Der Ökonom Clemens Fuest ist Präsident des ifo-Instituts an der Universität München (Bild:ifo-Institut/flickr).

„Gesundheit ist auch ein hohes Wirtschaftsgut“

Jobs, Schulden, Investitionen: Kann sich die Wirtschaft nach dem Lockdown wieder erholen? Darüber und warum der Dialog zwischen Wirtschaft und Wissenschaft in der Pandemie wichtig ist, sprachen wir mit Clemens Fuest, Präsident des ifo-Instituts.

Herr Fuest, ein Aufatmen scheint derzeit durchs Land zu gehen: Die Infektionszahlen sinken, die Intensivstationen leeren sich, auf den Straßen sind wieder mehr Menschen unterwegs und gehen einkaufen oder ins Café. Atmet auch die Wirtschaft wieder auf?

Ja, das nehme ich ganz deutlich so wahr. Und das zeigt auch unser Geschäftsklimaindex: Darin schauen die Unternehmen so positiv auf ihr Geschäft wie seit zwei Jahren nicht mehr. Dieser starke Anstieg hat uns selbst überrascht.

Der Index beruht auf Selbstaussagen von Firmen. Sind seine Werte in Krisenzeiten wie diesen überhaupt belastbar?

Leider ist es tatsächlich so, dass für uns Ökonomen die Unsicherheit in den Daten immer dann besonders groß ist, wenn es besonders wichtig wäre, Prognosen für die Zukunft zu entwickeln. Speziell für den Geschäftsklimaindex ist dabei wichtig zu wissen: Er setzt sich aus zwei Komponenten zusammen. Zum einen fragen wir die Unternehmen nach ihrer derzeitigen Geschäftslage – das sind also belastbare Zahlen. Zum anderen aber fragen wir nach ihren Erwartungen für die nächsten sechs Monate. Und die sind derzeit für die meisten Firmen sehr schwer abzuschätzen. Für Konjunkturforscher übrigens ganz genauso. Dass sich die Wirtschaftslage aber im Vergleich zum Winter erheblich verbessert hat, steht außer Frage.

Dennoch waren die Verluste in vielen Branchen hoch. Lässt sich der bislang entstandene wirtschaftliche Schaden bereits seriös beziffern?

Gemessen am Bruttoinlandsprodukt rechnen wir für die Jahre 2020 und 2021 bislang mit einem Verlust von insgesamt 320 Milliarden Euro, ein Rückgang um rund 4,5 Prozent. Aber das Bruttoinlandsprodukt bildet nicht alle Kosten ab, die wir als Gesellschaft in dieser besonderen Situation tatsächlich getragen haben. Das Bruttoinlandsprodukt steigt ja zum Beispiel auch an, wenn wir mehr Masken, Beatmungsgeräte und Medikamente herstellen. Dabei handelt es sich aber um Güter, die wir herstellen, weil wir große gesundheitliche Schäden zu verkraften haben. Genauso die Schulschließungen: Die Verschlechterung der Bildung wird sich noch über Jahre hinweg in geringerer Produktivität niederschlagen. Das sind harte wirtschaftliche Kosten, die aber jetzt im Bruttoinlandsprodukt noch nicht sichtbar sind.

Sie rechnen damit, dass sich die Schulschließungen noch sehr lange negativ auswirken?

Ja, zumindest wenn wir jetzt nicht stark in die Bildung investieren. Denn schon vor der Pandemie entschied bei uns das Elternhaus stark über den schulischen und beruflichen Erfolg von Kindern: Kommen sie aus bildungsfernen Milieus haben sie es in Deutschland noch schwerer als in anderen Ländern, sich gute Einkommenschancen zu erarbeiten. Genau diese Kinder waren jetzt besonders betroffen von den Einschränkungen in den Schulen: Untersuchungen unseres Instituts zeigen, dass sie im Vergleich zu anderen Kindern mehr Zeit verbracht haben mit Computerspielen und Fernsehen, weniger mit Lernen und Schulaufgaben.
 

Welche Folgen befürchten Sie?

Wenn wir nicht gegensteuern, werden sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche weiter zurückgeworfen. Denn die Corona-Krise hat den digitalen Wandel in der Wirtschaft stark beschleunigt. Das eröffnet durchaus neue Berufschancen. Die können aber nur Menschen ergreifen, die anpassungsfähig und gut ausgebildet sind. Für Geringqualifizierte dagegen schwinden die Aufstiegschancen weiter. Das hat langfristig negative Folgen für die Gesamtwirtschaft.

 

Insgesamt wird die tatsächliche Schadenssumme für Wirtschaft und Gesellschaft also deutlich höher liegen als das Bruttoinlandsprodukt jetzt verrät.

Zweifellos. Trotzdem ist das Bruttoinlandsprodukt für Ökonomen ein wichtiges Maß, wenn wir die jetzige Situation mit anderen Krisen vergleichen wollen, etwa der Finanzkrise von 2008: Weltweit verzeichnet die Wirtschaft derzeit einen deutlich größeren Einbruch als vor gut zehn Jahren. In Deutschland aber schrumpft sie nur in ähnlich starkem Maße wie damals: Die Finanzkrise hat uns relativ hart getroffen, diesmal sind andere Länder stärker betroffen. Auch mit einer weiteren historischen Krise haben wir die aktuellen Daten verglichen: der Depression der 1930er Jahre.

Mit welchem Ergebnis?

Die Zahlen belegen, dass der aktuelle Einbruch deutlich kleiner ist als damals. Für einzelne Branchen ist die Situation natürlich dramatisch, etwa für die Gastronomie, die Reisebranche oder auch die Messebetriebe. Die Mehrheit der Unternehmen und Beschäftigten aber ist mehr oder weniger stabil durch die Krise gekommen.

Viele Menschen waren aber über Monate hinweg in Kurzarbeit. Gelingt ihnen die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt so reibungslos?

Dazu liegen uns erst wenige Daten vor. Anekdotisch höre ich aus den Unternehmen, dass dieser Prozess nicht ganz einfach ist. Viele Beschäftigte haben sich umorientiert und vielleicht einen Nebenjob angenommen, andere können noch nicht zurück, etwa weil sie zuhause noch Kinder zu betreuen haben – nicht überall sind die Schulen und Kitas wieder regulär geöffnet. Einige fürchten sich sicher auch noch vor einer Ansteckung bei Kunden oder Kollegen. Insofern haben manche Firmen derzeit eher Probleme Arbeitskräfte zu bekommen.

Zeigt diese zögerliche Rückkehr nicht auch, dass viele Beschäftigte das flexible Arbeiten von zuhause aus schätzen? Viele fordern solche Modelle ja schon lange.

Ja, in dieser Hinsicht hat Corona in vielen Unternehmen für einen kräftigen Modernisierungsschub gesorgt. Selbst Unternehmen, die zuvor Ideen wie Homeoffice eher abgelehnt haben, haben erkannt, dass mobiles Arbeiten gut funktioniert. In reduziertem Ausmaß werden wir deshalb sicher auch nach der Pandemie von zuhause aus arbeiten.

Profitieren von diesen flexibleren Arbeitsmodellen insbesondere Frauen? Sie gelten gemeinhin ja als Verliererinnen dieser Krise.

Das sind sie in vieler Hinsicht, wie aktuelle Studien zeigen. Das unterscheidet die Corona-Krise auch von vorangegangen Rezessionen: Die Finanzkrise etwa war eher eine Krise der Männer. Diesmal trifft es verstärkt die Frauen, und das gleich aus mehreren Gründen: In den Familien blieben meist die Mütter im Homeoffice und kümmerten sich um Haushalt und Homeschooling. Gleichzeitig traf der Lockdown viele Sektoren hart, in denen vornehmlich Frauen beschäftigt sind – sie hatten deshalb verstärkt Einkommensverluste zu verkraften. Andererseits aber arbeiten besonders viele Frauen auch in systemrelevanten Berufen: im Gesundheitswesen, als Altenpflegerin, an der Supermarktkasse. Dort waren sie in den vergangenen Monaten enorm gefordert. Mehr Homeoffice hilft also nur einem Teil der Frauen.

Wirft die Corona-Krise Frauen womöglich auch langfristig zurück?

Meine Sorge ist tatsächlich, dass Frauen, die ihre Beschäftigung verloren haben, jetzt nicht so schnell ins Berufsleben zurückkehren wie Männer. Dabei steht Deutschland bei ihrer Erwerbsbeteiligung ohnehin nicht so gut da: Zwar sind hierzulande viele Frauen berufstätig, aber oft in Teilzeitjobs – mit allen negativen Konsequenzen für Karriere und Einkommen. Nach wie vor ergibt sich bei Frauen oft ein Karriereknick, sobald sie Kinder bekommen. Das lässt sich auch mit Daten belegen: Solange sie kinderlos sind, entwickeln sich Einkommen und Karriere bei ihnen ähnlich wie bei Männern. Sobald aber Kinder zur Welt kommen, tragen Frauen die Lasten. Das hat sich in der Pandemie noch einmal verstärkt.

Sie erwähnten die systemrelevanten Berufe. Den Beschäftigten dort wurden schon vor Monaten höhere Löhne versprochen, auch als Anerkennung für ihren Einsatz in der Pandemie. Bislang ist aber nicht viel passiert. Wie schauen Sie als Ökonom auf die Debatte um gerechte Entlohnung?

Aus ökonomischer Sicht belegt der Lohn nicht, wie wichtig oder verdienstvoll eine Tätigkeit ist. Er pendelt sich stattdessen durch Angebot und Nachfrage ein: IT-Expertinnen und -Experten verdienen gut, weil sie rar sind. Sind Pflegekräfte begehrt, steigen auch ihre Löhne. Da ihre Bedeutung aber nach der Krise vermutlich wieder sinken wird, verlieren sie auch an Verhandlungsmacht. Hier stehen politische Entscheidungen an: Wer höhere Löhne verspricht, sollte sie auch zahlen, sonst geht Glaubwürdigkeit verloren. Klar ist aber auch: Das Geld für höhere Löhne muss irgendwoher kommen. Wer das Personal in Krankenhäusern besser entlohnen will, muss also die Beiträge für die Krankenversicherungen anheben oder Steuern erhöhen.

Kommen wir um Steuererhöhungen denn überhaupt herum? Wir brauchen doch sicher weitere Investitionen, um der Wirtschaft auf die Sprünge zu helfen.

Steuern würden die wirtschaftliche Erholung behindern. Ich bin optimistisch, dass die Wirtschaft jetzt ohne neue Konjunkturprogramme in Tritt kommt. Denn der Staat hat ja bereits viele Hilfen gezahlt. Bei der großen Mehrheit der Bevölkerung blieb das Einkommen stabil. Diese Menschen konnten aber gleichzeitig sehr viel weniger ausgeben, zum Beispiel weil Geschäfte und Restaurants geschlossen und Reisen nicht möglich waren. Deshalb haben derzeit viele Menschen hohe Ersparnisse, also hohe Kaufkraft. Sobald die Infektionszahlen nachhaltig zurückgehen und die Restriktionen weiter zurückgefahren werden, entsteht der Konsumboom deshalb ganz von selbst.

Auf weitere Hilfen können wir verzichten?

Zumindest weitgehend. Besonders betroffene Branchen brauchen sicher noch einmal etwas Unterstützung. Ich denke da vor allem an die Kultur. Hier sollte die Politik noch einmal Budgets bereitstellen und die Veranstalter auch besser absichern. Denn wer heute ein Konzert oder eine Theateraufführung plant, kann kaum abschätzen, ob die Veranstaltung tatsächlich stattfinden kann oder die Infektionszahlen noch einmal ansteigen. Dieses Risiko ist für Einzelunternehmen zu hoch, deshalb sollte hier der Staat einspringen, zumindest für einige Zeit. Solche gezielten Stützen wären jetzt wichtig. 

Und wie bauen wir den bereits entstandenen Schuldenberg wieder ab?

Glücklicherweise sind wir mit einer niedrigen Schuldenquote in die Krise gegangen, auch dank der viel gescholtenen Politik der schwarzen Null. Deshalb konnten wir in der Pandemie Geld in die Hand nehmen und die Wirtschaft stützen. Dadurch wird die Schuldenquote zwar steigen, von etwa 60 auf voraussichtlich etwa 70 Prozent unserer Wirtschaftsleistung. Das ist im internationalen Vergleich aber noch immer ein guter Wert. Deshalb wäre es in meinen Augen falsch, das die Schuldenquote jetzt kurzfristig zu reduzieren. Wenn sich die Wirtschaft erholt, fällt auch die Schuldenquote wieder.

Wenn Sie heute zurückschauen auf den Anfang der Pandemie: Wie haben Sie da den Austausch innerhalb der Forschung erlebt? Plötzlich mussten sehr unterschiedliche Disziplinen extrem intensiv zusammenarbeiten.

Ja, das ging sehr schnell. Für mich war das eine sehr positive Erfahrung: Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen riefen einander an und tauschten Ideen oder Einschätzungen aus. So kam es auch zu meiner Zusammenarbeit mit den Epidemiologen von Helmholtz: Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig kontaktierte mich spontan, weil ihn interessierte, wie ich als Wirtschaftswissenschaftler auf die Folgen von Lockdown und Lockerungen schaue.

Teilweise wurden Mediziner und Ökonomen medial ja anfangs eher als Gegner inszeniert. Wie haben Sie das empfunden?

Mir war es schon wichtig, die Perspektive der Wirtschaft einzubringen. Und natürlich betont der Mediziner den Wert der Gesundheit. Herr Meyer-Hermann und ich konnten gemeinsam mit Koautoren aber zeigen, dass die Interessen von Ökonomie und Medizin keine Gegensätze sind: Gesundheit ist auch ein hohes Wirtschaftsgut. Menschen sind bereit, sehr, sehr viel Geld dafür zu zahlen. Das bedeutet aber umgekehrt, dass sie nicht leichtfertig in Geschäfte, Restaurants oder Hotels gehen, wenn draußen ein gefährliches Virus grassiert. Deshalb war mir relativ schnell klar, dass Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie nicht nur medizinisch, sondern ganz klar auch ökonomisch wichtig sind.

Dazu haben Sie schon recht früh eine Studie veröffentlicht: im Mai vergangenen Jahres.

Ja, und die Ergebnisse haben sich seitdem bestätigt, auch mit Daten aus den USA und anderen Ländern Europas. Diese gemeinsame Studie mit den Infektologen von Helmholtz war für mich ein Augenöffner: Wir konnten zeigen, dass in einer Pandemie nur vorsichtige Schritte der Lockerung sinnvoll sind – medizinisch genauso wie ökonomisch.

Aber welchen Wert haben solche Erkenntnisse? Sie haben ja selbst untersucht, inwieweit Menschen bereit sind, während der Pandemie auf Ratschläge von Expertinnen und Experten zu hören. Das Ergebnis war ernüchternd, oder?

Das stimmt, leider hören Menschen nicht immer gerne auf Fachleute. Dazu haben wir während des ersten Lockdowns eine kleine Studie durchgeführt. Ganz gleich, ob wir dabei medizinische oder ökonomische Informationen gaben: Ein erheblicher Teil der von uns Befragten änderte ihre Einstellung nicht, etwa zu bestimmten Einschränkungen während der Pandemie. Dabei reagierten interessanterweise Ostdeutsche durchschnittlich deutlich weniger als Westdeutsche.

Wie erklären Sie sich das?

Wir vermuten, dass die Menschen in Ostdeutschland misstrauischer sind, weil sie historisch gesehen über einen längeren Zeitraum hinweg belogen wurden – von Fachleuten, aber auch von staatlichen Stellen in der DDR.

Insgesamt ist das Vertrauen in die Wissenschaft durch die Pandemie gestiegen. Manche Menschen zweifeln jedoch Daten an, halten Studien für gefälscht oder gekauft. Sorgt Sie das?

Menschen, die Experten nicht vertrauen, hat es immer gegeben. Bei einigen schlägt das mitunter um in ein irrational wirkendes Misstrauen. Aber ich sehe da einen fließenden Übergang: Wir wollen ja auch nicht in einer Gesellschaft leben, in der Menschen unkritisch sind. Und weite Teile der Bevölkerung haben den Experten in der Pandemie ja sehr stark vertraut. Insbesondere dann, wenn sie offen auch auf die Grenzen ihres aktuellen Wissens hingewiesen haben.

Ist das eine Lehre aus der Krise: Das es vor allem auf ehrliche Kommunikation ankommt?

Ja, das ist sehr wichtig. Ich kann mich gleichzeitig an keine Krise erinnern, in der so intensiv und auch mit so ehrlichem Interesse kommuniziert worden ist zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Da haben Forscher, aber auch viele Politiker in meinen Augen an Statur gewonnen.

11.06.2021 , Jenny Niederstadt
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