Gründerportrait

Sensortechnik mit Fingerspitzengefühl

Die Brüder Daniel und Michael Strohmayr. Bild: tacterion

Zwei Brüder aus München bringen Maschinen das Fühlen bei. Die von ihnen entwickelte druckempfindsame Sensortechnologie lässt sich sogar in flexiblen und dehnbaren Materialien verwenden.

Tippen, wischen, scrollen, zoomen, swipen. Die Bedienung technischer Geräte ist mit den heutigen Touchscreens sehr viel komfortabler und nutzerfreundlicher geworden – unablässiges Knöpfchendrücken ist inzwischen schon fast Geschichte. „Die schnelle und unkomplizierte Bedienung technischer Geräte ist heute das A und O“, sagt Michael Strohmayr, Gründer der tacterion GmbH, einer Ausgründung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). „Dabei sollte die Bedienung an das Nutzerverhalten angepasst sein – und nicht umgekehrt.“ Mit einer neuen druckempfindsamen Sensortechnologie (Plyon), möchten die tacterion-Gründerbrüder Michael und Daniel Strohmayr technische Produkte künftig mit Gefühl ausstatten – und so eine noch intuitivere Nutzung möglich machen. Die Sensoren können dabei sogar in flexiblen und dehnbaren Materialien, wie beispielsweise Textilien, eingearbeitet werden. Mögliche Anwendungsgebiete sehen die Gründer in ganz unterschiedlichen Bereichen, etwa dem Einsatz in mobilen Geräten, in der Automobilbranche, bei der Herstellung intelligenter Stoffe und Textilien, im Bereich Gaming und Virtual Reality oder in der Medizintechnik. 

Sensible Fingerspitzen für Roboterhände

Doch von vorn und wie und wo alles begann: Michael Strohmayr studierte Mechatronik an der Universität Augsburg und spezialisierte sich auf Robotik und Automatisierungstechnik. Seinen Master in Biomedical Engineering schloss er an der TU München ab. Bereits während des Studiums kam er als Werkstudent am Institut für Robotik und Mechatronik des DLR mit seinem späteren Forschungsgebiet in Kontakt. „Roboterhände mit Fingerspitzengefühl ausstatten – das Thema hat mich gleich fasziniert“, sagt Michael Strohmayr. „Es folgten sechs spannende Jahre Forschungs- und Entwicklungsarbeit am DLR.“ Eine sensible Roboter-Fingerkuppe herzustellen, die ebenso wie beim Menschen in zwei Dimensionen gekrümmt und flexibel verformbar und ist, war eine technische Herausforderung. Darüberhinaus sollten die Roboter-Fingerspitzen wie beim Menschen mit Druckempfinden ausgestattet sein. Die Sensoren mussten daher stabil sein und auch einer höheren Druckausübung standhalten können. „Bis dahin gab es keine Sensoren, die all diese Anforderungen erfüllten – wir mussten komplett bei Null anfangen“, sagt Michael Strohmayr. „Das Ergebnis kann sich aber sehen lassen: Plyon ist aus einem Kunststoffgemisch aus Silikon gefertigt, das in alle Richtungen flexibel biegsam ist, sich anpasst und nachgibt. Dorthinein werden spezielle leitfähige Materialien eingebracht, die als Sensor fungieren. Die Druckänderung einer Berührung wird dann als Änderung des elektrischen Widerstands messbar.“ Was genau dem Kunststoff beigemischt wird und wie der Herstellungsprozess bis zum fertigen Sensor aussieht, darf Strohmayr allerdings nicht verraten.
 

Mit Gespür in die Gründung

Während seiner Forschungstätigkeit als Postdoc kam der Gedanke auf, eine Ausgründung zu wagen. „Die flexible und druckempfindliche Sensoroberfläche könnte  ja nicht nur für Roboter-Fingerspitzen von Nutzen sein, sondern auch für die Steuerung technischer Geräte und Anlagen beispielsweise in Form von intelligenten Schaltern“, sagt Michael Strohmayr. Da die Sensoren mit nur einem Millimeter Höhe im Vergleich zu anderen Sensoren auch besonders flach sind, könnten sie auch in Kleidung oder anderen Textilien verarbeitet werden. 2014 bewarb er sich beim Ausgründungsprogramm Helmholtz Enterprise – und das erfolgreich. „Das Helmholtz-Programm war sehr hilfreich. So konnten wir alle Vorbereitungen für eine Ausgründung treffen und erste Kontakte zu Unternehmen knüpfen“, sagt Strohmayr.

Seinen Bruder Daniel, der ein Studium in Betriebswirtschaftslehre und Innovationsmanagement absolviert hatte und als Unternehmensberater für Startups und Familienunternehmen arbeitete, nahm er mit ins Gründungsboot. „Es passte wie die Faust aufs Auge“, sagt Michael Strohmayr. „Rückblickend könnte man glauben, wir hätten das alles aus langer Hand geplant, doch es hat sich einfach irgendwie gefügt.“ Und mit einer erneuten Fügung ging es weiter. „Im Anschluss an das Helmholtz Enterprise Programm haben wir nach einer 6-monatigen Fundraising-Phase bereits einen Investor gefunden –, sagt Bruder Daniel Strohmayr. „Für ein Hardware-Startup ist das in der Regel gar nicht so einfach, da die erforderlichen Investitionen aufgrund teurer Ausgangsmaterialien und aufwändiger Herstellungsverfahren sehr viel höher sind als beispielsweise für ein Software-Startup.“ Mitte 2016 erfolgte dann die Ausgründung. In einem Lizenzvertrag ist vereinbart, dass tacterion die am DLR entwickelte flexible und druckempfindsame Sensoroberfläche exklusiv nutzen darf. In diesem Jahr konnten die Brüder einen Investor finden, der eine achtstellige Summe in den kommenden Jahren bereitstellt. Michael Strohmayr juckt es schon in den Fingerspitzen: „Derzeit arbeiten wir an einem Produkt für eine große deutsche Firma. Wir hoffen, dass wir mit Plyon die Bedienung technischer Geräte für viele Nutzer schon bald intuitiver und sehr viel attraktiver gestalten können.“ 

Mit dem Instrument Helmholtz Enterprise unterstützt die Helmholtz-Gemeinschaft gezielt Ausgründungen aus den Zentren. In den letzten 10 Jahren haben über 100 Gründungsprojekte von der Initiative profitiert. Davon wurden mehr als 70 Projekte erfolgreich gegründet, von denen über 80 Prozent noch heute am Markt agieren.

tacterion Website

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07.09.2018 , Nicole Silbermann
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