Debatte

An der Grenze zwischen Leben und Tod

Foto: cacciatore.di.sogni / photocase.de

Der Deutsche Ethikrat hat eine Stellungnahme zum Hirntod veröffentlicht. Katrin Amunts hat daran mitgearbeitet und berichtet von den Überlegungen im Rat.

Wann ist der Mensch tot? Früher dachte man: wenn das Herz aufgehört hat zu schlagen. Heute sagt die Medizin: wenn das Hirn nicht mehr aktiv ist. Was für die meisten Menschen kaum mehr als eine philosophische Debatte zu sein scheint, gewinnt schlagartig an Bedeutung, wenn es um das Thema Organspende geht: Wie können wir sicher sein, dass wir oder unsere Familienmitglieder wirklich tot sind, bevor uns unsere Organe entnommen werden?

Der 26-köpfige, vom Bundestagspräsidenten berufene Deutsche Ethikrat hat sich mit dieser Frage beschäftigt und vor wenigen Tagen eine Stellungnahme vorgelegt. Einstimmig waren seine Mitglieder der Auffassung, dass der Hirntod die Voraussetzung für eine Organentnahme bleiben muss. Abweichende Meinungen gab es allerdings schon bei der Frage, ob der Hirntod ein sicheres Todeszeichen ist – oder nur ein notwendiges Kriterium, um Organe zu entnehmen.

Katrin Amunts, Direktorin des Instituts für Neurowissenschaften und Medizin am Forschungszentrum Jülich, ist Mitglied im Ethikrat. Wir dokumentieren ihre Stellungnahme, die der Mehrheitsmeinung im Ethikrat entspricht.

„Fundamentale Fragen unseres Lebens“

Die Transplantation von Organen toter Spender zählt seit langem zu den etablierten Behandlungsmethoden in der Medizin. Sie trägt dazu bei, schwerkranken Menschen das Leben zu retten. Dieser sogenannten postmortalen Organspende liegt die Hirntodkonzeption zugrunde. Ein Mensch ist hirntot, wenn die Funktion des gesamten Gehirns irreversibel erloschen ist. Um das festzustellen, wird die Hirntoddiagnostik angewendet, die zu den sichersten diagnostischen Verfahren in der Medizin zählt.

Trotzdem haben wir uns im Ethikrat über zwei Jahre damit beschäftigt, eine Stellungnahme zu Hirntod und Organtransplantation zu erarbeiten. Aus meiner Sicht geschah das vor dem Hintergrund der schwierigen Diskussionen zur Organverteilung, dem sogenannten Organspendeskandal und der rückläufigen Anzahl von Organspenden in Deutschland. In dieser Situation ist es wichtig, dazu beizutragen, dass jeder Mensch eine informierte Entscheidung für oder gegen eine Organspende treffen kann. Dazu soll diese Stellungnahme beitragen. Ein Ziel ist es, Vertrauen in eine wichtige Aufgabe der medizinischen Versorgung zu stärken, bei der es darum geht, schwerstkranken Menschen zu helfen, die nur durch Transplantation eines Organs überleben können. Gleichzeitig muss sichergestellt sein, dass auch die Interessen und die Würde des Menschen, der seine Organe spendet, gewahrt sind. Diese beiden Aspekte sind per se keine Widersprüche, sondern bilden gemeinsam einen Kernbestandteil humanen Verhaltens.

Darüber hinaus berührt jedoch die Frage, wann ein Mensch tot ist und was während des Sterbens passiert, ganz fundamentale Fragen unseres Lebens. Schließlich müssen sich unsere Vorstellungen darüber, wie der Tod eines Menschen festgestellt werden kann, immer wieder am Stand der Wissenschaft messen und sie stehen immer in einem gesellschaftlichen Kontext und einer kulturellen Tradition, die sich ebenfalls verändern. Möglicherweise bringen neue Methoden, zum Beispiel der Neurobildgebung oder physiologische Untersuchungsmethoden in einigen Jahren neue Erkenntnisse, wie das Erlöschen von Hirnfunktionen noch differenzierter beurteilt werden kann. Deshalb werden wir uns der Frage, wann ein Mensch tot ist und wie das sicher festzustellen ist, wahrscheinlich immer wieder neu stellen müssen. Vielleicht sind wir aber auch in der Zukunft nicht mehr darauf angewiesen, lebende Organe von toten Spendern zu transplantieren, weil künstliche Organe zur Verfügung stehen.

Aus meiner Sicht ist das Hirntodkriterium nicht nur ein sicheres Kriterium, um das Ende dessen festzustellen, was gemeinhin als Leben bezeichnet wird, sondern es ist auch das am besten geeignete, weil es sowohl mentale als auch organismische Aspekte berücksichtigt. Beide sind untrennbar miteinander verbunden, wie die zwei Seiten einer Medaille. Für beide ist das Gehirn notwendige Voraussetzung. Das Gehirn hat eine besondere Rolle im Organismus, denn es erbringt für ihn eine Integrationsleistung, ohne die er nicht als Organismus existieren kann. Das Gehirn steuert über Nervenfasern, die biologisch aktive Stoffe freisetzen sowie direkt über Hormone den gesamten Organismus und ermöglicht es, das Gleichgewicht des Organismus zu gewährleisten und in spezifischer Weise auf die Umwelt zu reagieren und sich ihr anzupassen. Dies wird durch komplizierte Rückkopplungsmechanismen ermöglicht, die ohne Gehirn nicht realisiert werden können. Das Gehirn trägt damit unmittelbar dazu bei, dass die Integrität des Organismus in einer sich ändernden Umgebung aufrechterhalten werden kann.

Es ermöglicht aber auch das bewusste und unbewusste „Erleben“ der Umwelt und des eigenen Körpers. Es ist die Grundlage der Wahrnehmung von Berührungen, Temperatur, Schmerz, Geruch und anderen Reizen, und bestimmt wesentlich unser rationales und emotionales Verhalten. Es ist unabdingbare Voraussetzung, damit wir uns als Person erleben und Grundlage von Subjektivität. Die neuronale Architektur des Gehirns zu verstehen, die Voraussetzung und Grundlage aller Hirnaktivität sind, zählt immer noch zu den großen Fragen der Neurowissenschaft. Es ist offensichtlich, dass die Klärung dieser Fragen nicht nur für die Grundlagenforschung von Bedeutung ist, sondern auch große klinische Relevanz für alle Fragen in Zusammenhang mit der Intensivmedizin, aber auch dem Hirntod hat. Auch wenn es immer noch offene Punkte gibt, ist es doch unstrittig, dass jedwede mentale Aktivität und damit auch die Fähigkeit zur Wahrnehmung der Existenz der eigenen Person an die Integrität des Gehirns geknüpft ist und nach dem Hirntod aufgehört hat zu existieren.


Die gesamte Stellungnahme des Deutschen Ethikrates finden Sie hier: Hirntod und Entscheidung zur Organspende

03.03.2015 , Stellungnahme: Prof. Dr. Katrin Amunts, Mitglied des Deutschen Ethikrats
Leserkommentare, diskutieren Sie mit (1)
Bettina Buzzi 04-03-2015 08:03

Wäre es nicht eine Notwendigkeit, dass sich jedes Mitglied des Deutschen Ethikrates in der Frage wann das Leben endet, mit Nahtod-Erfahrungen auseinandersetzen müsste? Während eines solchen Nahtod-Erlebnisses sind sowohl das EEG als auch das EKG komplett flach, "tot". Und doch gibt es viele Rückkehrer aus einem solchen Zustand. Und häufig muss eine Organentnahme rasch vollzogen werden und da entsteht doch ein Konflikt oder nicht?

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