Biomedical Engineering als Chance für Europa

Berlin/Heidelberg, 29. September 2026. Europas Wirtschaft steht vor erheblichen Herausforderungen. Traditionsreiche Industriezweige wie die Automobil-, Chemie- oder Maschinenbauindustrie stehen unter hohem Transformations- und Wettbewerbsdruck. Die Helmholtz-Gemeinschaft setzt daher auf Forschung zu Zukunftsmärkten als Wirtschaftsmotor und hat nun gemeinsam mit EMBO Empfehlungen erarbeitet, wie sich Biomedical Engineering als starke Branche innerhalb der Europäischen Union entwickeln kann.
Biomedical Engineering verbindet Biologie und Medizin mit Ingenieurwissenschaften und künstlicher Intelligenz – etwa für Präzisionsdiagnostik, regenerative Medizin und die nächste Generation von Medizingeräten. Die Grundlagenforschung der EU-Mitgliedsstaaten in diesen Bereichen gehört zur Weltspitze. Doch bei der Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in marktfähige Produkte und Technologien fällt Europa zunehmend zurück. Viele dieser Produkte werden heute aus den USA, China oder der Schweiz eingekauft. Damit wächst eine strategische Abhängigkeit, die nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit der EU betrifft, sondern auch die Gesundheitsversorgung.
Wie Europa diese Lücke schließen kann, zeigen international führende Fachleute in einem Kommentar im Fachmagazin Nature. Auf Einladung von EMBO und der Helmholtz Biomedical Engineering Initiative haben sie konkrete Empfehlungen entwickelt. Ihre zentrale Forderung: eine koordinierte European Biomedical Engineering Agenda, die Europas wissenschaftliche Stärke dauerhaft in Innovationen, Patente und neue Gesundheitsunternehmen übersetzt.
Nach Ansicht der Autor:innen verfügt Europa sowohl über exzellente Forschung als auch über eine starke industrielle Basis. Was fehlt, sind geeignete Strukturen und ausreichend bioingenieurwissenschaftliches Know-how, um diese Stärken zusammenzuführen und Forschung konsequenter in neue Produkte und Unternehmen zu überführen.
Gerade im Biomedical Engineering entstehen neue Technologien erst durch das Zusammenspiel verschiedener Disziplinen – etwa wenn Erkenntnisse und Anwendungen aus Gesundheits- und Klimaforschung, Material- und Ingenieurwissenschaften oder Luft- und Raumfahrt zusammengeführt werden. Diese Integrationsleistung braucht Fachleute und Institutionen, die unterschiedliche wissenschaftliche Ansätze nicht nur zusammenbringen, sondern von Beginn an auf die Entwicklung anwendbarer Technologien ausrichten.
Ein zentraler Hebel ist aus Sicht der Autor:innen daher, Biomedical Engineering stärker als eigenständige wissenschaftliche Disziplin zu etablieren. Eigene Fakultäten und Professuren, international konkurrenzfähige Studiengänge und attraktive Karrierewege sollen die dafür notwendige Expertise aufbauen und dauerhaft verankern. Spezifische Förderprogramme und Begutachtungsgremien mit ausgewiesener Bioengineering-Expertise sollen zugleich dafür sorgen, dass interdisziplinäre und anwendungsorientierte Forschung gezielter unterstützt wird. Um wissenschaftliche Erkenntnisse schneller in die Anwendung zu bringen, braucht es darüber hinaus eine frühe Zusammenarbeit mit Kliniken und Industrie, Unterstützung bei Produktentwicklung und Validierung sowie gezielte Förderung von Ausgründungen. Zudem sollte die Vermittlung unternehmerischer Kompetenzen fester Bestandteil der Ausbildung sein. Bioengineering-Hubs sollten dort entstehen, wo bereits führende Universitäten, Krankenhäuser, Unternehmen, Investoren und Gründer konzentriert sind. So lassen sich Europas regionale Stärken in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen übersetzen.
Der Appell der Fachleute ist klar: Europäische Kommission, Europäischer Rat, nationale Regierungen, führende Universitäten, außeruniversitäre Forschungsorganisationen, Forschungsförderer und Industrie müssen gemeinsam handeln – und zwar jetzt. „Biomedical Engineering bietet enorme Chancen für Deutschland und Europa: für eine bessere Gesundheitsversorgung ebenso wie für Wachstum und technologische Souveränität“, sagt Helmholtz-Präsident Martin Keller. „Entscheidend ist, dass wir über Fach- und Institutionsgrenzen hinweg arbeiten und wissenschaftliche Erkenntnisse schneller in Innovationen bringen. So kommt Forschung den Menschen zugute und schafft neue Wertschöpfung.“
„Exzellente Forschung ist das Fundament, auf dem Innovationen entstehen“, sagt EMBO-Direktorin Fiona Watt. „Indem Organisationen wie EMBO herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über Disziplinen, Karrierestufen und Ländergrenzen hinweg zusammenbringen, können sie die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sich Biomedical Engineering in Europa erfolgreich weiterentwickelt.“
Über die Biomedical Engineering Initiative der Helmholtz-Gemeinschaft
Die Helmholtz Biomedical Engineering Initiative bringt Forschungseinrichtungen, Universitäten, Kliniken sowie Industrie zusammen und stärkt die Zusammenarbeit über Disziplinen, Institutionen und Sektoren hinweg. Ziel ist es, neue Gesundheitstechnologien schneller von der wissenschaftlichen Erkenntnis in die Anwendung zu überführen.
Über EMBO
EMBO fördert mit mehr als 2.200 führenden Forschenden die Exzellenz in den Lebenswissenschaften in Europa und darüber hinaus. Die Organisation unterstützt talentierte Forschende in allen Phasen ihrer Karriere, fördert den wissenschaftlichen Austausch und trägt dazu bei, bestmögliche Bedingungen für exzellente Forschung zu schaffen.
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