Wissenschaft und Politik

Fruchtbare Jahre nach der Wende

Das Weizmann-Institut in Rehovot ist in verschiedene deutsch-israelische Kooperationsprojekte involviert. Bild: Weizmann Institute of Science

Der deutschen Wiedervereinigung begegneten viele Israelis zunächst mit Skepsis. Doch die Wissenschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern entwickelten sich in den 90er Jahren mit einer besonderen Dynamik – und trugen dazu bei, dass die Bedenken bald vielfältigen Kontakten wichen.

Teil 3 unserer Serie zur deutsch-israelischen Zusammenarbeit in der Wissenschaft.

In diesen Tagen feiert der Staat Israel sein 70-jähriges Bestehen. Das mit 8,5 Millionen Einwohnern eher kleine Land kann in Wissenschaft und Technologie beachtliche Erfolge aufweisen. Allein seit 2002 erhielten acht israelische Forscher den Nobelpreis. Mehr als vier Prozent des Bruttoinlandsproduktes fließen in die Forschung. Die Start-Up-Szene Israels zählt zu den lebendigsten weltweit. Die deutsche Wissenschaft unterhält heute enge Beziehungen nach Israel. Der Kontakt zwischen Forschenden beider Länder spielte immer eine besondere Rolle. In einer Serie anlässlich des Jubiläums blicken wir zurück auf die Geschichte. Teil 1: Pioniere der Annährung, Teil 2: Vom Kontakt zur Kooperation

In Israel waren die Reaktionen auf den Fall der Mauer im November 1989 gemischt. Dort sah man die Bilder von den jubelnden und tanzenden Menschen mit schwarz-rot-goldenen Flaggen durchaus skeptisch. Der Gedanke an ein großes und mächtiges Deutschland sorgte bei vielen Israelis immer noch für Unbehagen. Darüber hinaus gab es Befürchtungen, dass sich das deutsch-israelische Verhältnis nun verschlechtern könnte. Schließlich hatte die DDR über Jahrzehnte hinweg die Feinde Israels militärisch unterstützt und war dem jüdischen Staat gegenüber ausgesprochen feindselig eingestellt. Viele Israelis hielten es daher für nicht ausgeschlossen, dass solche Positionen in einem wiedervereinten Deutschlands an Gewicht gewinnen könnten.

Doch die Bedenken von einst sind längst Geschichte – auch dank der deutsch-israelischen Wissenschaftsbeziehungen, die seither eine ganz besondere Dynamik und Intensität entwickeln sollten. Immer mehr Forschende und Akademiker aus beiden Staaten waren nach 1989 zusammengekommen. Denn auch die aufblühende Forschungslandschaft der fünf neuen Bundesländer wurde fortan erfolgreich in die zahlreichen wissenschaftlichen Netzwerke eingebunden, sodass die ohnehin vielfältigen Kontakte zwischen Deutschland und Israel auf eine noch breitere Basis gestellt werden konnten. 2008 wurde sogar eigens das deutsch-israelische Jahr der Wissenschaft ausgerufen, um in allen Fachbereichen insbesondere den Forschernachwuchs noch besser zu vernetzen.

Fünf Säulen der deutsch-Israelischen Wissenschaftbeziehungen

Im Wesentlichen basieren die deutsch-israelischen Wissenschaftsbeziehungen seit der Wiedervereinigung auf fünf Säulen:

1. Das Minerva-Programm mit seinen mittlerweile 24 Zentren an sechs Hochschulen in Israel sowie dem Weizmann-Institut, das sich mit seinen Forschungsprogrammen seit 1964 vor allem an junge deutsche und israelische Wissenschaftler verschiedenster Fachgebiete richtet. In den neunziger Jahren hatte die deutsche Seite eigens finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt, die gezielt den Austausch zwischen Israel und den fünf neuen Bundesländern voranbringen sowie die Integration jüdischer Akademiker aus der ehemaligen Sowjetunion an israelischen Forschungseinrichtungen unterstützten sollten. "Die Minerva-Zentren sind das Kronjuwel der deutsch-israelischen Wissenschaftsbeziehungen und inzwischen ein wichtiger Bestandteil der israelischen Forschungslandschaft geworden", brachte es deshalb die ehemalige Bundesforschungsministerin Johanna Wanka anläßlich ihres Israelbesuchs 2015 auf den Punkt.

2. Die 1973 gestarteten Kooperationsprogramme zwischen den Vorgängerinstitutionen des deutschen Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sowie des israelischen Ministerium für Wissenschaft und Technologie (MOST), die in den Bereichen Bio-, Nano und Lasertechnologie, sowie Umwelt-, Meeres- und Energieforschung und Medizin Pionierarbeit leisten. Nach 1997 wurden auch palästinensische und jordanische Wissenschaftler an zahlreichen Vorhaben beteiligt, um auf diese Weise den regionalen Austausch voranzubringen. Aktuell gibt es über 70 Projekte mit einem Fördervolumen von rund 3,5 Millionen Euro.

3. 1986 kam die Deutsch-Israelische Stiftung für Wissenschaftliche Forschung und Entwicklung hinzu. Aufgrund der vielen Erfolge im Bereich der Grundlagenforschung sowie den angewandten Wissenschaften wurde ihr Stiftungskapital von 75 Millionen Euro bis 1997 auf 150 Millionen verdoppelt und auf zuletzt 211 Millionen Euro aufgestockt. Seit 2001 existiert ein eigenes Programm, das für Nachwuchswissenschaftler bis zum Alter von 40 Jahren gedacht ist.

4. 1996 wurde komplementär zum Minerva-Programm die vom BMBF initiierte Deutsch-Israelische Projektkooperation (DIP) für zukunftsorientierte Forschungsfelder ins Leben gerufen, die sich als Anlaufstelle für interdisziplinäre Kooperationsvorhaben versteht. Seither wurden von dem "Flaggschiff der deutsch-israelischen Wissenschaftskooperation", so hieß es in einer Evaluation von 2004, mehr als 18 Projekte mit einem Gesamtbudget von über 21,5 Millionen Euro gefördert. Schwerpunkte sind die Bereiche Physik, Chemie, Biologie und Medizin. 2009 kamen im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Martin-Buber-Gesellschaft an der Hebräischen Universität in Jerusalem die Geisteswissenschaften hinzu. Jährlich gibt es drei bis vier neue Projekte.

5. Zur Jahrtausendwende schlossen das BMBF sowie das israelische Ministerium für Industrie und Handel ein Kooperationsabkommen, das Forschungsvorhaben unterstützt, die von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) aus Deutschland und Israel gemeinsam durchgeführt werden. Sein Vorläufer war der 1995 ins Leben gerufene Kooperationsrat, der insbesondere im Bereich der Zukunftstechnologien Forschungs- und Entwicklungsvorhaben in der Privatwirtschaft voranbringen sollten. Beide Staaten stellen dafür jeweils mehr als 1,3 Millionen Euro zur Verfügung.

Auch auf europäischer Ebene ist Israel in diverse Forschunsgförderprogramme eingebunden

Dazu addiert sich eine ganze Palette von Formen der Zusammenarbeit in Forschung und Wissenschaft – angefangen von der seit 1995 eingeführten multilateralen Projektförderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), dem Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie (SIT), das gemeinsam mit der Hebräischen Universität 2015 ein Projektzentrum für Cybersicherheit gegründet hat, über die Alexander von Humboldt- oder Volkswagen Stiftung bis hin zu den zahlreichen Kooperationsabkommen zwischen deutschen und israelischen Universitäten. Knapp 180 solcher Hochschulkooperationen gibt es mittlerweile – Tendenz steigend. Last but not least haben die intensiven Kontakte mit Deutschland Israel auch den Weg in die Riege der europäischen Forschungsverbünde geebnet. Schließlich ist der jüdische Staat seit 1996 ein assoziiertes Mitglied in den diversen Forschungsförderprogrammen. Auch am neuen 80 Milliarden Euro EU-Rahmenprogramm Horizont 2020 ist man daher beteiligt.

Die Helmholtz-Gemeinschaft zeigt ebenfalls seit bereits vielen Jahren Flagge in Israel und ist gleich in mehreren der genannten fünf Säulen mit eingebunden. Ein Schwerpunkt der Aktivitäten ist die Zusammenarbeit mit israelischen Partnerinstitutionen im Bereich Personalisierter Medizin. Das Besondere dabei ist die zentrenübergreifende Vernetzung: Fünf Helmholtz-Zentren des Forschungsbereichs Gesundheit – das Deutsche Krebszentrum (DKFZ) in Heidelberg, das Max Delbrück Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin-Buch, das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und das Helmholtz Zentrum München (HMGU) forschen gemeinsam mit ihren israelischen Partnerinstitutionen an Biomarkern, Therapiemethoden und Prävention.

Darüber hinaus wurde im April 2016 mit dem Weizmann-Institut eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet, um die Kompetenzen auf dem Gebiet der Laser-Teilchenbeschleunigung zu bündeln. Das Ergebnis war ein Jahr später die Gründung des Weizmann-Helmholtz Laboratory for Laser Matter Interaction (WHELMI). Das Fördervolumen beträgt fünf Millionen Euro. Auch im Bereich Solarenergieforschung hat man im Rahmen der Helmholtz International Research Schools fünf israelische Institute und Universitäten als Partner gewonnen. Angesichts des breiten Spektrums und der großen Bedeutung dieser Kooperationen ist es daher nur folgerichtig, dass die Helmholtz-Gemeinschaft 2017 auf ihrer Mitgliederversammlung beschlossen hat, im Herbst 2018 ein Auslandsbüro in Tel Aviv zu eröffnen – neben seinen Pendants in Moskau, Peking und Brüssel das vierte seiner Art. Auf diese Weise will man der Erfolgsgeschichte der deutsch-israelischen Wissenschaftsbeziehungen ein neues Kapitel hinzufügen.

Unsere Serie zur israelisch-deutschen Zusammenarbeit in der Wissenschaft:

Zu Teil 1: Pioniere der Annährung

Zu Teil 2: Vom Kontakt zur Kooperation

Zu Teil 4: Exzellenz am Sandkasten (Technion & Weizmann-Institut)

Zu Teil 5: Uni für alle

Zu Teil 6: Cyber-Oase mit magnetischer Wirkung

18.05.2018 , Ralf Balke
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