Wissenschaftskommunikation

„Ich musste lernen, meine Fachsprache abzulegen“

Dr. Anja Worrich und Dr. Martin Schrön vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ. Beide Wissenschaftler wurden von der Klaus Tschira Stiftung ausgezeichnet. Bild: Anre Künzelmann, UFZ

Anja Worrich ist eine der Preisträgerinnen des Klartext-Wettbewerbs für Wissenschaftskommunikation 2018. Im Gespräch erklärt sie, warum die Kommunikation mit der Öffentlichkeit insbesondere für jüngere Wissenschaftler immer wichtiger wird.

Warum ist die Kommunikation mit der Öffentlichkeit für Sie als Wissenschaftlerin relevant?

Die eigenen Forschungsergebnisse mit der Öffentlichkeit zu teilen, finde ich sehr wichtig und es sollte auch immer Teil der Arbeit eines Wissenschaftlers sein. Laut Wissenschaftsbarometer hat die Mehrheit der Deutschen ein großes Interesse an Wissenschaft und Forschung und vertraut ihnen auch. Damit das so bleibt oder sogar noch besser wird, müssen wir unsere Arbeit auch nach außen kommunizieren und zwar so, dass die Menschen sie verstehen. Das Interesse ist nämlich durchaus berechtigt. Schließlich wird ein Großteil der Forschung durch öffentliche Gelder finanziert. 

Wie ist das unter den Forschenden angesehen, wenn man sich weit in die Öffentlichkeit vorwagt?

Bisher habe ich nur positive Rückmeldungen erhalten. In den letzten Jahren hat sich in dem Bereich auch viel getan. Wissenschaftler treten immer häufiger vor die Kamera, verfassen Gastbeiträge in den Leitmedien oder verbreiten ihre neusten Veröffentlichungen über die sozialen Medien. Es gibt so viele Kanäle und für die meisten ist ein passender dabei. Damit wird insbesondere bei den Jungen die Wissenschaftskommunikation fast zur Normalität. Dabei dürfen wir natürlich unsere Kernaufgaben nicht vergessen: Wir sollen forschen und zu neuen Erkenntnissen kommen. Sonst gibt es irgendwann nichts mehr zu kommunizieren. 

Wie haben Sie von dem Wettbewerb erfahren?

Durch eine Rundmail an unserem Institut. Die Aufgabe, sein Forschungsthema allgemeinverständlich zu vermitteln, fand ich sofort spannend. Wir kommunizieren ja im Berufsalltag fast ausschließlich in Wissenschaftssprache und verwenden viele Fachbegriffe. Eher selten  legt man den Fokus darauf, so verständlich wie möglich für die Allgemeinheit zu schreiben. Es hat mich gereizt, das auszuprobieren.

Fiel Ihnen das Schreiben schwer?

Es war tatsächlich eine Herausforderung. Anfangs dachte ich noch: „Es kann ja nicht so schwer sein, das so aufzuschreiben, dass es jeder versteht. Auch wenn er nichts mit dem Thema zu tun hat.“ Der erste Entwurf war dann auch relativ schnell runtergeschrieben. Aber als ich später draufschaute, fand ich ihn nicht mehr gut. Ich habe dann schrittweise weiter dran gefeilt. Mir fielen immer wieder Begriffe auf, bei denen ich merkte: Damit kann nicht jeder etwas anfangen. Wir haben schließlich Methoden benutzt wie die Nano-Sekundärionen-Massenspektronomie. Das muss man natürlich einfach erklären. 

Hatten Sie Testleser?

Nach ein paar Überarbeitungen zeigte ich den Text meiner Freundin, die nicht in der Wissenschaft tätig ist, und fragte sie: „Wie kommt das bei dir rüber?“ So bekam ich von ihr noch ein paar gute Hinweise. Als ich den Beitrag dann meinem Doktorvater zeigte, kamen nur noch kleinere Änderungen dazu.

Sie finden Ihre Forschung darin aber auch angemessen wieder? Oder mussten Sie hier und da so vereinfachen, dass das Wissenschaftlerinnenherz litt?

Als Wissenschaftler ist man darauf getrimmt, Experimente so detailliert wie möglich zu beschreiben, damit andere sie auch reproduzieren können. Natürlich musste man im Text hier und da ein paar Abstriche machen. Insgesamt ist es aber eine gute, knappe Zusammenfassung dessen, was ich gemacht habe – ohne die für einen Außenstehenden überflüssigen Details, die das Ganze komplizierter machen würden. Es war überraschend zu sehen, dass man trotz aller Vereinfachung die Kernbotschaft ganz gut transportieren kann.

Manche Wissenschaftler scheinen Angst zu haben, unwissenschaftlich zu wirken, wenn sie sich allgemeinverständlich ausdrücken. Können Sie das nachvollziehen? 

Das ist mir ein bisschen fremd. Hier am UFZ arbeiten Wissenschaftler aus vielen unterschiedlichen Disziplinen zusammen. Auch ich hatte in meiner Doktorarbeit viel mit Forschern aus anderen Fachgebieten zu tun. Ich musste lernen, meine Fachsprache abzulegen und Dinge so zu erklären, dass auch Nicht-Mikrobiologen verstehen können woran ich arbeite und warum. Andersrum war ich auch dankbar, wenn Andere mir etwas so erklärten, dass ich nicht ständig nachfragen musste wovon sie da eigentlich reden. Die Zeit der Promotion war damit schon  ein gutes Training, meine Forschung so einfach wie möglich rüberzubringen. Ich denke, dass man das Komplizierte nur verständlich machen kann, wenn man sich mit allen Details auskennt. Nur dann kann man sie herunterbrechen. Für mich ist das nicht unwissenschaftlich – eher im Gegenteil.

Hat es Sie seinerzeit als Studienanfängerin geärgert, wenn vieles so kompliziert ausgedrückt wird, wo es gar nicht nötig ist?

In der Biologie oder Mikrobiologie weniger, denn wo das Hauptinteresse liegt, ist man relativ schnell drin und eignet sich in den Fachzeitschriften schnell das Fachvokabular an. Aber grundsätzlich sollte es in Lehrbüchern und Vorlesungen besser gelingen, Wissen an Nicht-Hauptfachstudenten zu vermitteln. Da gibt es ganz einfache Tricks, wie man Studenten Frustration erspart und Interesse weckt.

Was meinen Sie genau?

Schlägt man beispielsweise ein Physikbuch auf, wird man gleich von diesen ganzen Formeln erschlagen. Dabei spricht doch nichts dagegen, Erläuterungen dranzuschreiben: Was bedeutet dieses Formelzeichen, wofür steht es, welche Einheit hat es? So kann man textlich am Ball bleiben, ohne alles nachschlagen zu müssen. Da wo es sich anbietet, hat mir die Erklärung von Alltagsphänomenen immer einen „Aha-Effekt“ beschert. Das bleibt viel länger im Gedächtnis und weckt Spannung auf das, was noch kommt.

Sie haben sich in Ihrer Arbeit mit einer Allianz zwischen Bakterien und Pilzen befasst, die hilft, kontaminiertes Erdreich zu sanieren. Bakterien reisen dabei auf Pilzfäden durch den Boden. Weil der Pilz zufällig im Weg liegt oder weil sie merken, in welcher Richtung die Nahrung konzentrierter ist?

Wie die Bakterien mitbekommen, dass ein Pilz in ihrer Nähe ist und anschließend auf die Pilzautobahn aufspringen, wissen wir noch nicht. Pilz und Bakterien scheinen aber über gasförmige und gelöste Substanzen miteinander zu kommunizieren und ihr Verhalten entsprechend anzupassen. Eine sehr einfache Form der Kommunikation – und doch für uns unglaublich schwer zu entschlüsseln.  

Anja Worrich und Martin Schrön forschen beide am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ in Leipzig.

Eine starke Allianz - Siegerbeitrag von Anja Worrich

Von Fluten, Dürren und der Hilfe aus dem All - Siegerbeitrag von Martin Schrön

KlarText - Preis für Wissenschaftskommunikation

31.10.2018 , Interview: Thomas Röbke
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