Jugend forscht

"Wikipedia allein genügt nicht"

Bild: Stiftung Jugend forscht e. V.

Im Gespräch erklärt Geschäftsführer Sven Baszio wie sich die Arbeit mit Schülern und Lehrern in den letzten 54 Jahren verändert hat und welche prominenten Forscherpersönlichkeiten einst Bundessieger waren.

„Jugend forscht“ geht in die 54. Wettbewerbsrunde und die Ideen sprudeln munter weiter. Dank Internet haben die Jugendlichen heute ganz andere Recherchemöglichkeiten als 1965. Wie macht sich das bemerkbar? 

Durch die leichter verfügbaren Informationen hat sich die Qualität der Projekte gewandelt. Früher war es eine Hemmschwelle, in Bibliotheken zu gehen. Dafür müssen wir heute darauf achten, dass die Teilnehmenden quellenkritischer vorgehen – Wikipedia allein genügt nicht. Das ist ein wichtiger Punkt in unseren flächendeckenden Fortbildungen, in denen wir die Betreuerinnen und Betreuer der Jungforscher qualifizieren. 

Wird auf die Qualifizierung der Projektbetreuer heute mehr Wert gelegt?

Ja, früher gab es so etwas gar nicht. Vor zwei Jahren haben wir die „Jugend forscht Akademie für Projektbetreuung“ gegründet – als Reaktion auf einen starken Rückgang im Betreuernetzwerk. Wir haben um die 5 000 ehrenamtliche Projektbetreuer, in der großen Mehrheit schulische Lehrkräfte. Doch jetzt steht ein Generationenwechsel bevor: Wir werden in den nächsten zehn Jahren ein Viertel der Betreuer verlieren. Weil „Jugend forscht“ erfreulicherweise weiter wächst, müssen wir den jetzigen Stand nicht nur  sichern, sondern wir benötigen auch zusätzliche Kräfte.

Ist das denn kein kontinuierlicher Prozess? Eine Lehrkraft geht in Pension und dafür springt eine neue ein?

So ist es leider nicht. „Jugend forscht“ fordert eine Menge von den Lehrkräften, denn sie können den Wettbewerb in der Regel nicht in den Unterricht integrieren, müssen also einen Teil ihrer Freizeit investieren. Zudem verwirklichen sie eine individuelle Förderung von Talenten – die auch erst entdeckt werden wollen. Die Lehrkräfte müssen da unheimlich viel leisten. Aber auf der anderen Seite hören wir immer wieder: „Genau das ist der Grund, weshalb ich eigentlich Lehrer geworden bin!“ Die Projektbetreuung gibt ihnen Motivation und Befriedigung. Lehrer müssen heute unglaublich viel leisten und sind in ihrem beruflichen Umfeld mit vielfältigen Erwartungen konfrontiert, von Eltern, Schülern und Vorgesetzen. „Jugend forscht“ ist da oftmals ein Kontrastprogramm: Wenn sie erst einmal als Betreuer bei „Jugend forscht“ dabei sind, dann engagieren sie sich zehn, zwanzig Jahre, bauen eine AG auf und das ist dann ihr „Baby“. Und wenn sie dann in Pension gehen, fehlt oftmals der Nachfolger.

Der Wettbewerb ist 1965 mit 244 Teilnehmern gestartet, jetzt sind es mehr als 12 000. Das klingt nach einer Riesenmaschinerie …

Wir sind kontinuierlich dabei, unsere Kapazitäten zu erweitern. Wir richten „Jugend forscht“ bundesweit gemeinsam mit Unternehmen aus, die vor Ort als Gastgeber der Wettbewerbe fungieren. Und da stoßen wir immer wieder an Grenzen, zumal bei regional steigenden Teilnehmerzahlen. Wenn ein Partner also 100 Projekten Platz bietet, fragen wir nach: Gehen auch 110? Sind 120 möglich? Das dürfen wir natürlich nicht überstrapazieren. Unter Umständen müssen wir dann einen neuen Wettbewerb gründen und dafür benötigen wir regelmäßig neue Ausrichter.

Ist „Jugend forscht“ ein reiner Gymnasiastenwettbewerb?

Tatsächlich kommen 80 Prozent unserer Teilnehmer von Gymnasien. Darum wollen wir künftig stärker auch andere Schulformen ansprechen. Eine starke Marke wie unsere verschreckt sicher manche Jugendliche, die denken, der Wettbewerb ist nur etwas für „kleine Einsteins“. Bei uns ist aber jeder richtig, der Spaß an Naturwissenschaften hat, gerade auch Haupt- und Realschüler. Wir haben bei „Jugend forscht“ daher das Projekt „Talente auf den zweiten Blick“ gestartet. Zu diesen Talenten gehören Bildungsbenachteiligte mit und ohne Migrationshintergrund genauso wie etwa eine Gymnasiastin, die eigentlich alle Voraussetzungen mitbringt teilzunehmen, sich aber vielleicht nicht traut. Hier bieten wir gezielte Fortbildungsangebote für Lehrkräfte und für potenzielle Projektbetreuer an.

Der Mädchenanteil lag 1966 bei gerade mal 8 Prozent, jetzt sind es rund 38 Prozent – da ist also noch Luft nach oben …

Absolut. Der Mädchenanteil schwankt auch nach Fachgebieten. In der Biologie liegt er bei mehr als 50 Prozent, in der Chemie ist das Verhältnis bei etwa 50:50. In der Mathematik ist der Mädchenanteil deutlich niedriger und in der Technik liegt er um die 15 Prozent.

Wie hat sich der Anteil von Gruppen- und Einzelarbeiten verändert?

Wir sind und waren immer ein Gruppenwettbewerb, Einzelarbeiten machen traditionell etwa ein Drittel der Projekte aus. In der Mathematik haben wir sehr viel häufiger Einzelprojekte als in Fachgebieten wie Biologie oder Technik. Was zunimmt, ist eine Professionalisierung: Im Rahmen der Projektarbeit definieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Aufgaben und Rollen im Team sehr genau. Da staunen wir manchmal, wie sie sich organisieren. 

Wie haben sich die thematischen Schwerpunkte bei den Projekten verlagert? In den 1960ern gab es offenbar auch bei „Jugend forscht“ schrankenlose Zukunftsbegeisterung, in den 1970ern wurde dann verstärkt die Umweltverschmutzung in den Blick genommen. Wie sieht es heute aus? 

Ich finde es immer wieder frappierend, wie sehr die Jungforscherinnen und Jungforscher aktuelle Fragestellungen aufgreifen, die derzeit auf der Agenda von Wissenschaft und Gesellschaft stehen. Aktuell gibt es ein großes Interesse an Umweltthemen, grüne Themen von Klimaschutz über erneuerbare Energien bis hin zur Belastung durch Mikroplastik. Und auf dem Höhepunkt der Finanzkrise hatten wir beispielweise im Bundesfinale ein Projekt zur Finanzmathematik.

Mit einem Preis bei „Jugend forscht“ muss das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht sein. Heute gibt es zahlreiche Anschlusswettbewerbe auf internationaler Ebene. Wie schneiden die deutschen Teilnehmer da ab?

Auf europäischer Ebene sind unsere Jungforscher außerordentlich erfolgreich. Kein Land hat seit Gründung des „European Union Contest for Young Scientists“ mehr Preise gewonnen. Jedes Jahr starten dort drei Bundessiegerprojekte. Und auch beim weltgrößten Nachwuchsforscherwettbewerb, der „Intel ISEF“ in den USA, bei dem mehr als 1 500 Teilnehmer antreten, konnten wir in den vergangenen Jahren immer wieder die Konkurrenzfähigkeit der deutschen MINT-Talente unter Beweis stellen: 2017 errang Bundessieger Ivo Zell den Gesamtsieg.

Was wissen Sie über den weiteren Werdegang der „Jugend forscht“-Teilnehmer?

Vor einigen Jahren haben wir ein Alumni-Programm eingerichtet, mit dem wir unsere ehemaligen Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der Berufsorientierung und auf allen Ausbildungsstufen begleiten wollen. Durch Umfragen wissen wir, dass neun von zehn „unserer“ erfolgreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer tatsächlich ein MINT-Fach studieren. Rund 30 Prozent gehen dann in die Wirtschaft, einige werden Gründer. Und etwa 30 Prozent bleiben als Dozenten oder Professoren an der Universität. 

Gibt es prominente Namen, bekannte Wissenschaftler?

Eine ganze Reihe, nur leider noch keinen Nobelpreisträger. Einer unserer prominenten Alumni ist Günter Ziegler, der neue Präsident der FU Berlin, ein herausragender Mathematiker und Leibniz-Preisträger. Die Physik-Professorin Gisela Anton wurde 1975 Bundessiegerin bei „Jugend forscht“ und lernte dort ihren späteren Mann Frank Anton kennen, ebenfalls Bundessieger und heute bei Siemens Leiter einer Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Michael Köhl war Bundessieger, ist heute Professor für Physik an der Uni Bonn und hat den wertvollsten deutschen Wissenschaftspreis gewonnen, die Alexander-von-Humboldt-Professur. Und dann natürlich unser Paradebeispiel: Andreas von Bechtolsheim, der im Silicon Valley Sun Microsystems gegründet und Oracle mit aufgebaut hat. Er war einer der ersten Google-Investoren und betreibt jetzt gezielt Start-up-Förderung.

Jugend forscht

Seit mehr als 50 Jahren ist es das Ziel der Stiftung Jugend forscht, Jugendliche für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu begeistern. Pro Jahr gibt es 110 Wettbewerbe. Die Anmeldefrist für den nächsten Wettbewerb läuft noch bis zum 30. November.

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27.08.2018 , Interview: Thomas Röbke
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