Interview
„Für wirklichen Impact müssen wir noch internationaler sein“

Elissa Strome leitet die Pan-Canadian Artificial Intelligence Strategy beim Canadian Institute For Advanced Research (CIFAR). Bild CIFAR
Elissa Strome vom Canadian Institute for Advanced Research (CIFAR) spricht über die Chancen internationaler Forschungskooperationen, neue geopolitische Konstellationen und darüber, wie die nächste Generation von Forschenden zusammenwachsen kann.
Frau Strome, Sie haben einen schwarzen Gürtel im Kampfsport Taekwondo. Schnelligkeit und Reaktionsfähigkeit sind dabei zentral – helfen Ihnen diese Fähigkeiten beim Umgang mit Ihrem Forschungsfeld, der Künstlichen Intelligenz?
Für das Taekwondo braucht man zwei Dinge: Disziplin und Fokussierung. Ich selbst gehe dreimal pro Woche zum Training; man muss diszipliniert sein, wenn man etwas erreichen will. Das ist ohne Frage eine Parallele zum Umgang mit der KI. Die zweite Parallele ist die Fokussierung, die man bei diesem Sport braucht und auch auf dem Feld der KI. Die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, die klaren Chancen zu erkennen und das Umgebungsrauschen auszublenden. Und bei der Forschung zur KI gibt es sehr viel von diesem Rauschen.
Taekwondo ist ein Kontaktsport. Sehen Sie das Feld der KI auch als eine Kampfarena?
Das könnte eine interessante Analogie sein, ohne Frage – vor allem wegen des Wettlaufs rund um die Künstliche Intelligenz. Aber im Bereich der Forschung mag ich die Metapher von Kampf und Wettbewerb nicht. Uns geht es nicht darum, die stärksten, größten, umfassendsten KI-Modelle zu bauen, das sollte kein Selbstzweck sein.
Worum geht es Ihnen dann?
Unser Ziel ist es, diese Systeme wirklich zu verstehen. Natürlich wollen wir auch die Technologie entwickeln und voranbringen – aber auf eine verantwortungsvolle und sehr strategische Weise und um einen Nutzen für die Gesellschaft zu bringen. Wir wollen den technischen Fortschritt ausbalancieren, indem wir gleichzeitig ein Verständnis für die Risiken entwickeln und sie reduzieren. Da sind wir wieder bei der Fokussierung: Wir wollen die Vorteile nutzen, aber gleichzeitig die anderen Herausforderungen nicht aus dem Blick verlieren.
Sie selbst sind seit neun Jahren bei CIFAR und arbeiten dort an der Umsetzung der Pan-Canadian AI strategy. Was hat sich seither getan?
Als ich anfing, arbeiteten die Universitäten noch vornehmlich in Silos, ohne viel miteinander zu interagieren. Seither haben wir ein eng verbundenes Netzwerk aufgebaut, das exzellente Forschung überall im Land einbezieht und zu dem zahlreiche Weltklasseforscher gehören. Es gibt drei nationale KI-Institute (Amii in Edmonton, Mila in Montreal and das Vector-Institut in Toronto), die jeweils in ihrer Region eigene KI-Ökosysteme aufbauen – und diese Ökosysteme wiederum miteinander verknüpfen.
Wenn das so eingespielt ist: Was versprechen Sie sich dann zusätzlich von internationalen Kooperationen, wie sie etwa die EU mit ihrer Initiative für eine „Alliance for the future“ mit Kanada anstrebt?
Die Herausforderungen sind zu groß, als dass sie ein Land allein bewältigen kann. Es gibt viele Felder, auf denen die Stärken der EU unsere Stärken ergänzen können. Deutschland ist dafür ein Paradebeispiel: In Deutschland gibt es eine gewaltige Industrie mit einer langen Tradition im Bereich Forschung und Entwicklung. Da kann die KI nochmal unheimlich viel bewegen. In Kanada haben wir weniger Industrie und Industrieforschung, aber dafür eine grundlegende KI-Forschung. Deshalb ist eine Zusammenarbeit eine großartige Gelegenheit für beide Länder.
Kann eine solche Zusammenarbeit auch in anderen Forschungsbereichen jenseits der KI Schule machen?
Lassen Sie uns konkret auf Helmholtz schauen: Es gibt schon jetzt etliche erfolgreiche Kooperationen zwischen CIFAR und verschiedenen Helmholtz-Zentren. Bei CIFAR versuchen wir, die besten Leute zusammenzubringen und interdisziplinäre, internationale Forschungsnetzwerke zu bauen. Helmholtz ist hochattraktiv für Talente aus aller Welt. Die Forschungsexzellenz ist also etwas, das uns verbindet. Und unsere beiden Organisationen haben erkannt, wie wichtig die internationale Zusammenarbeit ist – das sind doch gute Vorzeichen!
Werden Sie gern konkreter: Welche Felder sind besonders interessant für Kooperationen zwischen Helmholtz und Kanada?
Es gibt schon eine gewachsene Verbindung in den Neurowissenschaften. Data Science ist ein weiteres Feld, und diese beiden Bereiche wiederum haben große Überlappungen mit KI-Forschung, von dem wir ja schon sprachen. Und noch ein Beispiel: Wir bereiten gerade eine Kooperation mit dem CISPA Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit auf dem Feld der Cybersicherheit vor. Und Potenzial gibt es ohne Frage auf weiteren Feldern. Wir bei CIFAR haben mehr als ein Dutzend verschiedene Programme; besonders stark sind wir etwa in der Biomedizin, in Materialwissenschaften oder auch im Bereich von Quanten-Materialen – ich bin überzeugt davon, dass es da gute Gelegenheiten zur Zusammenarbeit gibt.
Sind internationale Kooperationen in der Forschung heute wichtiger als noch vor zehn, fünfzehn Jahren?
Vor 15 Jahren war ich an der University of Toronto, und schon damals waren internationale Partnerschaften eine Priorität. In der Wissenschaft haben sie uns schon immer dabei geholfen, bessere Antworten zu finden und unsere nächste Generation von Forschern besser auszubilden. Aber natürlich werden die Anforderungen an die Infrastruktur mit den neuen Technologien immer größer – allein schon deshalb ist es wichtig, schlagkräftige Partner zu haben. Es gilt aber auch, dass internationale Partnerschaften zu den größten Herausforderungen gehören: Man kann ja nicht einfach zwei Forscher zusammenstecken und sagen: „Jetzt arbeitet mal schön zusammen!“ Wir müssen die richtigen Leute finden, die zusammenpassen, die sich inhaltlich ergänzen und ähnliche Ziele und Interessen haben. Genau das können wir bei CIFAR gut.
Fehlt in Ihrer Antwort nicht der Begriff der geostrategischen Interessen?
Sie haben völlig Recht: Die Geopolitik hat sich in den vergangenen 15 Jahren dramatisch geändert. Wir haben zum Beispiel mit den USA über viele Generationen hinweg einen Austausch und eine Zusammenarbeit aufgebaut. Aber wir diversifizieren unsere globalen Partnerschaften aktiv. Und jetzt schaut sich Kanada nach neuen Gelegenheiten um, sucht Partnerschaften mit anderen Ländern. Unser Premierminister Mark Carney spricht oft darüber, dass sich die Mittelmächte mit gemeinsamen Werten zusammentun sollten. Und er spricht über „variable Geometrien“ – also davon, dass es nicht mehr um eine exklusive Zusammenarbeit geht, sondern um flexible Allianzen, in denen wir mit verschiedenen Partnern für je verschiedene Fragestellungen zusammenarbeiten.
Wo sehen Sie die internationalen Forschungskooperationen in 20 Jahren?
Die Forschungsnetzwerke der Zukunft mit wirklichem Impact müssen noch internationaler sein, davon bin ich überzeugt. Kanada ist jetzt beim Horizon-Europe-Projekt dabei, und das passt gut zu unserem strategischen Fokus auf eine Zusammenarbeit mit Europa. Ich bin überzeugt davon, dass wir das Horizon-Projekt vergrößern und dass mehr kanadische Forscher darin eingebunden sein sollten - solche Mechanismen zur Forschungsförderung und Zusammenarbeit sind absolut essentiell. Und ich sehe noch einen wichtigen Bereich, nämlich den Austausch von Studierenden und Postdocs. Wir bei CIFAR haben zum Beispiel eine Partnerschaft mit dem ELLIS network …
… dem European Laboratory for Learning and Intelligent Systems …
… und viele early career researchers< werden von Professoren in Kanada und in Europa gemeinsam angeleitet. Damit bauen sie persönliche Beziehungen auf und lernen das Ökosystem auf beiden Seiten und mit seinen verschiedenen Facetten kennen. Solche Programme sind unheimlich wichtig, um die internationalen Kooperationen der Zukunft aufzubauen.
Elissa Strome leitet die Pan-Canadian Artificial Intelligence Strategy beim Canadian Institute For Advanced Research (CIFAR). Ihren PhD-Abschluss hat sie im Bereich der Neurowissenschaften an der University of British Columbia gemacht. Bei der Falling-Walls-Konferenz in Berlin wird sie über „Forschungs-Netzwerke der Zukunft“ sprechen.
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