Fokus@Helmholtz

Gefährliche Winzlinge

Susanne Thiele, Pressesprecherin des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (Moderation), Annette Widmann-Mauz, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Gesundheit, Wolfgang Plischke, Senatsmitglied der Helmholtz-Gemeinschaft und ehemaliges Vorstandsmitglied der Bayer AG, Petra Gastmeier, Leiterin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité Universitätsmedizin Berlin und Rolf Müller, Geschäftsführender Direktor des Helmholtz-Instituts für Pharmazeutische Forschung Saarland (HIPS) (v.l.n.r). Foto: Dagmar Jarek

Antibiotika haben schon viele Menschenleben gerettet. Allerdings werden diese Wunderwaffen der Medizin zunehmend stumpfer. In Berlin diskutierten Ärzte, Politiker und Forscher darüber, wie der Wettlauf mit den Bakterien gewonnen werden kann.

Wer eine Mausefalle aufstellt, muss damit rechnen, dass die nächste Generation von Mäusen klüger ist als die vorherige – mit diesem passenden Vergleich eröffnete Annette Widmann-Mauz ihren Impulsvortrag vor über 100 Gästen bei der Veranstaltungsreihe Fokus@Helmholtz. Denn ähnlich verhält es sich mit bakteriellen Krankheitserregern: Vor rund 100 Jahren entdeckte der Mensch gegen sie Antibiotika. Seitdem läuft das Wettrennen zwischen Keim und Forschung, bei dem der Mensch in Rückstand gerät. Multiresistente Erreger tauchen heute immer häufiger in Krankenhäusern auf, bisweilen ist ihnen nicht einmal mehr mit Reserve-Antibiotika beizukommen, die nur dann eingesetzt werden, wenn kein anderer Wirkstoff mehr hilft.

Die grundsätzlichen Ursachen für Bakterienresistenzen lägen in der Evolution, erklärte der Pharmazeut Rolf Müller. Seit rund zwei Milliarden Jahren existieren Bakterien auf der Erde – in denen sie fortwährend mutieren und neue Abwehrmechanismen gegen Bedrohungen entwickeln. Sie vermehren sich in ungeheurer Geschwindigkeit und Anzahl. So bringen sie immer wieder neue Varianten hervor - auch solche, die mit Giften besser umgehen können als ihre Vorfahren. Da sei es wenig überraschend, dass sie auch seit der Entdeckung von Antibiotika immer wieder neue Resistenzen bilden, sagte Müller.

Wie Annette Widmann-Mauz berichtete, wurden seit den 1990er Jahren keine neuen Wirkstoffklassen mehr gefunden. Bei neuen Antibiotika handelt es sich seitdem vielmehr um chemische Veränderungen der bisherigen Wirkstoffe. Das hat unter anderem zwei Gründe: Zum einen sind die Bedingungen für die Entwicklung neuer Antibiotika in den letzten Jahrzehnten schwieriger, zum anderen sind auch die Anforderungen an neue Antibiotika verschärft worden. Während es in den 1960er bis 80er Jahren den Zulassungsbehörden in den USA noch reichte, wenn neue Wirkstoffe genauso wirksam waren wie alte, müssen neue Medikamente nun in der klinischen Anwendung besser sein als bisher vorhandene. „Heutzutage wären wir froh, wenn wir ein Antibiotikum mit einer gleichwertigen Wirksamkeit finden würden“, sagte Wolfang Plischke.

Neue Chancen sehen Forscher wie Rolf Müller in Naturstoffen. Manchmal fänden sich in Mikroorganismen interessante Resistenzen, allerdings „haben sie diese Mechanismen nicht entwickelt, damit wir sie anwenden können“, sagte der Pharmazeut. Viel Chemie sei nötig, um diese Wirkstoffe für Medikamente nutzbar zu machen.

Doch nicht nur die Entwicklung neuer Wirkstoffe verhindert aufkommende Antibiotika-Resistenzen. Auch der Umgang mit bisher verwendeten Medikamenten muss überdacht und verändert werden. Wenn Antibiotika dort verwendet werden, wo sie nicht unbedingt notwendig sind, steige das Risiko für Resistenzen unnötig, so Plischke. Einen Lösungsansatz, um den zu verschwenderischen Einsatz von Antibiotika einzudämmen sieht Widmann-Mauz in der internationalen „One Health“-Initiative die verschiedene Beteiligte an einen Tisch bringt, wie Humanmediziner und landwirtschaftliche Anwender von Antibiotika. „Früher herrschte gegenseitige Schuldzuweisung“, berichtete Petra Gastmeier von den Konflikten zwischen Landwirtschaft und Humanmedizin hinsichtlich resistenter Erreger. „Jetzt ist man an dem Punkt, dass alle an einem Strang ziehen.“
Das Projekt rai, das auf Schulungen für Mediziner setzt und Infomaterial für Verbraucher entwickelt, sei ein weitere Aufklärungsansatz, so Gastmeier. Für Patienten werden darin Broschüren entwickelt, die symptomatische Maßnahmen propagieren, für Tierärzte werden Podcasts angeboten, die „auf dem Weg von Hof zu Hof hörbar sind – sodass jede Anwendergruppe eine passende Informationsform erhält“, berichtete Gastmeier.

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer in einem Punkt: Vor allem kleine und mittlere Unternehmen müssten bei der Entwicklung neuer Antibiotika unterstützt werden. Denn wenn sie darin keinen finanziellen Anreiz finden, bleiben neue Medikamente aus: „Die Unternehmen überlegen es sich, ob es sich lohnt, hochwertige Entwicklungen durchzuführen, wenn es sich hinterher um ein Reserve-Antibiotikum handelt, das selten eingesetzt wird und so keinen Profit erwirtschaftet“, sagte Annette Widmann-Mauz.

In die Zukunft blickten alle Teilnehmer verhalten optimistisch. „Noch sind genug Antibiotika vorhanden“, sagte Rolf Müller, „aber das Ausmaß des Problems ist enorm.“ In den letzten zehn Jahren sei demnach gegen die multiresistenten ESKAPE-Pathogene nichts unternommen worden. Hier sind konzertierte Maßnahmen von Staat, Wissenschaft, Gesellschaft und Industrie nötig, um das Problem einzufangen, stellte Wolfgang Plischke fest. Auch Annette Widmann-Mauz schloß damit, dass auf allen Ebenen ein Bewusstsein für das Problem der Antibiotikaresistenzen verankert werden müsse.

Weitere Hintergrundinformationen finden Sie auf www.helmholtz.de/antibiotika

Die Veranstaltung Fokus@Helmholtz findet in Kooperation mit dem Tagesspiegel statt.

Video-Statements

Ärzte, Wissenschaftler und Industrie - in kurzen Video-Statements erklären die Podiumsteilnehmer, was in ihrem jeweiligen Bereich getan werden sollte, um die Krise zu bewältigen.

11.11.2016 , Caroline Ring
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