Portrait

"Wir haben nicht allzu viel Respekt vor Autoritäten"

Prof. Daniel Zajfman. Bild: Daniel Summer

Die erstaunlichen Erfolge der Wissenschaft in Israel haben auch mit der ausgeprägten Bereitschaft zum Querdenken und zur Grenzüberschreitung zu tun. Das sagt einer der bemerkenswertesten Wissenschaftler des Landes, der Physiker Daniel Zajfman.

Die Frage des deutschen Bundespräsidenten hatte es in sich: Ist die Wissenschaft in Israel besser oder in Deutschland, wollte er von Daniel Zajfman wissen, mehr als zehn Jahre liegt die Begegnung inzwischen zurück. "Was soll man da schon antworten", sagt Zajfman heute und schmunzelt: "Man will ja keinen diplomatischen Zwischenfall auslösen!" Also dachte er sich in Sekundenschnelle ein Bild aus, das bis heute gelte: In beiden Ländern forsche man so, wie man Auto fährt – "in Israel gilt zum Beispiel eine rote Ampel eher als Empfehlung, an die sich nicht alle halten. Im Straßenverkehr ist das gefährlich, aber im Labor kann es ein großer Vorteil sein, manchmal trotzdem weiterzufahren."

Diese Anekdote erzählt viel über Daniel Zajfman, der einer der bemerkenswertesten Wissenschaftler in Israel ist: Mit diplomatischem Geschick und unerschütterlichem Humor leitet er seit mehr als zwölf Jahren das Weizmann-Institut in der Stadt Rehovot in der Nähe von Tel Aviv, das für seine Grundlagenforschung weltberühmt ist, und zugleich gelingen dem Physiker in seiner eigenen Disziplin bahnbrechende Erkenntnisse. "Mehr als 150 Jahre lang galt das Gesetz, dass man Ionen nicht mit elektrostatischen Feldern fangen kann. Das war quasi eine rote Ampel, aber wir haben trotzdem eine Ionenfalle entwickelt, die auf elektrostatischen Feldern basiert", sagt er. Und fügt schnell hinzu: "Der Grund war natürlich nicht, dass die Theorie falsch ist, sondern dass wir ein Loch darin gefunden haben." Seinem eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs bringt er deshalb heute vor allem bei, nicht allzu sehr auf rote Ampeln und Stoppschilder zu achten. "Vielleicht machen sie damit eines Tages etwas wahr, das für uns heute undenkbar ist. Deshalb haben wir hier am Institut eine sehr flache Hierarchie – und nicht allzu viel Respekt vor Autoritäten."

Dieses Querdenken ist in seiner eigenen Biographie eine der großen Konstanten. Daniel Zajfman wurde 1959 in Belgien geboren, sein Vater war Elektroingenieur und hatte im Keller eine beeindruckende Werkstatt. "Ich hatte dort freien Zugang", erinnert sich Zajfman an seine Kindheit: "Ich konnte Schaltkreise bauen, bevor ich schreiben und lesen gelernt habe. Aber irgendwann frustrierte mich das: Ich wusste, dass sie funktionieren, aber konnte mir nicht erklären, was dahintersteckt." Damit war sein Forscherinteresse geweckt, und bevor er sein Physikstudium begann, entschied er sich selbst für den Umzug von Belgien nach Israel. "Meine Eltern sind Holocaust-Überlebende, meine Mutter ist als einzige in ihrer Familie am Leben geblieben. Ich wollte an einen Ort, von dem ich nicht mehr gezwungen sein würde, wegzuziehen." Zajfman studierte in Israel und Amerika – und profitierte, wie er sagt, von einem weiteren Vorteil der israelischen Wissenschaft: "Hier bekommen junge Leute schon sehr früh die Schlüssel in die Hand!" Auch im Jahr 2006, als er Präsident des Weizman-Instituts wurde, galt das noch: Gerade einmal 47 Jahre alt war er damals, der historisch jüngste Mann in diesem Amt. Dass er jahrelang neben seiner Forschung in Israel auch als Direktor am Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg tätig war und sich für die deutsch-israelische Aussöhnung einsetzt, ist ein weiteres bemerkenswertes Kapitel in Zajfmans Lebenslauf.

Auch heute noch hat er am Weizman-Institut zwei Schreibtische: den im Präsidenten-Büro und jenen in seinem eigenen Labor. "Zu 150 Prozent bin ich Präsident", sagt er und lacht, "die ganze restliche Zeit widme ich mich meiner Forschung!" Bald allerdings soll sich diese Aufgabenverteilung ändern, denn im Dezember 2019 wird er sein Amt als Präsident niederlegen. Da wird er 60 Jahre alt sein, und dann sei es höchste Zeit, dass jüngere Leute das Ruder übernehmen, sagt er. Für ihn bleibt dann endlich wieder mehr Zeit für die Forschung, sowohl in Rehovot als auch in Heidelberg – und für sein zweites Herzensanliegen, die technische Bildung. In den vergangenen Jahren hat Zajfman in Israel einige bemerkenswerte Programme entwickelt, mit denen Jugendliche an das naturwissenschaftliche Denken herangeführt werden. "Es geht in diesen Programmen nicht nur darum, Wissen zu vermitteln, sondern die jungen Leute neugierig zu machen", sagt er. Wie weit diese Neugier führen kann – dafür ist Daniel Zajfman selbst das beste Beispiel.

Im September 2018 fand in Berlin die Jahrestagung der Helmholtz-Gemeinschaft statt. Daniel Zajfman hat die Veranstaltung mit einer Keynote eröffnet. Sein Thema: "Curiosity Driven Research: A Curious Strategy".

07.09.2018 , Kilian Kirchgeßner
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