 13 Stoffe identifizieren, die an ein Virusprotein binden. In nächsten Schritten wird nun überprüft, ob diese Stoffe die Proteinaktivität hemmen und die Vermehrung des Virus bremsen.

Am Helmholtz Zentrum München (HMGU) arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in präklinischen Untersuchungen an der Identifizierung von Biomolekülen und Antikörpern mit antiviralen und neutralisierenden Eigenschaften, um so schnell wie möglich in die klinische Entwicklung zu gelangen. Mit Hilfe von KI-gestützten Werkzeugen wollen sie virale Zielstrukturen für therapeutische Ansätze vorhersagen. Darüber hinaus laufen groß angelegte Analysen von Single Cell-Atlanten der Atemwege, um zelltypspezifische Angriffspunkte zu identifizieren.

Um Impfstoffe mit inaktivierten Viren zu entwickeln, benötigen Forscher Methoden, die zwar das Virus abtöten, seine Struktur – insbesondere die für die Immunantwort entscheidende Virushülle - aber möglichst wenig beschädigen. Forscher vom HZI und dem GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung nutzen daher Schwerionen statt Gammastrahlen, um die Viren abzutöten. Im Vergleich zu herkömmlichen Methoden bleibt dabei die Virushülle weitgehend intakt. Die durch diese Methode abgetöteten Viren werden nun für die Entwicklung von neuen Impfstoffen getestet.

Um die Viruserkennung zu verbessern und Infektionen mit dem Virus SARS-CoV-2 schneller erfassen zu können, arbeitet das GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung mit internationalen Partnern an der Entwicklung von hochempfindlichen Sensoren auf Nanoporenbasis. Diese haben das Potenzial, Viren gezielt und schnell nachzuweisen. In einem weiteren Projekt ist geplant, diese Nanoporen zu nutzen, um sichere Mundschutzfilter zu entwickeln und so Atemschutzmasken zu verbessern. Denn mit einem Durchmesser von 10 bis 20 Nanometern sind Nanoporen deutlich kleiner als das Coronavirus SARS-CoV-2 und können daher vor einer Virusinfektion schützen.

In einer präklinischen Studie will das GSI außerdem prüfen, ob eine durch SARS-Cov-2 ausgelöste Lungenentzündung mit einer niedrig dosierten Bestrahlung behandelt werden kann. Partner sind die Universitätskliniken in Frankfurt und Erlangen. Dazu verwenden die Forscher eine typische Niedrigdosis-Röntgenbestrahlung, wie sie bereits zur Behandlung von Lungenentzündungen verabreicht wurde, sowie eine Ganzkörper-Exposition durch eine leicht erhöhte Radonaktivität in der Umgebung. Ziel ist, durch SARS-CoV-2 ausgelöste Lungenentzündungen in Zukunft effektiver behandeln zu können.

Infektionsausbreitung in der Bevölkerung

Das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung erforscht die Dynamik der Infektionsausbreitung in der Bevölkerung. Eine am HZI entwickelte App zur Seuchenbekämpfung und Risikoabschätzung (SORMAS), die bereits bei Infektionsausbrüchen in Afrika erfolgreich zum Einsatz kam, kann nun auch für die aktuelle SARS-CoV-2-Pandemie eingesetzt werden. Das neue Coronavirus-Modul in SORMAS erlaubt es, auch in entlegenen Regionen COVID-19-Erkrankte frühzeitig zu erfassen, klinische Details und Laborbestätigungen zu dokumentieren, Kontaktpersonen zu erfassen und frühzeitig Behandlungsmöglichkeiten anbieten zu können. SORMAS generiert zugleich Daten in Echtzeit für eine fortlaufende Risikobewertung auf nationaler und internationaler Ebene. Zum einen wird SORMAS über Ferninstallation in mehreren Ländern weltweit ausgerollt, zum anderen wurde das System für die Anwendung im öffentlichen Gesundheitsdienst in Deutschland angepasst. Gemeinsam mit dem RKI wird SORMAS-ÖGD-COVID19 allen interessierten Gesundheitsämtern zur Verfügung gestellt.

Eine weitere App-basierte Softwareentwicklung PIA (Prospektives Monitoring akuter Infektionen-Applikation) aus dem HZI wird gerade eingeführt, um handybasiert regelmäßig Selbstberichte über den Gesundheitszustand von wichtigen Kontaktpersonen zu erfassen. Vor allem immungeschwächte Patienten, zum Beispiel solche mit Vorerkrankungen, sollen untersucht werden. Im Vergleich mit Referenzwerten aus der Allgemeinbevölkerung wird erfasst, ob hier eine besondere Gefährdung bezüglich der Infektionshäufigkeit oder des Krankheitsverlaufs vorhanden ist.

Um Antikörper bei bereits genesenen COVID-19-Erkrankten nachweisen zu können, entwickelt das HZI Tests für epidemiologische Studien zur besseren Verfolgung der Viruserkrankung und damit der möglichen erworbenen Immunität gegen SARS-CoV-2. Diese Tests helfen, das tatsächliche Ausmaß der Infektion zu erfassen. In einer vom HZI koordinierten Bevölkerungsstudie wird zudem das Blut von mehr als 100.000 Spendern regelmäßig auf Antikörper gegen den COVID-19-Erreger analysiert. Durch diese Seroprävalenzstudien entsteht ein genaueres Bild der bereits erworbenen Immunität und der weiteren Pandemieentwicklung. Gemeinsam mit dem RKI untersucht das HZI die tatsächliche Verbreitung des Virus in Deutschland in mehreren großangelegten Studien in besonders betroffenen Orten. Pilotregion für die bundesweite Antikörperstudie des HZI ist Reutlingen, wo die Studie im Juli startete. Weitere Landkreise sollen folgen. Zur Erfassung des Immunstatus innerhalb der Bevölkerung wird neben vier weiteren Antiköpertests auch ein neues Nachweisverfahren eingesetzt.

Zusammen mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und dem NMI Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut an der Universität Tübingen entwickelt das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung multiplex-serologische Tests, die ein neues diagnostisches Instrument zur Messung schützender Antiköperreaktionen darstellen. Diese Tests sollen hochauflösende Daten generieren, um auf Bevölkerungsebene die spezifische serologische Prävalenz von SARS‐CoV‐2 im Vergleich zu anderen Atemwegsviren, die Dauer einer Immunantwort oder die Infektionsanfälligkeit unter den Studienteilnehmern zu beurteilen.

Darüber hinaus modellieren Wissenschaftler des HZI und des Forschungszentrums Jülich die Auswirkung verschiedener Maßnahmen auf die Entwicklung der SARS-CoV-2-Epidemie in Deutschland. Um die Ausbreitung des Erregers präziser zu beschreiben, haben die Forscher ein klassisches Modell aus der mathematischen Epidemiologie um SARS-CoV-2-spezifische Faktoren erweitert. Indem sie Angaben zur Anzahl stationär aufgenommener und intensivmedizinisch betreuter Patienten in das Modell integriert haben, können sie die Belastung für das deutsche Gesundheitssystem in verschiedenen Ausbreitungsszenarien vorhersagen. Diese Daten sind auch in eine Stellungnahme der Helmholtz-Initiative „Systemische Epidemiologische Analyse der COVID-19-Epidemie“ für die Bundesregierung eingeflossen.

Forscherinnen und Forscher am Helmholtz Zentrum München (HMGU) entwickeln präzise Monitoringtools, um Entscheidungen bezüglich gesellschaftlicher Beschränkungen und zukünftiger Impfstrategien zu unterstützen. Darüber hinaus identifizieren sie Risikofaktoren für eine SARS-CoV-2-Infektion sowie für Komplikationen bei Patienten mit Diabetes und chronischen Lungenerkrankungen. Dazu verwenden sie die KORA- und NAKO-Kohorten sowie verfügbare Biobanken von Patientenkohorten mit Diabetes und chronischen Lungenkrankheiten.

Das Forschungszentrum Jülich stellt seine Höchstleistungsrechner-Kapazitäten im Jülich Supercomputing Centre (JSC) zur Verfügung. Möglichst schnell sollen präzise Daten zur Ausbreitung des Virus und zur Entwicklung von Medikamenten bereitgestellt werden. 

Zusammen mit mehreren anderen internationalen Forschungseinrichtungen und Unternehmen hat sich das Forschungszentrum einer Initiative des kanadischen Quantencomputer-Herstellers D-Wave Systems Inc. angeschlossen. Ziel ist es, Forscherinnen und Forscher bei der Entwicklung von Lösungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie zu unterstützen. D-Wave verschafft Nutzern, die zu COVID-19 forschen, freien Zugang zu Quantencomputer-Systemen. Gemeinsam mit der Universität Heidelberg und dem Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS) entwickelt das JSC mathematische Modelle zur Dynamik des Corona-Ausbruchs in Deutschland, mit denen sich auch der Effekt von Maßnahmen zur Eindämmung simulieren lässt. Das Ziel sind Prognosen, wann der Ausbruch seinen Höhepunkt erreichen wird und wie viele Menschen erkranken könnten. Zudem stellt das JSC gemeinsam mit seinen Partnern im Gauss Centre for Supercomputing (GCS) Rechenzeit zur Verfügung.

Gemeinsam mit der Universität Heidelberg und dem Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS) entwickelt das JSC mathematische Modelle zur Dynamik des Corona-Ausbruchs in Deutschland, mit denen sich auch der Effekt von Maßnahmen zur Eindämmung simulieren lässt. Das Ziel sind Prognosen, wann der Ausbruch seinen Höhepunkt erreichen wird und wie viele Menschen erkranken könnten. Zudem stellt das JSC gemeinsam mit seinen Partnern im Gauss Centre for Supercomputing (GCS) Rechenzeit zur Verfügung.

Rechenzeit, wie sie auch in dem Projekt EXSCALATE4CORONAVIRUS (E4C) gebraucht wird. Das Projekt umfasst eine enge Zusammenarbeit zwischen drei der größten Supercomputing-Zentren in der EU – CINECA in Bologna/Italien, dem Supercomputing-Zentrum Barcelona in Spanien und dem Supercomputing-Zentrum des Forschungszentrums Jülich in Deutschland – sowie einem Pharmaunternehmen und mehreren Universitäten und Forschungsinstituten. Dazu gehört auch das Jülicher Institut für Neurowissenschaften und Medizin, Computational Biomedicine (INM-9). Das E4C-Team verwendet Supercomputer, um molekulare Simulationen sowie biochemische und phänotypische Screenings von vorhandenen Medikamenten gegen SARS-CoV-2 durchzuführen (in silico, d.h. unter Verwendung von speziellen Programmen bzw. Algorithmen). Dieser Ansatz ermöglicht eine schnelle Analyse der Simulationsergebnisse und verkürzt die Zeit, die für die Entdeckung neuer therapeutischer Wirkstoffe benötigt wird. Die EXSCALATE-Plattform ermöglicht ein virtuelles Screening im Exascale-Maßstab und damit die Bewertung von Milliarden von Molekülen gegen mehrere Targets innerhalb weniger Wochen.

Ein Team aus Wissenschaftlern und Betreibern von Kläranlagen will aus Abwasserproben auf den SARS-CoV-2-Infektionsgrad der Bevölkerung schließen. In dem Projekt arbeiten mehr als 20 Abwasserfachleute, Mikrobiologe, Virologen und Modellierer des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ), der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) und der TU Dresden mit den Kläranlagenbetreibern der Städte Köln, Leipzig, Dresden, dem Wasserverband Eifel-Rur und weiteren 20 Städten zusammen. Ziel ist, aus repräsentativen Abwasserproben unterschiedlich stark betroffener Bevölkerungsgruppen den Gesamtinfektionsgrad im Einzugsgebiet von Kläranlagen zu erfassen.

Aktuelle Daten über die Entwicklung der Corona-Pandemie sammelt das Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology (CEDIM) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) gemeinsam mit der Risklayer GmbH, einer Analysedatenbank zur Risikobewertung. Die Karten bieten einen Überblick über die Ausbreitung des Virus in Deutschland und weltweit, zudem werden Risikogebiete bis hinunter zur Kreisebene identifiziert.

Um den Verlauf der COVID-19-Epidemie in Deutschland übersichtlich und nach einzelnen Bundesländern aufgeschlüsselt darstellen zu können, haben Forschende des MDC ein Onlinetool entwickelt. Karte und Zeitstrahl zur Ausbreitung des Coronavirus sind frei verfügbar. Ab sofort zeigt das Tool auch die Fallzahlen aller Länder weltweit an.

Strukturbiologie / Synchrotronstrahlung / Kryoelektronenmikroskopie

Mithilfe des hochintensiven Röntgenlichts der Synchrotronquelle BESSY II am Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) konnten Forscher der Universität Lübeck die dreidimensionale Architektur eines Enzyms entschlüsseln. Dabei handelt es sich um die virale Hauptprotease von SARS-CoV-2, die an der Vermehrung der Viren beteiligt ist. Daraus könnten sich konkrete Angriffspunkte ergeben, um Wirkstoffe zu entwickeln. Aus den Ergebnissen lässt sich ermitteln, welche Fragmente überhaupt im aktiven Zentrum der viralen Protease andocken. Nun setzen die Forscher ihre Arbeit an BESSY II fort und nutzen die dort entwickelte Methode des Fragment-Screening: Nach und nach werden damit unterschiedliche Moleküle getestet, bis die besten Komponenten für einen passenden Wirkstoff identifziert sind. Aus den Ergebnissen lässt sich ermitteln, welche Fragmente überhaupt im aktiven Zentrum der viralen Protease andocken. Diese Fragmente kommen als Bestandteile für einen Wirkstoff infrage. 

Beim Deutschen Elektronen-Synchrotron DESY beginnt eine Versuchsreihe, die drei Schlüsselproteine des Erregers unter die Lupe nimmt. Hat die Untersuchung Erfolg, könnte sie die Suche nach einem Medikament erheblich verkürzen. Das Zentrum für Strukturelle Systembiologie (CSSB) bei DESY arbeitet eng mit allen Infektions-Forschungsorganisationen in Norddeutschland zusammen. Mit „Supermikroskopen“ wie DESYs Synchrotronstrahlungsquelle PETRA III und sogenannten Kryo-Elektronenmikroskopen können die Forscher biologische Proben auf verschiedene Arten untersuchen – von der Strukturanalyse von Einzelmolekülen bis hin zur Echtzeitdarstellung von Abläufen in lebenden Zellen. PETRA III ist im Standby-Modus und kann jederzeit für Coronavirus-relevante Messung hochgefahren werden. Dafür wurde ein Fast-Track-Zugangsmodus eingerichtet. Es sind mehrere SARS-CoV-2-relevante Forschungsprojekte in Vorbereitung. Beispiele sind die Strukturaufklärung von Virusproteinen oder ein Röntgen-Fluoreszenz-Tracking der Ausbreitung der Viren in Geweben.

Wissenstransfer für Risikogruppen und Angehörige

Der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und der Lungeninformationsdienst des Helmholtz Zentrums München (HMGU) haben ihre Kapazitäten erhöht, um Fragen von Menschen mit einem möglicherweise geschwächten Immunsystem, wie Krebspatienten oder Personen mit Vorerkrankungen der Lunge sowie deren Angehörigen zu beantworten. Darüber hinaus gibt es Informationsseiten zum neuen Coronavirus und der durch das Virus ausgelösten Lungenerkrankung COVID-19. Der Allergieinformationsdienst bietet weiterführende Informationen zum Corona-Virus für Menschen mit Allergien und Asthma.

Menschen mit Diabetes finden beim nationalen Diabetesinformationsportal diabinfo (Helmholtz Zentrum München und Partner) wissenschaftlich geprüfte Informationen zu ihren Fragen im Zusammenhang mit dem Corona-Virus.

EU-Projekte

Die Europäische Kommission hat kurzfristig die Förderung von 17 neuen Projekten bekanntgegeben, die insgesamt 47,5 Millionen Euro erhalten sollen, um zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie beizutragen. Alle sind international ausgerichtet und befassen sich mit Monitoring, Testverfahren, Behandlungsmethoden und Impfstoffentwicklung. Helmholtz-Wissenschaftler koordinieren zwei dieser Projekte:

Das Helmholtz Zentrum München, Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, koordiniert RiPCoN („Rapid interaction profiling of 2019 nCoV for network based deep drug repurpose learning“). Gemeinsam mit Partnern aus Frankreich und Spanien soll erforscht werden, ob sich schon zugelassene Medikamente für die Behandlung von COVID-19 eignen. Dafür wollen die Forscher zunächst herausfinden, welche Proteine, Signalwege und molekularen Strukturen das Virus im menschlichen Körper ausnutzt und verändert. Auf Basis dieser Informationen modellieren sie – unterstützt von künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen –, welche Medikamente eine Erfolgsaussicht haben und für anschließende Labortests und Studien erfolgsversprechend sind. In einer zweiten Projektphase wollen sie in Experimenten herausfinden, welche Auswirkungen natürlich vorkommende genetische Unterschiede der interagierenden menschlichen und viralen Proteine auf den individuellen Krankheitsverlauf haben. Kombiniert mit weiteren Daten zu Epidemien und menschlichen Genen sollen diese Erkenntnisse für zukünftiges COVID-19-Risikomanagement und die Ressourcenplanung von Kliniken genutzt werden. (Interview mit Projektkoordinatior Pascal Falter-Braun).

Das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung koordiniert CORESMA („COVID-19 Outbreak Response combining E-health, Serolomics, Modelling, Artificial Intelligence and Implementation Research“). Mit diesem Projekt sollen bestehende Lücken zwischen klinischen, epidemiologischen und immunologischen Informationen geschlossen werden, um besser auf die Pandemie reagieren zu können. Dafür arbeiten nicht nur europäische Forscher aus den Niederlanden, der Schweiz und Deutschland, sondern auch Partner aus China, Elfenbeinküste und Nepal zusammen. Über die bereits 2014 gemeinsam mit nationalen und internationalen Partnern vom HZI entwickelte App SORMAS, mit der Daten zu Krankheitsausbrüchen lokal erfasst und an Gesundheitsbehörden übermittelt werden können, wollen sie klinische Echtzeitdaten erhalten. Hier stehen besonders gefährdete Staaten im Fokus, neben der Elfenbeinküste u.a. auch Ghana und Nigeria. Gleichzeitig soll in Deutschland und Nepal untersucht werden, ob Infektionen mit anderen menschlichen Coronaviren zu einer Kreuzimmunität gegen das neuartige SARS-CoV-2 führen. Die erhobenen Daten sollen dabei helfen, die Übertragung des Virus besser einschätzen zu können und die Effektivität von Maßnahmen gegen die Verbreitung zu bewerten.

Das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung ist außerdem in das Projekt SCORE involviert; das Forschungszentrum Jülich arbeitet im Projekt Exscalate4CoV mit. „SCORE“ soll antivirale Medikamente entwickeln, die kurz- bis mittelfristig zur Behandlung von Patienten und zur Eindämmung der Ausbreitung von Coronaviren eingesetzt werden können. Die Plattform „Exscalate“ zielt bereits jetzt darauf ab, Supercomputing-Ressourcen zu nutzen und sie mit lebenswissenschaftlichen Forschungslaboren zu verbinden, um internationalen Pandemien schneller und effizienter zu begegnen. Das Vorhaben wird nun auch auf COVID-19 ausgeweitet; dabei geht es auch um die Identifikation von Wirkstoffen gegen das Virus.

Alle EU-Projekte im Überblick

Allianzübergreifende Aktivitäten der Helmholtz-Gemeinschaft

Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen ist ein Zusammenschluss der großen außeruniversitären Wissenschaftsorganisationen in Deutschland. Der größte Anteil an allianzübergreifenden Aktivitäten der Helmholtz-Gemeinschaft findet in enger Kooperation mit den Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung (DZG) statt. Das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) übernimmt hierbei eine koordinierende Rolle.

Die im DZIF etablierte Plattform „Lean European Open Survey on SARS-CoV-2 Infected Patients“ (LEOSS) wird von allen DZG als zentrale IT-Plattform für anonymisierte Patientendaten genutzt.

Darüber hinaus werden zentrale DZG-übergreifende klinische Studien unter Berücksichtigung besonderer Risikogruppen (Patienten mit Lungen- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs) initiiert. Das DZIF koordiniert des Weiteren die deutsche Beteiligung an internationalen Studien wie dem WHO Solidarity Trial.

Neben diesen übergreifenden Maßnahmen stellen die DZG Infrastrukturen für klinische Studien, Substanzbibliotheken für die Testung von SARS-CoV-2 sowie Expertise in der medizinischen Chemie und der Guten Herstellungspraxis von Arzneimitteln (Good Manufacturing Practice GMP) zur Verfügung.

Kontakt

Glossar

Hier finden Sie Erklärungen wichtiger Begriffe rund um das Coronavirus SARS-CoV-2.

Zum Glossar

Aus den Zentren

Ihre Cookie-Einstellungen

Wir setzen Cookies ein, die für das Funktionieren unserer Webseite notwendig sind. Mit Ihrer Zustimmung verwenden wir zudem Cookies zur Nutzungsanalyse. Sie können jederzeit Ihre Einwilligung widerrufen und Cookies deaktivieren. Weitere Informationen hierzu erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Ich bin mit dem Einsatz von Cookies zur Nutzungsanalyse einverstanden.

Datenschutzerklärung