Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar und Helmholtz-Präsident Otmar D. Wiestler betonen, dass Krisen wie die Pandemie und der Klimawandel auch Chancen für die Forschung bieten (Bild: Collage aus Ranga Yogeshwar; Helmholtz/David Ausserhofer).

„Wir dürfen nicht auf Untergangsszenarien setzen“

Was die Corona-Pandemie mit dem Klimawandel gemein hat, wie die Wissenschaftskommunikation reagieren sollte – und welche Chancen sich für die Forschung bieten. Zweiter Teil des Gesprächs von Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar mit Helmholtz-Präsident Otmar D. Wiestler.

Herr Yogeshwar, wird das Interesse für die Wissenschaft nach der Corona-Pandemie weiter fortbestehen?

Ranga Yogeshwar: Ich lehne mich mal aus dem Fenster: Sobald die Krise vorbei ist, wird das Interesse an Epidemiologie oder Virologie fast auf Null fallen. Die Hoffnung, dass der eine oder andere angefixt ist und weiter dranbleibt, mache ich mir nicht. Wir haben derzeit ein konkretes Problem, und sobald es mit Hilfe der Wissenschaft gelöst ist, wird das Interesse rapide nachlassen.

Aber im Hintergrund schwelt ja ein zweites, brandgefährliches Problem: die Klimakrise…

Otmar Wiestler: ...und ich sehe Parallelen zwischen Corona und dem Klimawandel: Genauso, wie die Pandemie letztlich nur durch Erfindergeist lösbar ist – ich meine die atemberaubend schnelle Impfstoffentwicklung –, so sind wir auch auf Innovationen angewiesen, um den Klimawandel zu bremsen. Ich denke beispielsweise an neue Energiesysteme, die Art und Weise, wie wir uns künftig bewegen und wie wir unsere Versorgung sicherstellen. Beim Klimawandel reden wir aber von einer ganz anderen Größenordnung und einer ganz anderen zeitlichen Dimension als bei Corona…

Ranga Yogeshwar: …der Klimawandel ist Corona XXL…

Otmar Wiestler: … Corona nimmt jeder als direkte Bedrohung wahr, während beim Klimawandel immer noch viele glauben, dass es schon nicht so schlimm kommen wird.

Ranga Yogeshwar: Ich würde deshalb aus den Reihen der Wissenschaft ein klares Statement erwarten. Erinnern wir uns: Schon im Jahr 2013 hat die Wissenschaft einen Bericht veröffentlicht, in dem sie vor der Bedrohung durch besondere Viren gewarnt hatte. Niemand hörte darauf. Ich finde, es ist an der Zeit zu sagen: Leute, wir haben euch vor der Pandemie gewarnt und ihr habt uns ignoriert. Jetzt sagen wir euch, dass es eine echte Bedrohung durch den Klimawandel gibt. Also macht bitte nicht den gleichen Fehler: Nehmt das endlich ernst!

Otmar Wiestler: Volle Zustimmung. Der Klimawandel ist auch eine große Chance, viele Bereiche des Lebens neu aufzustellen und echte Innovationen zu schaffen. Das ist ein Thema, das die junge Generation enorm stark anspricht. Wir sehen das bei uns in der Wissenschaft: Für diesen Bereich engagieren sich smarte, engagierte Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler ganz besonders. 

Otmar D. Wiestler ist Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft. Der Mediziner war zuvor Direktor des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Bonn und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg.

Teilen Sie diesen positiven Ausblick, Herr Yogeshwar?

Ranga Yogeshwar: Ja. Die Corona-Pandemie hat uns eins gezeigt: Wenn es eine Notlage gibt, sind die Menschen bereit und in der Lage, ihr Verhalten zu ändern und gegenzusteuern. Das ist eine Erkenntnis, die mir auch für das Thema Klimawandel Mut macht.

Bei der Pandemie sucht Politik und Gesellschaft den wissenschaftlichen Rat. Merken Sie, dass diese Erfahrung auf das Thema Klimawandel abfärbt?

Otmar Wiestler: Nein, das habe ich noch nicht unmittelbar gespürt. Aber wir müssen da selbst aktiver werden – das sehe ich übrigens als echte Gemeinschaftsaufgabe für Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus. Ich glaube durchaus, nach der Pandemie denken viele Menschen anders über den Klimawandel nach; sie spüren, wie weit fortgeschritten die Probleme bereits sind.

Das hört sich sehr finster an.

Otmar Wiestler: Das ist ein wichtiger Punkt. Wir dürfen nicht nur auf Weltuntergangsszenarien setzen. Wir müssen ohne Frage einen Weckruf absetzen, aber auch betonen, dass der Klimawandel eine Chance birgt, unsere Zukunft neu zu gestalten. Die Wissenschaft muss sicherlich noch überzeugender und zielgruppenorientierter Fakten formulieren – und so die Bevölkerung stärker mitnehmen.

Ranga Yogeshwar: Das kann ich nur unterstreichen. Denken Sie daran, dass die Politik in Sachen Klimawandel viel stärker von der Fridays for Future-Initiative beeinflusst wurde als durch die wissenschaftliche Beratung. Die Politik war geradezu gezwungen, auf diesen Schulterschluss zwischen jungen Menschen und der Wissenschaft zu reagieren. Wir sollten darüber nachdenken, wer eigentlich der Adressat ist, wenn wir in Sachen Klimawandel etwas verändern wollen – und das ist eben nicht lediglich die Politik, wie wir immer noch meinen. Und noch in einem anderen Punkt will ich Otmar Wiestler zustimmen.

Ranga Yogeshwar ist Deutschlands bekanntester Wissenschaftsjournalist. Der studierte Physiker moderierte ab 1993 die WDR-Wissenschaftssendung Quarks. Er ist als Moderator und Autor tätig. Mehrere seiner populärwissenschaftlichen Bücher wurden Bestseller.

Welcher ist das?

Ranga Yogeshwar: Die Wissenschaftler sind bisher häufig die Überbringer schlechter Nachrichten. Bei Corona sind sie es, die sagen, die Lockdown-Maßnahmen reichten nicht aus. Beim Klimawandel mahnen sie, diese Welt werde nicht mehr so weiterlaufen wie bisher. Die Morddrohungen, die derzeit gegen Virologen eingehen, zeigen deutlich, dass sie identifiziert werden mit diesen Botschaften…

Otmar Wiestler: ...dabei ist ja das Gegenteil richtig: Dass in so kurzer Zeit ein Impfstoff entwickelt wurde, sollten wir eigentlich feiern!

Ranga Yogeshwar: Und daraus müssen wir für den Klimawandel lernen. Dieser Begriff Klimawandel ist bei vielen Bürgern schon verbrannt, weil sie sagen: „Das höre ich jetzt schon seit Jahrzehnten!“  Wir brauchen ein neues Narrativ: Lasst uns unser Leben gemeinsam besser machen! Und da sehe ich übrigens noch eine Verbindung zu Corona: Die Pandemie hat uns klargemacht, dass es Alternativen gibt zu unserem „business as usual“. Wenn ich auf Vorträgen in die Runde frage, sagen mir die meisten Leute, dass sie viele Veränderungen beibehalten wollen – dass sie nicht mehr täglich durch den endlosen Stau ins Büro fahren werden, um dort doch wieder nur vor dem Bildschirm zu sitzen. Das wird eine dramatische Reduzierung von Mobilität zur Folge haben, und deshalb haben wir jetzt ganz gute Karten: Wir verbessern die Lebensqualität und helfen dabei auch noch dem Klima.

Herr Wiestler, die Wissenschaft als Überbringerin guter Nachrichten – ist das nicht nur ein PR-Trick?

Otmar Wiestler: Ohne die Wissenschaft lässt sich keine Krise bewältigen – sei es eine Pandemie oder die Klimakrise. Ich denke, ein positives Narrativ, dass die Konsequenzen, aber auch Chancen einer Krise hervorhebt, ist unerlässlich. Ich sehe das als große Gemeinschaftsaufgabe für Forscher, für Kommunikationsexperten und für Wissenschaftsjournalisten.

Erster Teil des Interviews mit Otmar D. Wiestler und Ranga Yogeshwar

27.04.2021 , Kilian Kirchgeßner
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