Portrait

Wenn die Umwelt krank macht

Die Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann. Bild: Uniklinikum Augsburg

Allergien, Neurodermitis, Migräne – viele Erkrankungen können durch Umwelteinflüsse verursacht sein. Die Medizinerin Claudia Traidl-Hoffmann hat sich schon vor vielen Jahren darauf spezialisiert. Heute ist ihr Wissen gefragter denn je.

Die Patientin kam mit einem seltenen Phänomen in die Sprechstunde von Claudia Traidl-Hoffmann: Wenn sie bestimmte Gerüche wahrnimmt, reagiert sie darauf mit einer starken Migräne. „Multiple Chemikalien-Sensibilität“ heißt das unter Ärzten, und die besondere Schwierigkeit war in diesem Fall, dass die Patientin in der Parfümherstellung arbeitet. „Wir konnten zum Glück feststellen, welcher Duftstoff genau für die Probleme zuständig war“, sagt Traidl-Hoffmann, „die Frau konnte dadurch sogar in ihrem Labor weiterarbeiten.“

Die Therapie von Patienten ist die eine Seite der Arbeit von Claudia Traidl-Hoffmann als Direktorin der Hochschulambulanz für Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg. Wer die andere Seite kennenlernen will, muss tief eintauchen in die Labore, in denen ihr 50-köpfiges Team die Auswirkungen der Umwelt auf den Menschen untersucht – „ich versuche herauszufinden, wie die Umwelt den Menschen gesund erhält oder eben auch krank macht“, sagt die 49-Jährige dazu. Sie ist Direktorin des Instituts für Umweltmedizin am Helmholtz Zentrum München – Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt (HMGU) und hat den Lehrstuhl für Umweltmedizin an der Technischen Universität München inne.

"Es ist die Gesamtheit der Stoffe, die krank macht"

Ihr Fachgebiet ist in den vergangenen Jahren wegen der größeren Sensibilität für den Umweltschutz gesellschaftlich immer relevanter geworden – und vor allem immer sichtbarer. Die Bedeutung der Wissenschaftskommunikation, sagt Claudia Traidl-Hoffmann, nehme in jüngster Zeit immer weiter zu, getrieben von den aktuellen Schlagzeilen: „Wenn es neue Entwicklungen im Streit um Fahrverbote in den Innenstädten geht, steht bei uns das Telefon nicht mehr still“, erzählt sie. Am laufenden Band gibt sie dann Interviews, um zu erläutern, ob die Stickoxid-Menge in der Luft krebserregend sei. „Man kann das weder klar bejahen noch klar verneinen“, wiederholte sie in allen diesen Interviews: „Im Straßenverkehr ist man mit vielen Schadstoffen konfrontiert, insbesondere mit Partikeln unterschiedlicher Größe. Es ist die Gesamtheit der Stoffe, die krank macht.“

Aus dieser Antwort lässt sich die Schwierigkeit ihrer Forschung herauslesen: Einen kausalen Zusammenhang herzustellen zwischen auffälligen Häufungen bestimmter Krankheiten und konkreten Ursachen – das ist die Herausforderung, vor der sie mit ihren Kollegen in der täglichen Arbeit steht. Dazu arbeiten die Umweltmediziner eng mit Epidemiologen zusammen, die etwa in Bevölkerungsstudien bestimmte Korrelationen aufzeigen und mögliche Einflussfaktoren aus der Umwelt identifizieren. An der Stelle übernehmen Claudia Traidl-Hoffmann und ihr Team: Sie versuchen, in komplexen Zellsystemen und bisweilen auch mit Mäusen, die molekularen Mechanismen zu entschlüsseln, die zum Ausbruch bestimmter Krankheiten führen. Lässt sich ein Zusammenhang zwischen konkreten Schadstoffen und einer Erkrankung nachweisen, folgt der Schritt in Richtung Politik, damit passende Grenzwerte in den Gesetzen verankert werden können.

"Ich habe drei Schreibtische"

„Diese Arbeit funktioniert nur in großen und gut miteinander eingespielten Konsortien“, sagt Claudia Traidl-Hoffmann. In der Metropolregion München findet sie ein solches Netzwerk vor, und an vielen Stellen ist sie selbst engagiert: Neben ihren Aufgaben am Münchner Helmholtz-Zentrum und an der Technischen Universität ist sie eben auch in Augsburg tätig, wo sie seit inzwischen fünf Jahren die Hochschulambulanz für Umweltmedizin mit aufbaut. „Ich habe drei Schreibtische“, sagt die Forscherin mit Blick auf ihre verschiedenen Aufgaben und lacht, „und oft wird der Zug zu meinem Büro.“
Ihr geschärfter Blick auf die Gesundheitsgefahren hat dafür gesorgt, dass sie mit ihrer Familie versucht, „das Leben umzustellen“, wie sie es selbst nennt: „Inlandsflüge vermeide ich, und in den Urlaub fahren wir nach Österreich.“ Und bei Einkäufen achtet sie darauf, dass die Lebensmittel regional sind, schadstoffarm hergestellt wurden und am besten wenig verpackt sind.

Die gebürtige Sauerländerin hat ihr Medizinstudium in Aachen absolviert und sich früh auf die Forschung zu Allergien spezialisiert. Das brachte sie schließlich über die Dermatologie zur Umweltmedizin. Dass dieser Bereich gesellschaftlich so relevant wird, wie er es heute ist, war zu den Zeiten ihres Studiums noch nicht abzusehen. Die Debatte um Asbest beispielsweise gab es damals auch schon, aber viele der Folgen treten erst heute mit vielen Jahren Verspätung in vollem Umfang zu Tage. Ähnlich langfristig könnten auch die Wirkungen von anderen Stoffen sein, die seither in die Schlagzeilen geraten sind – von Weichmachern in Kunststoffen bis zu Stickoxiden, Feinstaub und den gesundheitlichen Effekten des Klimawandels.

Weil es oft schwer ist, konkrete molekulare Mechanismen nachzuweisen, brauche man in der Umweltmedizin eine hohe Frustrationstoleranz. „Inzwischen ist unser Team aber so groß und es laufen so viele Untersuchungen und Experimente parallel, dass trotz aller Sackgassen immer irgendwo etwas in Bewegung gerät“, sagt Claudia Traidl-Hoffmann. Und dann gibt es da ja auch noch ihre Sprechstunden, in denen sie Patienten mit Allergien, mit Neurodermitis oder anderen Umweltkrankheiten behandelt – so wie etwa jene Frau, die mit starker Migräne auf bestimmte Duftstoffe reagiert. „Diesen Menschen helfen zu können, das sind für mich immer wieder die Lichtblicke meiner Arbeit“, sagt sie. Das hehre Ziel der Umweltmedizin besteht in der Prävention, also der Vermeidung von Erkrankungen – und auf dieses Ziel arbeitet Traidl-Hoffmann jeden Tag hin.

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05.09.2019 , Kilian Kirchgeßner
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