Im Badischen Staatstheater Karlsruhe diskutierten Wissenschaftler, Künstler und Publikum über die ethischen Implikationen der Stammzelltherapie. Bild: Chris Frühe

Theater trifft Wissenschaft

Im Kreislauf des Lebens

Wie weit reicht die Freiheit der Forschung – und wie setzt die Gesellschaft angemessene Grenzen? Am Badischen Staatstheater Karlsruhe diskutierten Wissenschaftler und Künstler nach einer Vorstellung von „The Broken Circle“ über die Ethik der Stammzellforschung.

Elise und Didier könnten unterschiedlicher nicht sein: Er ist Musiker in einer Bluegrass-Band und überzeugter Atheist; sie arbeitet als Tätowiererin und sehnt sich nach etwas, das jenseits des menschlich Erfahrbaren liegt. Die Musik führt das Paar zusammen. Leidenschaftlich lieben sie sich, feiern ausgelassen Hochzeit. Ein gemeinsames Kind krönt das Glück. Doch mit sechs Jahren erkrankt die Tochter Maybelle an Leukämie, und für die kleine Familie beginnt ein kräftezehrender Kampf gegen die heimtückische Krankheit. Keine Therapie schlägt an; eine letzte Hoffnung setzen die Eltern in die Stammzellforschung, doch diese kommt wegen blockierter Gesetzesvorlagen nicht voran. Maybelle stirbt. Die Frage nach den Ursachen der Krankheit, gar nach der eigenen Schuld, treibt Elise und Didier auseinander. Ihre Ehe zerbricht. 

Höchstes Glück und tiefstes Leid, Hoffnung und Verzweiflung, die Suche nach dem Sinn des Lebens und Sterbens – das alles schildert das Stück „The Broken Circle“ von Johan Heldenbergh und Mieke Dobbels. Am Badischen Staatstheater in Karlsruhe hat Schauspieldirektorin Anna Bergmann das Drama in deutschsprachiger Erstaufführung inszeniert: hochemotional, intim und expressiv zugleich. 

„The Broken Circle“ stellt ein individuelles Schicksal dar, wirft aber auch grundlegende Fragen nach der Ethik der Forschung und nach einem wertebasierten Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft auf. Als das Stück 2007 entstand, hatte der damalige US-amerikanische Präsident George W. Bush gerade zum zweiten Mal ein Gesetz zur embryonalen Stammzellforschung gestoppt. Stammzellen ließen sich damals nur aus menschlichen Embryonen gewinnen. Die ethischen Implikationen sind enorm. Wie weit darf die Medizin gehen, um Patienten zu heilen? Doch auch wenn es heute theoretisch möglich ist, Stammzellen im Labor aus bestimmten Körperzellen entstehen zu lassen, bleibt die Debatte kontrovers. Denn im Prinzip kann aus einer Stammzelle, die im Labor erzeugt wurde, ein Mensch entstehen. 

Das Publikum am Badischen Staatstheater erhielt nun nach einer mit stehenden Ovationen belohnten Vorstellung von „The Broken Circle“ am 17. November 2019 Gelegenheit, die aufgeworfenen Fragen mit Experten zu erörtern: Erstmals war die von der Helmholtz-Gemeinschaft initiierte Reihe „Theater trifft Wissenschaft“ in Karlsruhe zu erleben und brachte Forscher, Künstler und Zuschauer zu einer Podiumsdiskussion zusammen. 

Theater trifft Wissenschaft – Podiumsdiskussion über Ethik der Stammzellforschung

Was sind Stammzellen, und welches Potenzial besitzen sie? Ausgehend von dieser Frage moderierte der Mit-Initiator der gemeinsam mit deutschen Theatern ausgerichteten Reihe „Theater trifft Wissenschaft“, Andreas Kosmider von der Helmholtz-Gemeinschaft, die Diskussion. „Stammzellen sind quasi die Ersatzteillager der Organismen“ antwortete Daniel Besser, Geschäftsführer des German Stem Cell Network (GSCN). Wie der Molekularbiologe und Stammzellforscher erklärte, können Stammzellen perfekte Kopien von sich anfertigen sowie sich ausdifferenzieren: Embryonale Stammzellen können sich zu jeglichen Zellen, adulte Stammzellen zu bestimmten Zellen entwickeln. Einige Erkrankungen, wie verschiedene Krebsarten, lassen sich mit adulten Stammzellen, über die jeder Mensch bis ins hohe Alter verfügt, wirksam bekämpfen. Zum Beispiel Blutkrebs. Die Krebszellen sitzen im blutbildenden System, das sich wiederum im Knochenmark befindet. Mit einer hoch dosierten Chemotherapie attackieren die Mediziner die Krebszellen. Die Folge ist allerdings, dass alle Zellen des Knochenmarks stark beschädigt werden. Bekommt der Patient jedoch über das Blut gesunde Stammzellen, erholt sich das blutbildende System. Mit dieser Behandlung können viele Leukämie-Patienten heute geheilt werden. Die Therapie anderer Erkrankungen, beispielsweise Parkinson oder Makuladegeneration, sowie die Grundlagenforschung können vom Einsatz embryonaler Stammzellen profitieren.

In Deutschland ist die Verwendung von humanen embryonalen Stammzellen in der Forschung zulässig, sofern die Stammzellen vor dem 1. Mai 2007 im Ausland gewonnen und nach Deutschland importiert wurden. Daniel Besser betrachtete die aktuelle Gesetzeslage kritisch. Er sprach sich dafür aus, das Thema Stammzellforschung im internationalen Kontext zu betrachten: Deutsche Wissenschaftler gingen zur Forschung ins Ausland; andererseits würden eventuell im Ausland entwickelte neue Therapien letztlich auch in Deutschland eingesetzt werden. Zudem plädierte Daniel Besser dafür, den Einsatz embryonaler Stammzellen auch für wirtschaftliche Zwecke zu erlauben, damit sich die Ergebnisse der Forschung in marktfähige Produkte überführen lassen. 

Dass die Gesellschaft Regeln für die Forschung aufstelle, sei grundsätzlich zu begrüßen, sagte Jörg Hoheisel, Molekularbiologe im Bereich Onkologie und Mitglied des wissenschaftlichen Rats des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ). Dies gelte für die Verwendung von menschlichen embryonalen Stammzellen ebenso wie beispielsweise für den verantwortungsvollen Umgang mit humangenetischen Analysen. Die auf größtmöglichem Konsens basierenden Regeln dürften allerdings nicht für alle Zeit feststehen, sondern müssten sich gegebenenfalls neuen Erkenntnissen anpassen. Darüber hinaus betonte Jörg Hoheisel die Verantwortung der Wissenschaft, ihre Erkenntnisse allgemein verständlich zu vermitteln, um eine breite Diskussion zu ermöglichen. „Auch von der Kunst erwarte ich, dass sie sich solcher Themen annimmt.“ 

Dies hat Regisseurin Anna Bergmann mit „The Broken Circle“ getan. Das im Stück geschilderte Einzelschicksal berge auch viel gemeinsam Erlebbares, sagte sie im Gespräch. Mit ihrer Inszenierung wolle sie zeigen, wie sich der Schmerz mit anderen teilen lasse. Das Drama vom Kreislauf des Lebens bewegt nicht nur das Publikum, sondern hat auch die Künstler an Grenzen geführt. „Wäre ich als Mutter in der im Stück geschilderten Situation, würde ich alles tun, damit mein Kind überlebt“, gestand Regisseurin Anna Bergmann. Die Darstellerin der Elise, Frida Österberg, sieht die Aufgabe des Theaters darin, eher Fragen zu stellen als Antworten zu liefern, wie sie erklärte. Jannek Petri, der im Stück Didier verkörpert, beschrieb den Probenprozess als vorsichtiges Herantasten, erzählte aber auch von Momenten der Überwältigung: „An der Stelle, an der das Kind stirbt, haben wir bei der Probe alle geweint.“ 

Szenen eines Lebens - Theater trifft Wissenschaft am Berliner Ensemble

19.11.2019 , Sibylle Orgeldinger

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