Fragiles Gut - In vielen alten Schriften frisst sich eisenhaltige Tinte durch das Papier und hinterlässt große Schäden. Bild: Ernst Fesseler

Risse im kulturellen Gedächtnis

Historische Handschriften, Atlanten, Zeichnungen – deutsche Bibliotheken und Archive verwahren Millionen Schätze aus Papier, die zu verfallen drohen. Für die Erhaltung dieses schriftlichen Kulturguts liegen jetzt erstmals bundesweite Handlungsempfehlungen vor.

Rund 600 Jahre hatte die eisenhaltige Tinte Zeit, um kleine Löcher in das Papier der alten Handschrift zu knabbern. Jetzt liegt das Buch auf einem Tisch in der Restaurierungswerkstatt der Staatsbibliothek zu Berlin. Die Schäden sind mit dem bloßen Auge zu erkennen. Hier sollen sie behoben werden. An einem anderen Tisch inspiziert Julia Bispinck gerade eine Pergament-Handschrift aus dem Jahr 1415, die der einstigen schottischen Königin Maria von Geldern gehörte. Auf jeder einzelnen Seite des Werks ist die sorgfältige Handschrift von aufwendigen Ornamenten umrundet. Die Farben glänzen noch immer, die Buchstaben sind noch immer genau zu erkennen. Doch dem gleißend hellen Licht und der starken Lupe entgeht nichts: Der Blick der Expertin bringt feine Risse in den kleinen Malereien und winzige Brüche im Papier zu Tage.

„Das sind bereits ernsthafte Schäden“, sagt Julia Bispinck, die die Restaurierungswerkstatt der Staatsbibliothek zu Berlin leitet. „Gut, dass wir das Buch jetzt bei uns haben, so können wir verhindern, dass sie sich verschlimmern.“ Die Restauratoren bilanzieren die Beschädigungen, beheben sie sorgfältig und dokumentieren, was sie getan haben. Insgesamt zwölf Mitarbeiter hat Bispinck dafür in ihrem Team. Doch das reicht bei Weitem nicht aus. „Wir haben mehrere tausend Handschriften, die wir restaurieren müssten“, sagt die Expertin. „Allein die Dokumentation der Schäden, die durch Benutzung, falsche Lagerung, durch Tintenfraß oder versäuertes Papier entstanden sind, kann bei Werken wie diesem bis zu einer Stunde dauern – pro Seite.“ Diese wieder in einen stabilen Zustand zu bringen, dauert ein Vielfaches dieser Zeit. 20 bis 40 Werke im Jahr können sie derzeit retten. Julia Bispinck und ihr Team haben elf Räume in der Berliner Staatsbibliothek. Dort entsäuern sie die Bücher in speziellen Wasserbädern, bereiten Lösungen zu, mit denen sich alte Klebereste beseitigen lassen, oder entfernen Schimmelpilzbefall, der sich auf altem Papier angesetzt hat. Doch die Originale geben sie nur ungern aus den Händen, selbst wenn sie wieder nutzbar sind. Denn gerade das sei eine starke Belastung für ein historisches Werk. „Wann immer es geht, bieten wir deshalb unseren Nutzern erst einmal ein Digitalisat für ihre Arbeit an“, sagt sie.

In ähnlicher Situation wie die Restauratoren der Berliner Staatsbibliothek befinden sich Bibliothekare und Archivare bundesweit. Sie stehen vor einer schier überwältigenden Aufgabe. Allein die durch Säurefraß gefährdeten Kulturgüter aus deutschen Archiven würden ein 1800 Kilometer langes Regal füllen. Das zeigt die neueste Schätzung der KEK, der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts. Die KEK hat Ende 2015 erstmals die Menge des kulturellen Erbes benannt, das vor dem Verfall steht. Neben den Schätzen in Archiven sind zusätzlich rund neun Millionen Bände in Bibliotheken vom Papierzerfall bedroht. Unendlich viele Originale könnten damit auch für die Wissenschaft verloren gehen.

Selbst in modernen Bibliotheken, die nur einen geringen Bestand an alten Werken haben, ist dieses Problem virulent. „Denken Sie etwa an die Aufzeichnungen oder Tagebücher, die Polarforscher auf ihren Expeditionen geschrieben haben“, sagt Marcel Brannemann, der Leiter der Bibliothek am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremer-haven. „Das sind Unikate, die nachfolgenden Forscher-Generationen unheimlich viel erzählen können.“ Allein die Aura des Originalen könne zeigen, wie Wissenschaftler einst gearbeitet hätten. „Die Farben von Zeichnungen oder der Zustand der Bücher haben eine ungeheure Aussagekraft“, weiß Brannemann. Würden diese Werke nicht erhalten, ginge einmaliges Kulturgut verloren.

Das Archiv für deutsche Polarforschung sammelt am AWI wichtige Originale, um Wissenschaftler und Öffentlichkeit mit historischen Informationen über die Erkundung der Polargebiete und Meere zu versorgen. Es ist erst im Jahr 2011 entstanden, doch auch hier gibt es bereits gut 250 laufende Meter an Kulturschätzen auf Papier. „Das AWI hat das Problem zum Glück rechtzeitig erkannt und seine Originale von Beginn an sachgerecht aufbewahrt“, sagt Christian Salewski, Leiter des Archivs. Der Nachlass des Polarforschers Alfred Wegener ist deshalb gut erhalten, genau wie Aufzeichnungen von der ersten Antarktis-Expedition, die Kapitän Carl Koldewey geleitet hat. „Ohne solche Archivalien könnten zum Beispiel Historiker überhaupt nicht arbeiten“, meint Salewski. „Nur an einem Original kann man zum Beispiel die Echtheit eines Dokuments prüfen.“

Das dürfte auch den Politikern von Bund und Ländern bewusst gewesen sein, als sie die Berliner Koordinierungsstelle 2011 eingerichtet haben. Angesiedelt an der Staatsbibliothek, sollte sie das Ausmaß des Verfalls schriftlichen Kulturguts hierzulande zahlenmäßig erfassen. Denn einen Überblick darüber, wie groß das Problem ist, gab es bislang nicht. „Die Handlungsempfehlungen sind ein Meilenstein für unsere Arbeit“, sagt Ursula Hartwieg, die Leiterin der Koordinierungsstelle. „Wir haben jetzt erstmals verlässliche Zahlen zu Umfang, Schädigung und Gefährdung der Bestände in Archiven und Bibliotheken.“ Damit war der KEK-Auftrag aber nicht erledigt. In Modellprojekten wurde gezeigt, was man zur Vorbeugung und Behebung solcher Schäden tun kann. Schließlich wurden allgemeine bundesweite Handlungsempfehlungen entwickelt. Um jährlich ein Prozent der bundesweit bedrohten Werke zu retten, seien rund 63 Millionen Euro nötig. Derzeit stünden gut zehn Millionen zur Verfügung. Die Kultusministerkonferenz reagierte darauf sofort: Bund, Länder und Kommunen müssten jetzt ihre Kräfte bündeln, um die wertvollen Bestände auch für künftige Generationen im Original zu erhalten, hieß es.

Diese Einsicht freut Ursula Hartwieg. Dabei gehe es gar nicht darum, ab sofort die 63 Millionen Euro pro Jahr zu bekommen. Das Geld könnte ohnehin nicht auf einen Schlag sachgemäß eingesetzt werden. Das Knowhow in den Bibliotheken und Archiven müsse erst einmal weiter ausgebaut werden, man brauche mehr Restaurierungs-Fachkräfte und Werkstätten, aber auch Experten in den Einrichtungen. Die KEK hat in ihren Handlungsempfehlungen deshalb vorgeschlagen, das Großprojekt „Erhaltung des schriftlichen Kulturerbes“ bis zum Jahr 2025 schrittweise anzugehen.

Im digitalen Zeitalter tritt für Bibliothekare auch eine neue Herausforderung auf: die Daten, die originär elektronisch entstanden sind, aufzubewahren und zugänglich zu machen. „Datenbanken, Zeitschriften, Artikel und andere wissenschaftliche Erhebungen etwa sind oft gar nicht mehr auf Papier entstanden, sondern von Beginn an ausschließlich digital“, sagt Frank Scholze, der Direktor der Bibliothek am Karlsruher Institut für Technologie. „Für diese Daten eine funktionale Langzeitarchivierung flächendeckend zu gewährleisten, ist ein bislang ungelöstes Problem.“ Die Forderungen der KEK unterstützt Scholze, auch wenn seine Bibliothek nur peripher mit Altbeständen zu tun hat. „Wir müssen unser kulturelles Gedächtnis, unsere originalen Quellen schützen“, sagt er. „Doch gleichzeitig stehen wir vor der neuen Herausforderung, unsere heutigen digitalen Ressourcen zukunftsfähig zu machen.“

Diese Herausforderung sieht auch Marcel Brannemann vom AWI. „Was ist mit den vielen E-Mails, die sich Wissenschaftler heute schicken?“, fragt er. „Das sind doch die Briefwechsel der heutigen Zeit.“ Allein diesen elektronischen Nachlass künftig möglichst umfassend abbilden zu können, sei eine ungeheure Aufgabe für Archivare.

01.04.2016 , Roland Koch

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