Interview

„Gemeinsam einen Unterschied machen“

Bild: Sebastian Wiedeling

Katrin Böhning-Gaese ist Wissenschaftliche Geschäftsführerin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und nun seit dem 1. Januar 2026 für zwei Jahre auch Vizepräsidentin der Helmholtz-Gemeinschaft für den Forschungsbereich Erde und Umwelt. Worauf sie sich in ihrer neuen Rolle besonders freut, welche Pläne sie im Forschungsbereich hat, wie sie zur Wissenschaftskommunikation steht, und wie es gelingen kann, trotz aller Krisen zuversichtlich und optimistisch zu bleiben, darüber spricht sie im Interview.

Das Besondere hat für mich mehrere Facetten. Zum einen adressieren wir mit unserer Forschung Herausforderungen, die darüber entscheiden, ob und wie die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten auf der Erde leben wird. Also wie gehen wir mit dem Klimawandel um, dem Verlust der Biodiversität, der Degradierung der Ökosysteme, der Umweltverschmutzung, der Ressourcenknappheit oder mit geologischen Risiken?

Zum zweiten sind wir im Forschungsbereich ein einzigartiger Verbund von sieben Helmholtz-Zentren mit einer unglaublichen wissenschaftlichen Expertise, einer hervorragenden nationalen und internationalen Vernetzung und einer weltklasse Infrastruktur, die Langzeitobservatorien, Beobachtungsplattformen, Forschungsschiffe, Data Hubs und Solution Labs umfasst. All das zusammen macht es uns möglich, die komplexen Zusammenhänge auf unserem Planeten mit einem systemischen Ansatz zu erforschen – von den Gebirgen über die Städte bis hin zu den entlegensten Polarregionen. 

Und schließlich ein dritter Punkt: Genau wie es eine Erde gibt, forschen alle sieben Zentren seit mehreren Jahren in einem gemeinsamen Forschungsprogramm. Wir haben also gelernt, zusammenzuarbeiten. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Denn es sind eine Vielzahl von Menschen, Wissenschaftsdisziplinen, Interessen, Erwartungen und auch Strukturen unter einen Hut zu bringen. Aber wir wissen, dass wir es nur durch diese Zusammenarbeit schaffen werden, die Erde als Lebensraum für uns, unsere Kinder und Enkel zu erhalten.  

Als Vizepräsidentin habe ich das Privileg, tiefer in die Themen und auch die Arbeitsweise der anderen Forschungszentren des Forschungsbereichs einzutauchen. Ich werde also viel sehen, Neues dazulernen und mitgestalten dürfen – darauf freue ich mich sehr. 

Ich erwähnte bereits die großartige Zusammenarbeit im Forschungsbereich. Nichtsdestotrotz können wir unsere gemeinsame Arbeit weiter verbessern – und das ist mir ein großes Anliegen. Denn ich sehe dieses gemeinsame Ziehen an einem Strang als eine wichtige Voraussetzung, um super spannende neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, aber auch für den dringend notwendigen Impact in Wirtschaft und Gesellschaft. Valide wissenschaftliche Ergebnisse in Grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung sind wichtig und die harte Währung in der Wissenschaft. Aber um wirklich etwas verändern zu wollen, ist das zu wenig. Dafür brauchen wir Fallstudien und andere erfolgreiche Beispiele, die zeigen, wie konkrete Probleme des Systems Erde zu lösen sind - möglichst wirtschaftlich attraktiv, gesellschaftlich mehrheitsfähig und damit auch politisch durchsetzbar. Diese in die Fläche zu bringen, ist für uns alle gemeinsam die nächste Stufe, damit machen wir den Unterschied.

Ich finde das zu kurz gedacht. Die Wirtschaft ist schließlich kein eigener, abgeschlossener Bereich, arbeitet nicht in einem eigenen Universum. Vielmehr ist gerade sie auf eine gesunde Umwelt angewiesen, auf funktionierende Ökosysteme, sauberes Wasser, reichhaltige Böden, tolerierbares Klima. Das ist leicht zu übersehen, denn die derzeitigen Umweltveränderungen geschehen überwiegend schleichend. Besonders die biologische Vielfalt verschwindet eher im Stillen, fast unmerklich für uns Menschen – ob bei Pflanzen oder Vögeln, Säugetieren oder Insekten. 

Der neuste Weltrisikobericht, der vor wenigen Tagen vom Weltwirtschaftsforum veröffentlicht wurde, zeigt ein differenziertes Bild. In der Kurzfristperspektive werden derzeit wenig überraschend geopolitische Risiken priorisiert, aber auch gesellschaftliche Risiken wie „Erosion der Menschenrechte“ oder „unfreiwillige Migration“. In der Langfristperspektive dominieren dagegen nach wie vor die Umweltrisiken das Bild: „extreme Wetterereignisse“, „Verlust an Biodiversität“, „kritische Veränderungen des Erdsystems“, „Ressourcenknappheit“ und „Umweltverschmutzung“. Diese Risiken werden weiter wachsen, je länger man sie auf die lange Bank schiebt. Wir als Wissenschaftler:innen stehen in der Verantwortung, diese Risiken zu adressieren. Aber wir müssen noch weitergehen und konkrete Lösungsoptionen anbieten, zeigen, dass eine gesunde Umwelt eine wichtige Geschäftsgrundlage ist. Entsprechend sind Umwelttechnologien, was man schnell übersieht, nach der Informationstechnologie die am zweitschnellsten wachsende Branche in der Welt.

Die Krisen sind da, da gibt es nichts zu beschönigen. Aber es hilft uns wenig, im Beklagen der Umstände stecken zu bleiben, sondern wir müssen nach Lösungen suchen. Und dabei könnte es auch helfen, positive Beispiele zu identifizieren. Denn tatsächlich waren und sind wir in vielen Bereichen viel erfolgreicher, als sich das in der Sekunde anfühlt. Wir haben unglaublich lange Listen an Modellstudien, die zeigen, dass Transformation funktioniert. Im Biodiversitätsbereich kenne ich mich besonders gut aus. Da wissen wir zum Beispiel, dass zwei Drittel der Naturschutzprojekte weltweit erfolgreich waren; oder dass wir seit dem Gipfel in Rio 1992 bei Vögeln und Säugetieren auf der Erde zwar fünfzehn Arten verloren haben, aber gleichzeitig 28 bis 48 Arten gerettet haben. Das heißt, wir haben deutlich mehr erreicht, als wir verloren haben. Hinzu kommt auch, ein gewisses Vertrauen in die Natur wiederzuerlangen, denn die kann sich bis zu einem gewissen Grad selber heilen und uns Menschen damit bei der Lösung von Problemen etwa im Klimaschutz, der Wassersicherheit oder der Ernährungssicherheit helfen. 

Im Laufe meiner Karriere wurde mir immer bewusster, dass es – wenn wir etwas bewegen wollen in der Gesellschaft – nicht ausreicht, nur im wissenschaftlichen Elfenbeinturm zu sitzen, sondern wir unsere Ergebnisse viel mehr in Politik und Bevölkerung hineintragen müssen. Spätestens mit dem ersten Amtsantritt von Trump 2017 habe ich dann damit angefangen – auch um Fake News etwas entgegenzusetzen. Mit Journalist:innen über Wissenschaft zu sprechen, wissensbasierte Entscheidungsoptionen mit Politiker:innen zu diskutieren oder auch populärwissenschaftliche Vorträge zu halten – das ist mehr als Pflicht für mich, das macht mir unheimlich große Freude. Und so nimmt die Kommunikationsarbeit heute einen beträchtlichen Teil meiner Arbeits- und auch Freizeit ein.

Helmholtz Forschungsbereich Erde & Umwelt

Katrin Böhning-Gaese

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