Standpunkt
„Wissenschaft ist ein Teamsport“

Prof. Dr. Martin Keller ist Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft. Bild: Helmholtz/Phil Dera
Wir bei Helmholtz stehen für eine Wissenschaftskultur, in der Menschen respektiert werden, willkommen sind und ihre Perspektiven einbringen können. Ein Standpunkt von Helmholtz-Präsident Martin Keller.
Es gibt Momente, die vergisst man nicht. So einen Moment habe ich in meinen letzten Monaten in den USA erlebt. Ein Mitarbeiter aus Indien wurde von ICE-Beamten aufgegriffen. Er hatte seine Papiere nicht dabei, weil er sie für die Beantragung seiner Green Card ein paar Tage zuvor eingereicht hatte. Einen halben Tag lang wusste niemand, wo er war. Als er später in mein Büro kam, sagte er: „Martin, ich halte es hier nicht mehr aus.“
Dieser Satz beschäftigt mich bis heute, weil er zeigt, wie schnell sich ein gesellschaftliches Klima verändern kann und demokratische Grundwerte, die wir bislang als selbstverständlich erachtet haben, zu zerbrechen drohen.
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Deshalb ist es in diesen Zeiten wichtiger denn je, über Vielfalt zu sprechen. Es geht um das Fundament unseres gesellschaftlichen Miteinanders, das auch in der Wissenschaft eine extrem wichtige Rolle spielt. Durchbrüche entstehen nicht, wenn alle ähnlich denken, sondern dann, wenn verschiedene Erfahrungen, Perspektiven und Lebensrealitäten zusammenkommen. Das betrifft nicht nur Teams in der Forschung, sondern auch in den Research Operations, die Wissenschaft überhaupt erst möglich machen – etwa bei der Planung der nächsten Generation von Forschungsinfrastrukturen.
Wir alle müssen dafür sorgen, dass Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts sowie mit verschiedenen kulturellen Backgrounds und Biografien ihre Sichtweisen einbringen können. Dafür brauchen wir Vertrauen und Strukturen, die vor Diskriminierung schützen, Teilhabe möglich machen und Barrieren abbauen – für internationale Kolleg:innen ebenso wie für Menschen mit Beeinträchtigungen, Care-Verantwortung, Neurodivergenz oder unterschiedlichen sozialen Hintergründen. Aus diesem Grund müssen wir uns immer wieder fragen: Wie schaffen wir Vertrauen? Wie schützen wir Menschen vor Ausgrenzung? Wie stellen wir sicher, dass alle wirklich teilhaben können? Wo funktioniert das schon und wo müssen wir noch besser werden?
In den vergangenen Jahren haben wir verschiedene Initiativen und Förderprogramme ins Leben gerufen, um diese wichtigen Fragen gezielt anzugehen. Im Rahmen der Förderinitiative Diversity unterstützen wir seit 2023 mehrere Helmholtz-Zentren dabei, ihre Prozesse diversitätssensibler zu gestalten und weiterzuentwickeln. Ein weiteres Beispiel ist das Diversity-Equity-Inclusion-(DEI-)Netzwerk, das innerhalb der Helmholtz-Gemeinschaft Raum für Austausch, Beratung und gemeinsames Lernen schafft. Mit dem Helmholtz Distinguished Professorship und dem Erstberufungsprogramm fördern wir außerdem Wissenschaftlerinnen in unterschiedlichen Phasen ihrer Karriere. Alle diese Maßnahmen machen am Ende des Tages aber nur dann einen Unterschied, wenn wir das richtige Mindset haben. Ich bin überzeugt, die große Stärke von Helmholtz liegt in unserem Cross-Cutting-Mindset.
Gerade jetzt, wenn Offenheit und Vielfalt in anderen Teilen der Welt unter Druck geraten, sollten wir deutlich zeigen, wofür wir bei Helmholtz stehen: für eine Wissenschaftskultur, in der Menschen respektiert werden, willkommen sind und ihre Perspektiven einbringen können. Ich sage immer: Wissenschaft ist ein Teamsport. Lasst uns also alle gemeinsam dazu beitragen, dass diese Kultur im Alltag spürbar wird – damit niemand zu uns kommen muss, um zu sagen: „Ich halte es hier nicht mehr aus.“
Leser:innenkommentare