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Hochwasser

„Wir kommen öfter und schneller von einem Extrem ins andere“

Häuser im Hochwassergebiet in der Gemeinde Lilienthal bei Bremen. Weil das überflutete Gebiet zu groß ist, um erfolgreich abzupumpen, errichten Feuerwehrleute eine Barriere mit Sandsäcken. So wird ein Teil der überfluteten Fläche abgetrennt (Luftaufnahme mit einer Drohne). Bild: picture alliance/Sina Schuldt

Im Interview erklärt der Hydrologe Ralf Merz vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung wie es zu den großflächigen Hochwassern Anfang des Jahres kam und worauf wir uns einstellen müssen.

Wie kam es zu den Hochwassern in den betroffenen Regionen? Hat es einfach sehr viel geregnet, oder welche Dynamik steht dahinter?

Nach den vergangenen fünf trockenen Jahren in Deutschland war 2023 ein überdurchschnittlich nasses Jahr. Es ist sehr viel mehr Niederschlag gefallen als sonst, besonders im Herbst und großräumig über fast ganz Deutschland. Ausgenommen waren nur der Südwesten und der Nordwesten. Der November war einer der regenreichsten Monate seit 120 Jahren. Der Dezember war ähnlich nass. Das hat dazu geführt, dass sich die oberen Bodenschichten aufgesättigt haben, das heißt, sie sind komplett mit Wasser gefüllt und der zusätzliche Niederschlag Ende Dezember konnte vom Boden nicht mehr aufgenommen werden. Dieses Wasser ist in unsere Flüsse geflossen, hat sich angestaut und zu diesen großräumigen Überschwemmungen geführt.

Sie sagen, das Wasser wird vom Boden nicht mehr aufgenommen. Von welcher Tiefe reden wir da?

Wir haben am UFZ mit dem Dürremonitor ein hydrologisches Modell. Das zeigt, dass die Böden bis zwei Meter Tiefe sehr nass sind. Es zeigt sich auch: Die Grundwasserstände, die nach den Dürrejahren sehr sehr tief waren, haben sich im vergangenen Jahr erholt und sind jetzt wieder im Normalzustand. In vielen Regionen sind sie über dem langjährigen Mittel. Das gilt allerdings nicht für alle Grundwasserstellen, die sehr tiefen reagieren langsamer, die Grundwasserpegel sind lokal sehr unterschiedlich. Generell lässt sich sagen: Die Grundwasserstände befinden sich im Moment im Normalzustand oder liegen darüber.

Also langfristig Entwarnung? Oder kann sich alles jederzeit schnell wieder ändern?

Ralf Merz ist seit 2011 Leiter des Departments Catchment Hydrology am Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ)

Wir haben 2018 gesehen, dass die Dürre bei relativ hohen Grundwasserständen anfing. Die lagen damals im Normalbereich. Dann haben wenige trockene Jahre dazu geführt, dass in vielen Regionen Dürresituationen aufgetreten sind. Dass es im Sommer wieder eine Dürre gibt, ist nicht besonders wahrscheinlich aber auch nicht auszuschließen. Es kommt drauf an, wie warm, wie niederschlagsarm die nächsten Monate, die nächsten zwei Jahre werden. Generell sagt uns der Klimawandel, dass beide Extreme zunehmen werden: Phasen, in denen es lange trocken und warm ist, und Phasen, in denen es sehr viel Niederschlag geben wird. Wir kommen immer öfter immer schneller von einem Extrem ins andere.

Der Dezember lag auf Platz zehn der nassesten Dezember seit 120 Jahren, der November war sogar der zweitnasseste. Trotzdem sagen Sie, das war jetzt kein Jahrhunderthochwasser, sondern ein klassisches Winterhochwasser?

Nicht jedes extreme Hochwasser ist gleich ein Jahrhunderthochwasser. Das sollte per Definition ein Hochwasser sein, dass alle hundert Jahre oder seltener vorkommt. Wenn es kein Jahrhunderthochwasser ist, heißt es nicht, dass es keine Probleme oder Schäden verursachen kann. Was ich damit meine: Die Höhe der Wasserstände in vielen Regionen war nicht extrem, da hatten wir schon höhere. Außergewöhnlich an diesem Hochwasserereignis ist eher die Großräumigkeit, von Bayern bis an die Nordsee. Die Herausforderung bei diesem Hochwasser war weniger die Überflutung der Deiche, als, die Gefahr, dass sie durch langanhaltende hohe Wasserstände so aufgeweicht werden, dass sie brechen können.

Muss man grundsätzlich neue Wege im Hochwasserschutz gehen? Oder die bestehenden Deiche einfach verstärken?

Die Daten der letzten 50 Jahre zeigen, dass es gerade in Nord- und Mitteleuropa steigende Hochwasserspitzen geben wird. Da muss man sich natürlich überlegen, ob der Hochwasserschutz überall noch so funktioniert. Viel wichtiger ist: Es wird sich nicht nur die Höhe des Hochwassers verändern, sondern die Art, die Charakteristik. Im Ahrtal hatten wir damals einen relativ kurzen, sehr intensiven Niederschlag über zwei, drei Tage und eine sehr schnelle, extreme Hochwasserwelle. Einerseits wissen wir, dass Starkniederschlagsereignisse zunehmen werden. Das heißt, es wird eher in kleinen, eher gebirgigen Regionen sehr schnelle Hochwasserereignisse geben, die eine Implikation auf den Hochwasserschutz haben. Wichtig ist, dass es Warnungen gibt, die auch bei den Menschen ankommen. Und dass die Entscheidungsträger vor Ort so geschult sind, dass sie die richtigen Maßnahmen treffen.

Und andererseits?

Geht der Trend dahin, dass Hochwasser noch großräumiger werden, vielleicht auch länger andauern. Dann ist die Frage nicht, wie hoch der Deich ist, sondern ob er stabil genug ist für eine längere Zeit. Oft geht es beim Deichbau rein um die Höhe. Die veränderten Hochwassercharakteristiken müssten viel mehr berücksichtigt werden. Bei so großräumigen Hochwasserereignisse wie jetzt ist auch die Frage: Wie wird das mit dem Katastrophenschutz organisiert? Gibt es überall genug Sandsäcke, um die Deiche zu stabilisieren? Haben wir genug Leute beim THW, wenn man an jedem Deich sichern muss und nicht nur an einigen wenigen? Zeitgemäßer Hochwasserschutz geht über die reine Infrastruktur hinaus.

Die Landwirtschaft profitiert, sobald das Wasser abgelaufen ist und die Felder wieder bestellt werden können. Aber erst einmal wird viel fruchtbarer Boden einfach weggeschwemmt. Wie relevant ist das Problem Erosion?

Genaue Zahlen kenne ich nicht. Generell lässt sich sagen: Den Landwirten ist es momentan zu feucht. Aber das ist immer noch besser, als wenn es zu trocken ist. Generell muss sich die Landwirtschaft auf solche Situationen einstellen: mehr Extremwerte und ein schneller Wechsel zwischen trocken und feucht. Und dass es dann erodiert.

Aber Boden lässt sich nicht festhalten. Was lässt sich konkret machen?

Generell müssen wir überdenken, wie wir mit dem Wasser in der Landschaft umgehen. Wir haben in den letzten Jahrhunderten versucht, das Wasser möglich schnell aus der Landschaft zu bringen. Felder wurden künstlich entwässert, Gräben gebaut, unsere Flüsse begradigt. Wir haben nur noch ein Drittel der Flussauen, also von potenziellen Überflutungsflächen, das Wasser geht zu schnell aus der Landschaft heraus. Das ist einerseits für die Dürresituation sehr schlecht, andererseits auch für den Hochwasserschutz, weil sich das Wasser sehr schnell in den Flüssen sammelt und die Unterlieger dann die Überschwemmungen. Generell heißt es jetzt, wieder mehr Wasser in der Landschaft zu halten. Nicht nur durch irgendwelche Überflutungsflächen an den großen Flüssen. Auch an den kleinen gilt es, sich viele kleine Maßnahmen zu überlegen, wie wir das Wasser länger in der Landschaft halten können. Dann sinken auch unsere Grundwasserstände bei Dürreperioden nicht so stark. Das wäre eine Maßnahme, die in vielen Bereichen ein komplettes Umdenken erfordert, wie wir Landschaft nutzen.

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