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Mit „One Health“ Pandemien bekämpfen

(Bild:picture alliance)

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Die aktuelle Corona-Pandemie zeigt: Die menschliche Gesundheit hängt mit der Gesundheit der Tiere und der Umwelt zusammen. Nur wenn wir diese Einheit im Sinne von „One Health“ begreifen, können wir künftig Pandemien verhindern.

An den Streit um den Mundschutz erinnert sich Josef Settele noch genau: Zehn Jahre ist es her, der Biologe vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) hatte mit Kollegen einen Aufsatz zu einem Pandemie-Szenario verfasst. „Es war als reines Gedankenspiel gedacht, als Schockszenario“, sagt Settele heute. Als Illustration schlug er ein Foto von Menschen mit Maske vor. „Der Verlag wollte mir die Idee ausreden, es sei viel zu schwarzmalerisch anzunehmen, dass die Leute auf der ganzen Welt mit Maske rumlaufen. Heute bin ich froh, dass ich damals auf dieses Foto bestanden habe.“

Josef Settele ist Agrarökologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) (Bild: André Künzelmann)

Josef Settele ist Spezialist für Biodiversität und seit vielen Jahren für die Erhaltung der biologischen Vielfalt unterwegs. Auf Lesungen, bei Gastvorträgen und Preisverleihungen, oder vor dem Bundeskabinett erklärt er immer wieder geduldig, dass Artensterben, Klimakrise und die Gefahr von Pandemien drei Katastrophen sind, die sich gegenseitig befeuern. „Die meisten Zuhörer sind völlig überrascht, wenn sie davon hören, was den Ausbruch von Krankheiten mit Biodiversität verbindet.“ Settele wählt dann üblicherweise einen stark vereinfachten Dreischritt, um die Zusammenhänge zu erläutern: „Wenn wir Wald zerstören, schaffen wir für wenige Tierarten phantastische Bedingungen. Diese Arten vermehren sich stark und in diesen dichten Populationen breiten sich Krankheiten schnell aus. Wenn dann auch noch der Mensch – zum Beispiel als Viehhalter oder als Jäger – mit ihnen interagiert, können die Erkrankungen auf ihn überspringen.“ Rasend schnell verbreiten sich die Erreger dann durch die Globalisierung weiter – so wie es vermutlich auch bei Covid-19 der Fall war.

In der Wissenschaft sind die Zusammenhänge schon länger bekannt: Die Erkenntnis, dass menschliche Gesundheit ursächlich mit einem gesunden Planeten und gesunden Tieren zusammenhängt, führte schon vor einigen Jahren zur Gründung eines Forschungszweigs, der als „One Health“ bezeichnet wird.

Der Biologe und Veterinärmediziner Fabian Leendertz ist Gründungsdirektor des Helmholtz-Instituts für One Health (HIOH) in Greifswald. (Bild: Stefan Sauer)

„Jeder definiert das ein wenig anders, manche bevorzugen auch die Bezeichnung ‚Planetary Health’“, sagt Fabian Leendertz, „aber der inhaltliche Kern ist überall gleich.“ Leendertz ist Tiermediziner und Gründungsdirektor des Helmholtz-Instituts für One Health, das gerade in Greifswald entsteht – eine der ersten Einrichtungen überhaupt, die sich dezidiert mit diesem Thema auseinandersetzen. „Wir wollen zu einem Knotenpunkt werden, um die Expertise aus ganz unterschiedlichen Forschungsbereichen zu verknüpfen“, sagt er.

Wie arbeitet das One Health-Institut?

Fabian Leendertz und Moderator Holger Klein sprechen in Folge 181 des Resonator-Podcasts über das neue Helmholtz-Institut für One Health in Greifswald.

Leendertz selbst ist seit Jahrzehnten auf Zoonosen spezialisiert – auf Krankheiten, die von Tieren auf Menschen überspringen – oder auch umgekehrt vom Menschen auf Tiere. „Mehr als die Hälfte der bekannten Erreger sind Zoonose-Erreger“, sagt der studierte Tiermediziner. Die Masern etwa: Nach neuesten Erkenntnissen sind sie 500 Jahre vor Christi vom Rind auf den Menschen übergesprungen. Oder Corona-Viren: Schon lange vor der aktuellen Pandemie verbreiteten sie sich im Tierreich und wurden dann zur menschlichen Krankheit. Das Gleiche gilt für Aids und Ebola. „Die Artenschranke funktioniert eigentlich sehr gut“, sagt Fabian Leendertz. „Die Hürde für eine Übertragung ist sehr hoch - bei Viren, die erst einmal an menschliche Zellen andocken müssen, nochmals höher als bei Bakterien.

Woher kommen Zoonosen?

Fabian Leendertz und Moderator Holger Klein sprechen in Folge 181 des Resonator-Podcasts über zoonotische Ereignisse.

Aber es kommt eben doch immer wieder zu folgenschweren Zufällen.“ An dieser Stelle kommt wieder die Klimakrise ins Spiel: Wenn eine Fledermaus mit gefährlichen Viren isoliert im tiefen Urwald lebt, sei das Risiko einer Übertragung erst einmal gering. Je näher ihr allerdings die Menschen rücken, weil Wälder abgeholzt werden oder austrocknen, desto größer werden die potenziellen Berührungspunkte. Ein anderes Beispiel: Wenn Menschen wegen Tierseuchen oder ungünstigen klimatischen Bedingungen keine Nutztiere mehr halten können, holen sie das Fleisch durch Jagd aus dem Wald – und kommen dabei Flughunden, Fledermäusen und Nagetieren nahe, die über Jahrhunderte weitgehend unbehelligt vom Menschen gelebt haben.

Wie gefährlich sind Fledermäuse?

Fabian Leendertz und Moderator Holger Klein sprechen in Folge 181 des Resonator-Podcasts darüber, wie Fledermaus-Viren auf den Menschen übertragen werden.

Die Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann. (Bild: Anatoli Oskin)

Einen ganz anderen Blick auf die Zusammenhänge hat Claudia Traidl-Hoffmann. Sie leitet das Institut für Umweltmedizin bei Helmholtz Munich und ist als Chefärztin am Universitätsklinikum in Augsburg tätig. In ihren Sprechstunden sieht sie, was der Klimawandel mit den Menschen macht – auch in unseren Breiten: Da kommen Patienten, die schon im Januar unter Heuschnupfen leiden und im März von Zecken gestochen werden, weil Jahreszeiten sich immer mehr verschieben. Da sind immer mehr Patienten, die mit unterschiedlichen Diagnosen während und kurz nach Hitzewellen ins Krankenhaus eingeliefert werden oder Arztkollegen, die vermehrt Symptome psychischer Erkrankungen oder viele Schlaganfälle bei bestimmten Wetterlagen feststellen. „Gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde“,  sagt Claudia Traidl-Hoffmann, „aber trotzdem ist die Umweltmedizin noch eine sehr neue Disziplin, die es nicht einmal an allen Universitätskliniken gibt.“ Mit ihren 50 Mitarbeitern leistet sie Grundlagenforschung auf diesem Gebiet. Auch die Zusammensetzung der Forschergruppe verdeutlicht, wie viele Aspekte in das One-Health-Thema hineinspielen: „In unserem Team sind nur drei Mediziner. Die anderen sind beispielsweise Biochemiker, Meteorologen, Ernährungswissenschaftler, Aerobiologen und Juristen.“ Die Folgen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit – sie sind so komplex, dass Ärzte in der Forschung längst nicht mehr alleine weiterkommen.

 

Was genau ist der One Health-Ansatz?

Die großen Veränderungen sind auch Thema von Annette Peters: Die Epidemiologin leitet das Institut für Epidemiologie bei Helmholtz Munich und ist zugleich Spezialistin für große, lang angelegte Bevölkerungsstudien. Die NAKO-Gesundheitsstudie etwa entsteht unter ihrer Führung – eine Studie, bei der mehr als 200.000 Probandinnen und Probanden über viele Jahre hinweg immer wieder untersucht werden. Auch Umweltfaktoren werden dabei mit erhoben; so lässt sich ihr Einfluss auf die menschliche Gesundheit auf viele Jahre hinweg untersuchen.

Annette Peters, Direktorin des Instituts für Epidemiologie bei Helmholtz Munich. (Bild: Christian Kielmann)

Und je tiefer die Forscher in das Geflecht von Neben- und Wechselwirkungen eintauchen, desto mehr Zusammenhänge entdecken sie. Es sei so, als vermesse man die Welt noch einmal neu, sagt Annette Peters: „Bei unseren Kohortenstudien sammeln wir Daten immer sehr nah am Individuum. Jetzt zoomen wir weg von der Person und schauen im Weitwinkel auf den Gesamtzustand des Planeten. Wir untersuchen die Faktoren, die menschliche Gesundheit beeinflussen, und lenken den Fokus dann wieder zurück auf das Individuum.“ Die komplexen Zusammenhänge werden auch von der Politik inzwischen immer mehr aufgegriffen – etwa über die Grenzwerte für Luftschadstoffe, die von der WHO festgelegt werden und oft Eingang in die nationale Gesetzgebung finden.

„Bei der Luftqualität muss man weltweit zusammenarbeiten“

Die One-Health-Forscher sitzen, so kann man sich das vorstellen, vor einem gewaltigen Puzzle, dessen einzelne Teile sie nach und nach zusammensetzen. Und jeder arbeitet dabei an einem anderen Ende des großen Bildes, das so stückweise entsteht. Fabian Leendertz etwa, der Tiermediziner und Gründungsdirektor des Greifswalder Instituts, organisiert mit seinen Kollegen eine One-Health-Surveillance: Mit Proben von menschlichem und tierischem Biomaterial, das sie sowohl in Mecklenburg-Vorpommern als auch in Afrika in regelmäßigen Abständen sammeln und anschließend archivieren, soll so eine Langzeit-Beobachtung von Erregern und ihrer Verbreitung möglich werden. Ähnlich wie eine Wetterstationen für  gespeicherte meteorologische Daten könne man sich diese Untersuchung vorstellen, erklärt Fabian Leendertz. Mit seinem Team arbeitet er gemeinsam mit lokalen Partnern in Afrika daran, vor Ort ein solides Know-How aufzubauen, damit die Kollegen dort beispielsweise auf neu auftretende Zoonosen schneller reagieren können. „Die Zusammenarbeit von Forschern weltweit ist wichtiger denn je“, betont Leendertz.

Jeder kann dazu einen Beitrag leisten.
Josef Settele, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)

Und auch Josef Settele, der Biodiversitäts-Experte vom UFZ, setzt auf Vernetzung und Aufklärung. „So wie sich die drei großen Krisen – Artensterben, Klimawandel, Pandemien – gegenseitig befeuern, so lassen sie sich auch gemeinsam bekämpfen“, ist Settele überzeugt. „Jeder kann dazu einen Beitrag leisten, von seinem persönlichen Mobilitätsverhalten angefangen bis hin zur Gestaltung des Gartens als Insektenparadies.“ Der Biologe hat ohnehin einen abgeklärten Blick auf das Thema. Um die Natur habe er keine Angst, die passe sich immer gut an neue Bedingungen an, sagt Settele: „Die Frage ist nur, welche Rolle wir Menschen in Zukunft spielen werden.“ Um eine positive Antwort auf diese Frage zu finden, arbeiten die One Health-Spezialisten zusammen: mit gebündelten Kräften auf der Suche nach Lösungen für Mensch, Tier und Klima.

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