Gründerportrait

„Der Bedarf ist riesengroß“

Vlnr.: Dominik Müller, Karen Uhlmann, Robert Fischer, Wolf-Hagen Schunck. Bild: C. Minkewitz / BBB Management GmbH Campus Berlin-Buch

Vor drei Jahren gründeten Wissenschaftler des Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) eine eigene Firma. Ihrem Ziel, ein wirksames Medikament gegen Vorhofflimmern zu entwickeln, sind sie seitdem ein gutes Stück näher gekommen.

Herzrasen, Atemnot, Schwindelgefühle – nicht selten sind das Anzeichen von Vorhofflimmern. Unter der häufigsten Form der Herzrhythmusstörung leiden allein in Deutschland rund zwei Millionen Menschen, darunter besonders viele ältere Männer und Frauen. Längerfristig kann das chronische Leiden zum Schlaganfall und anderen ernsten Krankheiten führen. Um dem entgegenzuwirken, geben die Ärzte ihren Patienten heute oft sogenannte Antiarrhythmika und Hemmstoffe der Blutgerinnung (Antikoagulanzien). Doch leider bringen diese Arzneimittel keine Heilung und sind auf Dauer eingenommen häufig mit Nebenwirkungen verbunden.

„Der medizinische Bedarf ist riesengroß“, sagt der Herzspezialist Robert Fischer. Zusammen mit vier Kollegen hat er im Jahr 2013 die Berliner Biotech-Firma OMEICOS Therapeutics gegründet, um eine bessere Therapie des Vorhofflimmerns zu entwickeln. Das junge Unternehmen hat sich im Biotechpark Berlin-Buch niedergelassen, in fußläufiger Entfernung zum des Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC), aus dem es hervorgegangen ist. In den drei großen Laborräumen und Büros arbeiten inzwischen elf Wissenschaftler und technische Angestellte.

Bei OMEICOS dreht sich alles um einen Wirkstoff. Sein Vorbild ist eine Substanz, die den bekannten Omega-3-Fettsäuren ihre herzschützende Wirkung verleiht. So wie alle essentiellen Fettsäuren kann der Mensch auch Omega-3-Fettsäuren nicht selbst herstellen. Sie müssen über die Nahrung zugeführt werden; enthalten sind sie etwa in fettem Seefisch und vielen Pflanzenölen. Aus den mehrfach ungesättigten Fettsäuren entstehen im Körper bestimmte Hormon-ähnliche Substanzen, die Eicosanoide. Diese Fettsäure-Metaboliten regulieren zahlreiche Stoffwechselprozesse: bei der Vermehrung von Zellen etwa, bei Entzündungsreaktionen und bei der Blutgerinnung.

Entdeckt wurde die herzschützende Substanz der Omega-3-Fettsäuren vor rund 15 Jahren am MDC, und zwar von einem Team um den Biochemiker Wolf-Hagen Schunck. In der Zellkultur konnten die Forscher beobachten, wie der Metabolit die Kontraktionsfähigkeit von Herzzellen stabilisierte. Dank der Zusammenarbeit auf dem MDC Campus mit den Teams von Pharmazeut Dominik Müller und Kardiologe Robert Fischer gelang es, erste Beweise für die Wirksamkeit in verschiedenen Modellen menschlicher Herzkreislauferkrankungen zu erzielen, unter anderem auch für das Vorhofflimmern.

Damit begann die Geschichte des Start-up-Unternehmens OMEICOS. Die erste Silbe des Namens bezieht sich auf die Omega-3-Fettsäuren, die beiden folgenden Silben erinnern an die Eicosanoide. So bedeutsam diese natürlichen Verbindungen für den Stoffwechsel sind: Sie bauen sich schnell ab und sind daher zur Nutzung als Medikament nicht geeignet.

An dieser Stelle kommt der US-Chemiker John Russell Falck vom Medical Center der University of Texas Southwestern ins Spiel. Er gilt als einer der weltweit besten Experten, wenn es darum geht, synthetische Moleküle nach dem Muster natürlicher Stoffe herzustellen. In Zusammenarbeit mit ihm gelang es dann auch tatsächlich, stabile Kopien der körpereigenen Substanz zu entwickeln – Substanzen, mit denen heute bei OMEICOS experimentiert wird.

Zu den Pionieren Wolf-Hagen Schunck, Robert Fischer, Dominik Müller und John Falck gesellte sich im Laufe der Zeit als weitere Expertin die Biologin und Innovationsmanagerin Karen Uhlmann. „Es ist ein großes Gründungsteam, das viele Disziplinen vereint und gut eingespielt ist“, sagt Uhlmann, die zusammen mit Robert Fischer initial die Geschäftsführung des Start-ups übernommen hat. Inzwischen wird das Management zudem durch Ulrich Dauer unterstützt, der als „alter Hase“ im Biotech- und Drug Development-Business OMEICOS in der Szene sichtbar den Rücken stärkt.

In der Gründungsphase seien Sechzig-Plus x-Stunden-Wochen üblich gewesen, berichtet Fischer. „Und manchmal ging es bis drei Uhr morgens“, fügt seine Kollegin Uhlmann hinzu. Es gab so viel zu regeln: Die Lizenz für die vom MDC patentierte Entdeckung musste erworben werden, Kooperationsverträge waren zu schließen, die Finanzierung zu klären, das Personal musste zwischenfinanziert werden, es fehlten Räumlichkeiten. Viel Zeit beanspruchte die Kapitalbeschaffung: „Das hatten wir uns schneller vorgestellt“, sagt Karen Uhlmann rückblickend.

Doch immer wieder gelang es dem Team, öffentliche Mittel einzuwerben – etwa vom Helmholtz Enterprise Fonds oder, kürzlich erst, eine 1,7-Millionen-Euro-Förderung vom Bundesforschungsministerium, über das Spinnovator Programm der Ascenion GmbH. Das meiste Geld kommt allerdings von privaten Kapitalgebern. So stellte ein Konsortium um den belgischen Investor Vesalius Biocapital vor knapp einem Jahr stolze 6,2 Millionen Euro für die Entwicklung eines Wirkstoffkandidaten gegen Vorhofflimmern zur Verfügung.

Derzeit wird der Wirkstoff im Tierexperiment auf seine Verträglichkeit getestet. „Die Ergebnisse sehen sehr gut aus“, sagt Robert Fischer. Wenn es weiter so glatt läuft, könnten schon bald erste Versuche an Patienten mit Vorhofflimmern beginnen. Die Probanden erhalten, so die Idee, eine Tablette pro Tag. Geprüft werden soll auch, ob der Wirkstoff sich zur Prävention der Herzrhythmusstörung eignet.

Im Prinzip habe die Substanz das Zeug zum Blockbuster, sagt Fischer – zu einem Renner auf dem Arzneimittelmarkt. Denn sie richte sich direkt gegen die Ursachen vieler Krankheiten, etwa gegen entzündliche Prozesse. Daher eigne sie sich womöglich zur Behandlung anderer Herz-Kreislauf-Erkrankungen und chronischer Entzündungen. Entsprechende Patientenstudien können sich aber nur große Pharmafirmen leisten – einige klopfen bereits an, heißt es bei OMEICOS. 

Dr. med. Robert Fischer:  

  • Kardiologe, Facharzt für Innere Medizin und ehemaliger Wissenschaftler am MDC. Forschungsschwerpunkt im Bereich der molekularen Mechanismen der Arrhythmien und der Elektrophysiologie in Maus- und Rattenmodellen für humane Herzerkrankungen, auf denen auch sein klinischer Fokus liegt. Er etablierte u.a. Tiermodelle für die Prüfung der für die Entwicklung interessanten Substanzen. 

Dr. rer. nat. Wolf-Hagen Schunck: 

  • Biochemiker mit 35 Jahren Forschungserfahrung, Arbeitsgruppenleiter am MDC. Sein Forschungsschwerpunkt des Cytochrome P450 (CYP)-abhängigen Metabolismus von Omega-3 und Omega-6-PUFAs und Eicosanoiden führte zur Entdeckung der Rolle von 17, 18-EEQ als herzschützenden Metabolit sowie zur Entwicklung von stabilen Analoga.

Prof. Dr. rer. nat. Dominik N. Müller: 

  • Pharmazeut, Arbeitsgruppenleiter Hypertonie-induzierte Endorganschäden am ECRC/MDC. Sein Forschungsschwerpunkt liegt u.a. im Bereich der kardiovaskulären Hormone und der Rolle epigenetischer Faktoren in der Immunantwort im Zusammenhang mit Endorganschäden. Seine Expertise trug wesentlich zur Aufklärung der physiologischen und pathophysiologischen Rolle des CYP-Eicosanoid-Pathways unter in-vivo-Bedingungen bei.

Dr. John Russell Falck:

  • Chemiker, international ausgewiesener Experte für Eicosanoide an der University of Texas Southwestern. Mit ihm zusammen gelang es, stabile synthetische Analoga des natürlichen Metaboliten 17,18-EEQ zu synthetisieren. 

Dr. rer. nat. Karen Uhlmann: 

  • Biologin, Expertin im IP Asset Management. Karen Uhlmann brachte das wirtschaftliche und rechtliche Know-How ins Gründungsteam. Zusammen mit ihr konnten Patentstrategien entwickelt, Förderanträge geschrieben, Unternehmensstrukturen etabliert und Gelder eingeworben werden.  

Mit dem Instrument Helmholtz Enterprise unterstützt die Helmholtz-Gemeinschaft seit nunmehr zehn Jahren gezielt Ausgründungen aus den Zentren. In dieser Serie stellen wir Unternehmen vor, die in dieser Zeit von dem Instrument profitieren konnten. 

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30.03.2016 , Lilo Berg
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