Wissenschaft und Politik

Exzellenz am Sandkasten

Das Technion liegt auf dem Berg Karmel im israelischen Haifa. Die Studierenden genießen die inspirierende Umgebung auf dem Campus. Bild: Vesselin Kolev / CC-BY-NC-SA

Das Technion in Haifa und das Weizmann-Institut bei Tel Aviv sind zwei der bedeutendsten Wissenschaftseinrichtungen Israels. An ihnen zeigt sich die Vielfalt der israelischen Forschungslandschaft. Teil 4 unserer Serie zur deutsch-israelischen Zusammenarbeit in der Wissenschaft.

Langweilig und ohne Glamour – als drittgrößte Stadt des Landes stand Haifa schon immer ein wenig im Schatten von Tel Aviv oder Jerusalem. Doch sehr zu Unrecht. Denn mit ihrem Hafen und ihrer für israelische Verhältnisse einzigartigen Lage am Hang des Carmel hat die Stadt in vielerlei Hinsicht eine Menge Interessantes zu bieten. Wunderschöne Architektur aus der osmanischen oder britischen Zeit etwa oder ein bemerkenswert reibungsloses Zusammenleben von Juden und Arabern. "Wir haben Glück gehabt, dass drei Berühmtheiten uns niemals besucht hatten", erklärte Haifas amtierender Bürgermeister Yona Yahav dieses Phänomen einmal schmunzelnd. "Moses, Jesus und Mohammed waren nie hier." Genau deshalb ist die Atmosphäre in der Stadt in mancher Hinsicht entspannter als anderswo in Israel.

An ihren beiden Hochschulen kann man sich ein Bild davon machen. Eine davon ist das Technion, Israels älteste akademische Einrichtung überhaupt. Seine Geschichte reicht in das Jahr 1908 zurück und ist eng mit Deutschland verwoben. Damals hatte Paul Nathan, Direktor des Hilfsvereins der deutschen Juden, Haifa als Standort einer möglichen technischen Hochschule ausgewählt und den Architekten Alexander Baerwald, der unter anderem für den Umbau der heutigen Staatsbibliothek zu Berlin verantwortlich war, mit der Konzeption eines Gebäudes im orientalischen Stil beauftragt. Doch bevor es richtig mit dem Lehrbetrieb losging, blockierte der sogenannte Sprachenstreit die Entwicklung: Deutsch oder Hebräisch als Unterrichtssprache, darüber geriet man heftig aneinander. Letztendlich setzte sich aus politischen Gründen das Hebräische durch.

Max Hecker, ein Absolvent der Berliner Technischen Hochschule, bestimmte dann nach dem Ersten Weltkrieg die weitere Ausrichtung: Er wollte eine rein technische Hochschule und keine bloße Ausbildungsstätte, was damals aber wiederum der zionistischen Führung lieber war, weil man Fachkräfte für den Aufbau des Landes benötigte. Genau deshalb blieb der Status des Technikums bis in die 1930er Jahre ungeklärt.

Drei Nobelpreisträger hervorgebracht

Nachdem auch Albert Einstein die Werbetrommel für eine derartige Einrichtung gerührt hatte, war es 1924 endlich so weit. Mit Abendkursen in den Fächern Elektrotechnik, Metallbau, Postwesen und Telegrafie ging der Lehrbetrieb los. Der erste Jahrgang zählte 15 Studenten und eine Studentin. 1925 erhielt das Institut seinen hebräischen Namen Technion, der von den Verben "messen" und "berechnen" abgeleitet ist. Sukzessive wurde der Fächerkanon ausgebaut. Bis 1947 waren 16 Forschungs- und Studienlaboratorien entstanden in den vier Abteilungen Architektur, Bauingenieurwesen, Chemie und Technologie. 762 Absolventen, darunter bereits 30 Frauen, hatten am Technion bis dahin einen Abschluss erworben.

Heute zählt das Technion mehr als 14.000 Studenten und ist eine von Israels wichtigsten Talentschmieden, wenn es um Naturwissenschaften und Technik geht. Ohne die Hochschule am Carmel hätte sich Israel niemals seinen Ruf als Startup-Nation erwerben können. 70 Prozent aller Israelis, die im Bereich Hightech arbeiten, haben dort ihren Abschluss gemacht. An 18 Fakultäten sowie 60 Forschungszentren unterrichten heute 620 Dozenten. Mit zwölf Krankenhäusern ist man vernetzt und die Zahl der Preise, die Mitarbeiter der Hochschule einheimsen durften, liegt bei mehr als 105.000. Drei Wissenschaftler des Technion erhielten bereits Nobelpreise: Avram Hershko sowie Aaron Ciechanover in Medizin und Dan Shechtman in Chemie.

Zahlreiche Rankings belegen die Qualität der Forschung in Haifa. Wenn es um Wissenschaft und Technologie geht, zählt man zu den Top Ten der Welt. Ende Dezember 2017 wurde das Technion vom Times Higher Education Survey zur besten akademischen Einrichtung der Welt gekürt, wenn es darum geht, Studenten auf die Herausforderungen der Digitalisierung vorzubereiten. "Für uns ist das eine ganz besondere Auszeichnung", erklärte dazu Technion-Präsident Professor Peretz Lavie. "In den vergangenen Jahren haben wir große Anstrengungen unternommen, unsere Studenten mit den Veränderungen vertraut zu machen, die die digitale Revolution mit sich bringt. Genau deshalb verstärken wir den interdisziplinären Ansatz und beziehen mittlerweile auch die Life Sciences und Ingenieurwissenschaften mit ein." Der gute Ruf des Technion reicht sogar bis weit nach China, wo 2013 in Zusammenarbeit mit der Shantou University in Guangdong ein gemeinsamer Campus ins Leben gerufen wurde.

Talentschmiede mit Tradition

Kleines Institut mit großer Wirkung – auf diese Formel ließe sich wohl das Selbstverständnis des rund 30 Autominuten südlich von Tel Aviv gelegenen Weizmann-Instituts in Rehovot bringen. Denn die wenigsten dürften wissen, dass dort in den 1950er Jahren einer der ersten Computer der Welt entstand. Aber nicht nur das. Ebenso in den Bereichen Krebstherapie, Multipler Sklerose oder Kernphysik haben die Wissenschaftler vom Weizmann-Institut viel Bahnbrechendes geleistet, indem sie sich – im Unterschied zum Technion – auf Grundlagenforschung konzentrieren. Hier liegt quasi die DNA, die Israel zu einem der bedeutendsten Wissenschaftsstandorte machte.

Dabei ist auch dieses Institut älter als der Staat Israel selbst. 1934 wurde es als Daniel Sieff Forschungsinstitut auf Initiative des Chemikers und späteren Staatspräsidenten Israels Chaim Weizmann gegründet und 1949 in Weizmann-Institut umbenannt. Weizmann selbst wollte damit seinen Vorstellungen eines Zionismus, der auf einer Verknüpfung von praktischer Pionierarbeit mit Forschung und technischem Fortschritt basierte, ein Stück näher kommen. Zudem war ihm die 1925 gegründete Hebräische Universität in Jerusalem zu stark auf Geisteswissenschaften ausgelegt, sodass er zu Beginn der 1930er Jahre das Projekt eines Instituts mit ausschließlich naturwissenschaftlicher Ausrichtung in Angriff nahm.

Darüber hinaus wollte Weizmann mit dem Institut eine Möglichkeit schaffen, in Deutschland verfolgte und aus den Universitäten entlassene, jüdische Wissenschaftler nach Palästina zu holen. "Im Rahmen meiner palästinensischen Arbeit galt meine Hauptsorge, ja mein einziges Interesse, den jüdisch-deutschen Wissenschaftlern", schrieb er in seinen Memoiren. Unmittelbar nachdem 1946 in den Vereinigten Staaten der erste Computer präsentiert wurde, begann man sich in Rehovot ebenfalls mit dieser neuen Technologie zu beschäftigen. Der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston ausgebildete Mathematiker Leib Pekeris sowie der 1929 in München geborene Spieltheoretiker Aviezri Fraenkel entwickelten bis 1954 den WEIZAC (Weizmann Automatic Calculator), einen der ersten Großrechner weltweit.

Zu den prominentesten Forschern in Rehovot gehörte unter anderem der 1918 in Odessa geborene Israel Dostrovsky, der 1949 schon das erste kommerzielle Unternehmen auf dem Campus gründete und somit als einer der Urväter der Startup-Szene des Landes gelten darf. Als Präsident des Weizmann-Instituts gab er in den 1970er Jahren den Anstoß, sich mit dem Thema erneuerbare Energien zu beschäftigen. Von Anfang an verstand man sich in Rehovot als Schnittstelle zwischen Industrie und Forschung und begann, Patente und Forschungsergebnisse gezielt zu vermarkten.

Genau diese kreative und ergebnisorientierte Mentalität hat das Weizmann-Institut zu dem gemacht, was es heute ist: eine der produktivsten Ideenfabriken des Landes. 2.400 Mitarbeiter unterrichten und forschen in den fünf Fakultäten. Angefangen von Biologischen Regelsystemen über Immunologie bis hin zu Angewandter Mathematik decken sie 18 Schwerpunktfächer ab. 1400 Studenten und Post-Doktoranden lernen hier, nicht wenige davon kommen aus dem Ausland. Auch gibt es mittlerweile über 50 interdisziplinäre Zentren.

Die Palette der internationalen Kooperationsvorhaben ist enorm. Spitzenreiter sind die Vereinigten Staaten mit fast 420 Projekten, auf Platz zwei liegt bereits Deutschland mit insgesamt über 340 gemeinsamen Vorhaben. Die Helmholtz-Gemeinschaft hat im Jahr 2017 ihre jüngste Kooperation mit dem Weizmann-Institut gestartet: Es trägt den Namen Whelmi und wird mit dem Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) durchgeführt. Gemeinsam wollen die Wissenschaftler hochintensive Laser entwickeln, mit denen sich chemische oder biologische Prozesse beobachten lassen, die extrem schnell ablaufen. Das könnte unter anderem in der Therapie von Krebspatienten große Durchbrüche bringen.

Die Atmosphäre vor Ort ist – typisch israelisch – sehr informell. Viele der besten Ideen kämen nicht zuletzt deshalb zustande, weil die Hälfte der Weizmann-Wissenschaftler auf dem Campus lebt und es immer wieder fächerüberschreitende Begegnungen gibt. "Die inspirierendsten Forschungspartner treffen wir meist am Sandkasten zwischen den Wohnhäusern auf dem Campus", sagte einmal Weizmann-Institut-Präsident Professor Daniel Zajfman. Allein sieben der 25 wichtigsten Biotech-Medikamente der letzten Jahre basieren auf Entdeckungen, die in Rehovot gemacht wurden.

Unsere Serie zur israelisch-deutschen Zusammenarbeit in der Wissenschaft:

Zu Teil 1: Pioniere der Annährung

Zu Teil 2: Vom Kontakt zur Kooperation

Zu Teil 3: Fruchtbare Jahre nach der Wende

Zu Teil 5: Uni für alle

Zu Teil 6: Cyber-Oase mit magnetischer Wirkung

15.06.2018 , Ralf Balke
Leserkommentare, diskutieren Sie mit (0)
Keine Kommentare gefunden!
Kommentar hinzufügen

Ihr Kommentar wird nach dem Absenden durch unsere Redaktion geprüft und dann freigegeben, wir bitten um etwas Geduld. Bitte beachten Sie auch unsere Kommentarregeln.

Your comment will be checked by our editors after sending and then released, we ask you for a little patience.

Druck-Version