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Ausblick

Wie wir 2022 mit dem Virus leben

Bild: shutterstock/Christoph Burgstedt

Corona-Forscher:innen werfen einen Blick auf das neue Jahr: 2022 könnte die Pandemie enden. Das hat auch mit Omikron zu tun.

Zum Jahreswechsel war es ein Wunsch vieler Menschen, weltweit: Sie hoffen auf ein Ende der Covid-19-Pandemie im neuen Jahr. Doch stattdessen nimmt die globale Erkrankungswelle gerade noch einmal an Fahrt auf. In vielen Ländern der Erde steigen die Infektionszahlen rasant – vor allem aufgrund von Omikron. Müssen wir also auch 2022 mit starken Einschränkungen leben?

Nicht unbedingt. Denn viele Forscherinnen und Forscher sehen gute Chancen, dass es ausgerechnet mit Omikron gelingen könnte, die Pandemie zu beenden und die endemische Phase zu erreichen. „Dann wäre das Sars-CoV-2-Virus zwar nicht verschwunden, aber wir würden deutlich besser mit ihm leben können, weil es seltener zu schweren Krankheitsverläufen führt“, erklärt Virologin Ulrike Protzer. Der Schlüssel dafür sei eine besser geschützte Bevölkerung, so die Institutsdirektorin am Forschungszentrum Helmholtz Munich. Und hier könnte sich Omikron als hilfreich erweisen.

Ulrike Protzer ist Institutsdirektorin des Instituts für Virologie bei Helmholtz Munich und Leiterin des Instituts für Virologie an der TU München. (Bild: Helmholtz Munich)

Denn die neue Virusvariante ist so ansteckend, dass sie die Inzidenzwerte in vielen Weltregionen in bislang unerreichte Höhen treibt. Es mehren sich allerdings die Anzeichen dafür, dass die durch Omikron ausgelöste Erkrankung weniger schwere Verläufe verursacht. Die Variante breitet sich jedoch so schnell aus, dass auch bei einem geringeren Anteil schwerer Verläufe die ohnehin schon belasteten Gesundheitssysteme an ihre Grenzen stoßen könnten. Zugleich sorgt auch die hohe Anzahl Infizierter mit milden Verläufen für Probleme. Denn auch dann sind die Betroffenen zumindest für einige Tage in Quarantäne und nicht arbeitsfähig. So entstehen  gefährliche Personalengpässe, etwa bei Polizei und Feuerwehr oder in der Strom- und Wasserversorgung. Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens sind also nach wie vor geboten.

Gleichzeitig aber wird die starke Ausbreitung des Virus dafür sorgen, dass viele Menschen sich infizieren oder eine noch stärkere Immunantwort entwickeln, erklärt Expertin Protzer. „Gerade eine sehr infektiöse Variante wie Omikron boostert unser Immunsystem immer wieder: Selbst wenn wir uns nicht anstecken, weil wir geimpft sind, hat unser Körper doch noch einmal Kontakt mit dem Virus. Unsere Immunabwehr reagiert dann entsprechend und bleibt auf höchste Aufmerksamkeit geschaltet.“

Bis in den Sommer hinein werden deshalb die meisten Menschen einen stärkeren Immunschutz gegen Sars-CoV-2 entwickeln, erwartet die Virologin. Und die Infektionszahlen damit soweit drücken, dass die endemische Phase erreichbar wird.

Von einer Endemie sprechen Fachleute, wenn eine Erkrankung sich nicht mehr in der ganzen Welt verbreitet, sondern nur noch in einzelnen, begrenzten Regionen aufflammt. Wissenschaftlich sei allerdings nicht klar definiert, wann genau der Übergang von einer Pandemie in die Endemie gelungen ist, erklärt Gérard Krause, Epidemiologe vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. „Das Ende der Pandemie ist jedenfalls nicht gleichzusetzen mit der Eliminierung des Erregers – dies wird mit SARS-CoV-2 nicht erreichbar sein. Pragmatisch geht man dann von dem Ende einer Pandemie aus, wenn die Krankheitslast, ähnlich wie bei der Influenza und vielen anderen Atemwegsinfektionen, allenfalls sporadisch oder saisonal zu  punktuellen Belastungen des Gesundheitswesens führt“

Sars-CoV-2 würde sich dann einreihen in die Vielzahl von Viren, die Menschen weltweit ganz unterschiedlich stark bedrohen. Im Vergleich zu anderen Infektionskrankheiten sieht Krause die Menschheit im Fall von Covid-19 sogar besser gerüstet – durch die neuen Impfstoffe. Denn die mRNA-Vakzine lassen sich viel flexibler an neu auftauchende Virusvarianten anpassen. Für Omikron etwa werden diese Dosen schon in wenigen Wochen bereitstehen. „Ein phänomenales Tempo“, sagt Krause und verweist zum Vergleich auf die Impfstoffe gegen die Grippe. Diese werden jährlich angepasst, ihre Herstellung aber dauert etwa sechs Monate. „Deshalb muss über ihre Zusammensetzung zu einem Zeitpunkt entschieden werden, an dem wir noch gar nicht exakt wissen können, welche Variante des Grippevirus im Winter dominant sein wird.“ Die Entwickler können nur hoffen, dass sie richtig liegen – was mal besser, mal schlechter gelingt. Krause erwartet deshalb eine deutlich bessere Infektionskontrolle durch die neuen Impfstoffe. „Medizinhistorisch gesehen bringen sie einen Quantensprung im Kampf gegen Pandemien.“

Gérard Krause ist Leiter der Abteilung für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI). Bild: HZI

Hoffnung machen für das neue Jahr zudem die neuen Medikamente gegen Covid-19, die nun auf den Markt kommen. Sie schützen zwar nicht vor einer Infektion. Rechtzeitig eingenommen verhindern sie aber, dass sich die Erreger stark im Körper ausbreiten. „Die Präparate sind deshalb besonders wertvoll für Patienten, die sich nicht schützen können – etwa, weil sie sehr alt sind und deshalb trotz Impfung keine starke Immunantwort aufbauen können. Oder weil sie sehr krank sind und eine Strahlen- und Tumortherapie durchlaufen“, erklärt Virologin Protzer.

Zu befürchten bleibt aber, dass derart innovative Therapien lediglich die Industrieländer erreichen. Auch die Impfkampagne kann in vielen ärmeren Staaten kaum an Fahrt aufnehmen, solange die Vakzine nicht kostengünstig und in großer Zahl zur Verfügung stehen. Möglicherweise entwickelt sich die Pandemie deshalb weiterhin weltweit sehr ungleichmäßig, warnt Krause: Während es in Europa gelingen könnte, die Erkrankungszahlen auch längerfristig stark zu drosseln, könnte dies in anderen Regionen länger dauern. „Ähnlich kennen wir das von Erregern wie HIV oder den Meningokokken: Diese Pandemien suchen zahlreiche Regionen der Welt heim, führen auch zu vielen hunderttausend Todesfällen pro Jahr. Doch bei uns nehmen wir diese Bedrohung nicht mehr allgemeine Bedrohung wahr.“

So bleiben für das neue Jahr neben vorsichtig hoffnungsvollen Aussichten auch alt bekannte Probleme wie der ungleich verteilte Zugriff auf Impfstoffe und Medikamente. Immerhin: Zu Jahresbeginn meldete die internationale Impfstoffkampagne Covax, dass weltweit bereits zahlreiche Impfdosen an ärmere Länder geliefert werden konnten. Insgesamt 965 Millionen.

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