Deutschlands bekanntester Segelsportler Boris Herrmann sammelt auf seinen Regatten wertvolle Daten über den Zustand der Weltmeere (Bild: Jean Marie Liot/Malizia).

Der schnellste Datensammler der Welt

Regattasegler Boris Herrmann hat auf seiner Hightech-Yacht „Seaexplorer“ ein Minilabor installiert – und überträgt während seiner Rennen Informationen an Ozeanforscher. Die Daten helfen, Klimamodelle zu verbessern.

Im ersten Moment wusste Toste Tanhua gar nicht, wer da vor ihm stand. Gerade hatte der Biogeochemiker in einem großen Hörsaal an der Kieler Universität einen Vortrag über seine Meeresforschung gehalten, als ihn der Mann ansprach. Er sei Regattasegler, so stellte er sich vor, und das ganze Jahr über viel auf den Ozeanen unterwegs. Wenn Interesse bestehe, so sagte er, lasse er sich gern ein Messgerät im Schiff einbauen. Toste Tanhua muss heute noch schmunzeln, wenn er diese Geschichte aus dem Jahr 2018 erzählt: „Ich bin zwar selbst auch Segler“, sagt er, „aber ich habe ihn in diesem Moment echt nicht erkannt.“ Dass es Boris Herrmann war, Deutschlands bekanntester Segelsportler, der ihm da gerade die Zusammenarbeit angeboten hatte, merkte er erst später zu Hause.

Etwas mehr als drei Jahre liegt diese Begegnung zurück, aus der eine bemerkenswerte Partnerschaft geworden ist: Der wagemutige Profisegler und der erfahrene Forscher vom GEOMAR, dem Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, arbeiten seither zusammen bei der Datenbeschaffung aus den entlegensten Winkeln der Weltmeere – und auch auf seinen beiden aufsehenerregendsten Abenteuern hatte Boris Herrmann das kleine Meerwasser-Laboratorium an Bord: als er die Klima-Aktivistin Greta Thunberg emissionsfrei von England aus zur UN-Hauptversammlung nach New York chauffierte und zuletzt bei seiner Teilnahme an der legendären Segel-Regatta Vendée Globe.

„Am Anfang haben mich meine Kollegen für verrückt erklärt“, sagt Boris Herrmann und lacht: Da trimmt er sein 18-Meter-Schiff so sehr auf minimales Gewicht, dass im Innern die grauen Karbonfasern nicht einmal mit weißer Farbe angestrichen sind und seine Ration an Astronautennahrung auf der Weltumsegelung pro Tag nicht mehr als 200 Gramm wiegt – und dann baut er sich eine 17 Kilogramm schwere Apparatur ein, nur um für die Wissenschaft Daten zu sammeln! „Vor drei Jahren war das ein sehr exotischer Gedanke“, sagt Boris Herrmann, „aber inzwischen ist der Klimaschutz und der Wille, etwas dazu beizutragen, schon ein viel präsenteres Thema.“

Die Apparatur: Ein Kasten ist es, der mittig im Schiff eingebaut ist und durch einen Schlauch Wasser ansaugt. Über eine Öffnung am Kiel gelangt das Wasser hinein; zwei Meter unter der Wasseroberfläche ist sie gelegen, damit sie selbst bei höherem Wellengang nicht auftaucht. In dem Kasten selbst werden rund um die Uhr der Salzgehalt, die Temperatur und vor allem die CO2-Sättigung des Wassers gemessen; danach wird es durch einen weiteren Schlauch wieder aus dem Schiff gepumpt. „Das Gewicht der Apparatur ist für mich nicht einmal das große Problem“, sagt Boris Herrmann, „viel kritischer ist, dass sie ein Viertel des ganzen Bordstroms braucht.“

Wertvolle Klimadaten aus dem rasenden Schiffslabor

Für die Forschung sind die Daten aus dem rasenden Schiffslabor äußerst wertvoll. „Das sind Informationen, an die wir sonst nicht drankommen“, sagt Forscher Toste Tanhua: Vor allem der Kohlendioxidgehalt der Ozeane lässt sich nicht von Satelliten aus messen und wegen des Stromverbrauchs auch nicht mithilfe von unbemannten Bojen, die durch die Weltmeere treiben. Die aufwendigen Mini-Labore müssen erst einmal an die unzugänglichen Stellen gelangen, und das geht am besten mit Regattaseglern. Ähnliche Apparaturen gibt es zwar auch an Bord von Frachtschiffen, aber die sind normalerweise auf den immer gleichen Routen unterwegs. Von dort liefern sie wertvolle Zeitreihen – aber eben keine Daten aus jenen Gefilden, durch die etwa die Vendée Globe führt. „Roaring Fourties“ heißen diese gefürchteten Segelreviere unter Eingeweihten, weil sie sich zwischen dem 40. und 50. Grad südlicher Breite befinden. Für häufige Stürme und hohen Wellengang sind sie berüchtigt, und für Forscher wie Toste Tanhua handelt es sich dort weitgehend um Terra Incognita – Daten aus diesen wenig frequentierten Gebieten des Meeres gibt es kaum.

Und warum überhaupt ist es wichtig, die CO2-Werte des Ozeans zu kennen? Toste Tanhua kennt diese Frage und holt zu einer Erklärung aus: Die Meere tragen dazu bei, die globale Erderwärmung abzuschwächen, indem sie CO2 aufnehmen – und zwar in großen Mengen: Nur knapp die Hälfte der Emissionen bleibt in der Atmosphäre. Der Rest verteilt sich auf den Ozean und Pflanzen an Land. Gleichzeitig senkt die CO2-Aufnahme den pH-Wert des Meerwassers – mit erheblichen Auswirkungen auf Meereslebewesen. „Wie genau das Meer CO2 aufnimmt, müssen wir exakt verstehen, um Klimamodelle zu verbessern“, sagt Toste Tanhua. Und Boris Herrmann sekundiert gleich: „Es ist interessant, dass alle sofort an den Wald denken, wenn es um die Bindung der Kohlendioxidemissionen geht, aber an die Meere denkt fast niemand.“ Auch um das zu ändern, wird er bei seinen nächsten Regatten das Messgerät wieder an Bord haben.

Der Abenteurer und der Wissenschaftler: Gemeinsam für den Klimaschutz

Boris Herrmann und Toste Tanhua sind ein eingespieltes Team, das merkt man schnell: Sie werfen sich im Gespräch die Bälle zu, so wie sie es von vielen gemeinsamen Auftritten gewohnt sind. Vor Fachpublikum, aber vor allem vor Kindergruppen etwa im Rahmen von Schüler-Vorlesungen an der Uni stehen sie zusammen auf der Bühne, um neugierige Fragen zu beantworten. Der Abenteurer und der Wissenschaftler, das ist eine publikumswirksame Kombination, um Interesse zu wecken für die Belange des Klimaschutzes – aber es ist weit mehr als das: Die beiden treffen sich häufig und tauschen sich aus; über das Segeln, aber vor allem über den Klimaschutz. „Ich kann Einblicke direkt von einem tollen Wissenschaftler bekommen“, sagt Boris Herrmann, „ich beneide Toste um die gewaltige Tiefe, mit der er das Thema durchdringt.“

Während der Vendée Globe war die Arbeitsteilung des Duos völlig klar: Boris Herrmann war als Sportler und nebenberuflicher Datenlieferant auf dem Ozean unterwegs und Toste Tanhua saß während der Corona-Pandemie in seinem Kieler Haus vor dem Bildschirm. Dort fieberte er mit Boris Herrmann mit und warf zugleich immer einen Blick auf den Bildschirm, über den in Echtzeit die Daten von Bord der „Seaexplorer“ liefen. Toste Tanhua entwickelte allmählich ein Gespür für die Anzeige: War der CO2-Gehalt etwa besonders hoch, befand sich Boris Herrmann vermutlich gerade in einem tropischen Sturm oder am Rande eines Unwetters. „Da wird das Meer ordentlich aufgewirbelt und Wasser aus tieferen Schichten gelangt nach oben – und dort unten ist die CO2-Sättigung deutlich höher“, erläutert Tanhua.

Die in Echtzeit übertragenen Daten vom Schiff sind noch unbereinigt von Messfehlern und anderen Ungenauigkeiten. „Es geht eher darum, die Plausibilität zu überprüfen und im Zweifelsfall eingreifen zu können“, sagt Boris Herrmann. In größeren Abständen musste er während der Vendée Globe auch selbst Hand anlegen und die über Tage hinweg gespeicherten Daten manuell übertragen – als großes Paket mit noch mehr Präzision. Das waren die Momente, in denen er öfters ins Fluchen kam. Heute kann er darüber wieder lachen: „Man muss unter Deck eine große Klappe öffnen und aufpassen, dass man nirgendwo anstößt“, sagt er – und das selbst bei hohem Wellengang. Die „Seaexplorer“ ist oft mit 50 oder 60 Stundenkilometern unterwegs, „aber das fühlt sich nicht an wie glatter Asphalt, sondern wie eine Buckelpiste mit drei Meter tiefen Schlaglöchern.“ Bei diesem Gewackele muss er einen USB-Stick von der Apparatur abkoppeln, in einen Computer stecken und dann die Datenübertragung manuell starten. Bei der Erinnerung an diese Manöver schüttelt er immer noch den Kopf: „Toste“, ruft er dem Forscher zu, „beim nächsten Mal sollten wir wirklich ein Datenkabel einbauen!“

Solche Verbesserungen sind für das Wissenschaftlerteam an der Tagesordnung. Sie arbeiten eng mit dem Hersteller der Geräte zusammen, und vor allem: Sie haben einige Erfahrungen gesammelt, denn es gibt inzwischen weltweit mehrere Regatta-Yachten, die mit solchen aufwendigen Mini-Laboren ausgestattet sind und die Daten an ein gemeinsames Forschungsportal liefern. Und Toste Tanhua selbst, immerhin auch ein passionierter Segler – hat er auf seinem elf Meter langen Rennboot aus den 1980er Jahren auch so ein Gerät eingebaut? Tanhua schüttelt sofort den Kopf: „Ich dümpele ja meistens nur auf der Kieler Förde herum, diese Daten würden uns nicht wirklich weiterbringen“, sagt er. Plötzlich geht ein Grinsen über sein Gesicht und er fügt an: „Außerdem wäre dann an Bord kein Platz mehr für meinen Bierkasten!“

03.05.2021 , Kilian Kirchgeßner
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