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China

Forschung im „Land des Lächelns“

Bild: istockphoto.com/EdStock

Forschen in China kann anstrengend sein – das sagt jemand, der sich damit auskennt. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Pekinger Helmholtz-Büros haben wir den China-Experten Ingo Liefner befragt, wie es ist, im Land des Lächelns zu arbeiten und welche kulturellen und politischen Besonderheiten es im Wissenschaftsbetrieb gibt

Ingo Liefner ist Professor für Wirtschaftsgeographie an der Universität Gießen und China-Kenner. Er forscht zurzeit über das Entstehen sogenannter "eigenständiger" Innovationen in China, über chinesische Auslandsinvestitionen und internationalen Wissenstransfer sowie über regionale Innovationspfade in China.

Herr Liefner, wie es ist, als deutscher Forscher in China zu arbeiten?

In erster Linie: herausfordernd. China an sich ist für mich eines der spannendsten Forschungsgebiete. Ich würde sogar sagen, für die Wissenschaft ist es ein Eldorado, da es aufgrund der rasanten Entwicklung sowohl in der Politik als auch in der Öffentlichkeit in aller Munde ist.

"Herausfordernd" klingt aber nach mehr als nur purer Faszination. Kann China vielleicht auch ganz schön anstrengend sein?

Forschung in China ist nach meiner Erfahrung viel aufwändiger als zum Beispiel in den USA und somit auch anstrengender. Wer in China langfristig glücklich sein will, muss zumindest etwas chinesisch lernen. Englisch ist teilweise noch ein großes Problem, sogar an den Spitzenuniversitäten. Mir ist erst in China bewusst geworden, wie abhängig doch die Art des Denkens von der Sprache ist. Hinzu kommt, dass Sie das politische System kennen und sich mit der Geschichte Chinas auseinandersetzen sollten.

Wie wird mit Ihnen als Deutschem umgegangen?

Unter Wissenschaftlern sehr offen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine chinesischen Counterparts mir gegenüber immer alle neuesten Informationen und Ideen auf den Tisch gelegt haben. Genauso, wie ich das auch gemacht habe. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass alle, mit denen ich zusammengearbeitet habe, längere Zeit in Europa gelebt und gearbeitet haben.

Prof. Ingo Liefner, Bild: privat

Werden wir einmal etwas grundsätzlicher. Wenn Sie das deutsche und das chinesische Wissenschaftssystem miteinander vergleichen, was sehen Sie?

Das chinesische Wissenschaftssystem orientiert sich bei seinen Reformen stark an Vorbildern aus den USA und Europa. Allerdings nur an der Oberfläche. Denn eigentlich ist es konfuzianisch organisiert: Es gelten landesweit einheitliche Zugangsstandards und Aufnahmeprüfungen an Universitäten, die dazu führen, nur die allerbesten an sehr wenigen Orten, also an den besten Universitäten des Landes, zu versammeln.

Was ist daran konfuzianisch?

Landesweit einheitliche Aufnahmeprüfungen und selektiver Hochschulzugang sind ein Merkmal vieler asiatischer Hochschulsysteme, die man auch als konfuzianische Systeme bezeichnet. An den Spitzenuniversitäten gibt es eine unglaubliche Ballung von Talenten, während an den unzähligen kleinen Universitäten kein Potenzial vorhanden ist. Die Spreizung ist viel größer als in Deutschland.

Was macht so ein System mit den Menschen?

Dieser enorme Druck, sein Kind an eine der besten Unis unterzubringen, führt zu einer für deutsche Verhältnisse unverständliche Aufopferungsbereitschaft. Die ganze Familie spart viele, viele Jahre und stellt eigene Bedürfnisse zurück. Denn nur wenn der Spross auf die angesehenste Uni geht, wird etwas aus ihm.

Leistung ist also alles? Leistung um jeden Preis?

Ganz so dann doch nicht. Wie in jedem Land gibt es natürlich auch in China das Prinzip der Hierarchie der persönlichen Beziehungen: Entscheidungen hängen stark von den Persönlichkeiten ab, die sie fällen. In Deutschland ist das nicht anders, aber in China ist es enorm ausgeprägt. Auf jeder Verwaltungsstufe, beispielsweise auf der Stufe des Präsidenten einer Universität, gibt es zusätzlich immer einen Parteisekretär, der noch mächtiger ist. Wenn es hart auf hart kommt, setzt sich der Parteisekretär durch.

Also eine dauerhafte und strukturelle Einflussnahme durch die Partei. Ist die Partei der Staat?

Ich persönlich kann keine klare Trennung von Partei und Staat erkennen. Hier liegt übrigens ein Hauptunterschied zu Deutschland. In der Bundesrepublik bestimmt die Politik gewisse Eckpfeiler in Bildung und Forschung und finanziert wichtige, zukunftsträchtige Arbeitsgebiete, die der Gesellschaft zugutekommen, wie Gesundheitsforschung. Wie wir diese Themen bearbeiten, ist den deutschen Forschungseinrichtungen selbst überlassen. Das ist in China völlig anders: Der Staat greift inhaltlich stark ein. Er gibt Schwerpunkte der Universitäten und Forschungseinrichtungen und greift zum Teil auch in die konkrete Forschungsarbeit ein. Hochschulen, Professoren und Studierende müssen sich darauf einstellen. Uns ist das absolut fremd.

Ein Traumpartnerland für freiheitsliebende Wissenschafter sieht anders aus. Warum drängen trotzdem so zahlreiche deutsche und internationale Unternehmen und Forscherer nach China?

Einerseits sicherlich, weil es im Alltag, im persönlichen Miteinander dann doch anders läuft. Da sind dann die Freiräume. Außerdem, so sehe ich das zumindest, ist es immer spannend, in einem Land des schnellen Wandels zu arbeiten. Anders als in Deutschland steckt der chinesische Staat unfassbar viel Geld in die Universitäten, was das Arbeiten dort leichter macht. In China spielt Geld vielfach keine Rolle. Die Universitäten sind enorm gut ausgestattet, die technischen Geräte auf dem neuesten Stand, die Räume und Universitätsgebäude im besten Zustand und die Forschungsförderung ist hoch. Die Regierung beabsichtigt damit, dass die Topeinrichtungen zu denen der westlichen Welt aufschließen.

Sie haben anfangs betont, dass es wichtig sei, das politische System zu kennen und sich mit der Geschichte Chinas auseinandergesetzt zu haben. Warum?

Um zu verstehen, warum über manche Dinge nicht geredet werden darf, warum manches nicht deutlich angesprochen wird, anderes hingegen klar und deutlich. Generell gilt, dass Themen, die politische Aufmerksamkeit erregen, sehr mit Vorsicht zu genießen sind. Wenn Wissenschaftler beispielsweise finanziell gefördert werden, bedeutet das nicht nur Anerkennung für ihre Arbeit, sondern eine gewisse Verpflichtung, auch im Sinne staatlicher Ziele zu agieren.

Haben Sie mit Ihrer Forschung selbst schon einmal schlechte Erfahrungen mit dem Regime gemacht?

Ich weiß, dass meine eigenen Forschungsarbeiten zu Innovation und regionaler Wirtschaftsentwicklung auch den Behörden bekannt sind, Probleme gab es aber bisher nicht. Ganz anders beispielsweise bei einer Doktorandengruppe, die im Rahmen ihrer ökologischen Forschung GPS-Geräte zur Standortbestimmung verwendet haben. Sie bekamen Schwierigkeiten mit den Behörden, da der Einsatz von GPS-Geräten für solche Zwecke gesetzlich untersagt ist. Gerade bei sensiblen Forschungsthemen, wie der Umweltforschung, müssen sich die Forscher genau überlegen, wie sie die Themen bearbeiten. Auf gar keinen Fall dürfen sie populistisch sein und zu viel Medienaufmerksamkeit erregen.

Welche Forschungsgebiete sind für beide Partner besonders interessant?

Ich bin davon überzeugt, dass es mittlerweile in jedem wissenschaftlichen Bereich intensive enge Kontakte zwischen Deutschland und China gibt. Auf der nationalen Ebene beider Länder gibt es Themen, die derzeit in aller Munde sind, wie Elektromobilität. Auf der Ebene einzelner Bundesländer oder chinesischer Partnerprovinzen finden Sie ganz eigene Schwerpunkte für die Zusammenarbeit. Letztlich geht es immer auch darum, wie die Strategien der Partner zusammenpassen.

Sind die grundlegenden Forschungsfragen in China ähnlich wie in Deutschland?

Im Gegensatz zu unserem Ansatz, entlang der großen gesellschaftlichen Herausforderungen zu forschen und arbeiten, stehen in China nationale Ziele viel stärker im Vordergrund. Klima- und Umweltschutz ist für China beispielsweise auch ein großes Thema - jedoch vor allem auf nationaler Ebene. Hier stehen oft noch Fragen des Umgangs mit Müll oder der Luftverschmutzung im Vordergrund - Themen, die bei uns seit Jahrzehnten selbstverständlich sind. Hinzu kommt, dass die chinesische Forschung sehr viel stärker auf den kurzen Zeithorizont ausgerichtet ist: Die Wissenschaftler, Unternehmen und Politiker haben keine Zeit und keine Lust, ewig auf Ergebnisse zu warten.

Wie wirkt sich das auf die deutsch-chinesische Zusammenarbeit aus?

Ein gemeinsames Thema und ein gemeinsamer Wille reichen noch lange nicht aus für eine funktionierende Kooperation. Die verschiedenen Ziele und Interessen führen teilweise zu großen Konflikten. Vor allem die Umsetzbarkeit von Forschungsergebnissen im politischen Sinne spielt in Deutschland eine eher untergeordnete Rolle, ist in China aber existenziell. Auch die Vorstellung, dass Forschungsprojekte hierzulande sehr lange dauern, ist in China kaum nachvollziehbar. Dort wird heute entschieden, woran geforscht werden soll, morgen geht es los.

Und doch kooperieren beide Länder in vielen verschiedenen Projekten. Wie passt das zusammen?

Aus eigener Erfahrung ist es sehr hilfreich, wenn chinesische Wissenschaftler längere Zeit im westlichen Ausland verbracht haben und verstehen, wie westliche Forscher ticken, mit welchen Grundideen und Vorstellungen sie ihre Projekte angehen. Das gilt übrigens auch für die deutschen: ein längerer Aufenthalt in China erleichtert die Zusammenarbeit sehr. Ich kann mir keine erfolgreiche Zusammenarbeit vorstellen, wenn man das jeweilige andere Umfeld nicht kennengelernt hat.

Das hört sich so an, als wäre China auf Deutschland und die westliche Forschergemeinde angewiesen.

Teilweise ist das auch so, zumindest im Bereich der Grundlagenforschung, mit dem Ziel später in die Anwendung zu kommen. In diesem Falle ist China Technologie- und Wissensnehmer. Die chinesischen Firmen sind kaum daran interessiert, selbst grundlegend zu forschen. Sie sind sehr geschickt darin, Ergebnisse aufzunehmen und daraus neue Produkte zu entwickeln und Anwendungsfelder zu erschließen. Das kann zu Urheberrechtsproblemen führen, vor allem wenn traditionell gilt, dass die Kopie den Meister ehrt. Letztlich bleibt die Kritik, dass chinesische Firmen derzeit keine grundlegend neuen Technologien entwickeln.

Demnach müssen wir keine Angst vor der Forschungsstärke der Chinesen haben - wie so oft von Medien propagiert.

Nein. Es ist ein Geben und Nehmen. Deutschland und China konkurrieren in vielen Bereichen nicht miteinander, sie ergänzen sich. Deutschland wiederum kann von der Schnelligkeit, wie Produkte auf den Markt kommen, auch einiges von den Chinesen lernen.

Pressemeldung "Zehn Jahre Büro Peking - Helmholtz-Gemeinschaft feiert Jubiläum in China"

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