Open Science

„Es geht nur Schritt für Schritt“

Bild: Julien Eichinger - Fotolia

Sollten wissenschaftliche Artikel, Daten und Software für alle zugänglich sein? Wie werden sich das Publikations- und das Belohnungssystem der Forschung ändern? Und was hat Bürgerwissenschaft mit Open Science zu tun? Ein Gespräch mit Hans Pfeiffenberger und Roland Bertelmann über die Frage, wie offen die Wissenschaft sein sollte.

Vor zehn Jahre, am 1. Dezember 2005, nahm das heutige Open Science-Koordinationsbüro der Helmholtz-Gemeinschaft seine Arbeit auf. Die Wissenschaft sollte doch eigentlich per se offen sein, wieso braucht sie Open Science-Initiativen?

Hans Pfeiffenberger: Als vor 350 Jahren die ersten Fachzeitschriften gegründet wurden, war das das beste Medium für Offenheit. So konnte man wissenschaftliche Erkenntnisse schnellstmöglich verbreiten. Heute ist es aber der offene und kostenfreie Zugang über das Internet, der das Maximum an Offenheit und Transparenz gewährleistet. Und zwar nicht nur für Artikel, sondern auch für Daten und für Software.

Wie offen sind denn wissenschaftliche Veröffentlichungen, sprich wie hoch ist die Open Access-Quote?

Roland Bertelmann: Wir haben in den vergangenen zehn Jahren große Fortschritte gemacht. Zwei Jahre nach der Publikation sind 50 Prozent aller Zeitschriftenartikel zugänglich. Aber nach wie vor dominiert das Abo-Modell bei Zeitschriften, da ist noch ein langer Weg zu gehen.

Wie kam es zu der Open Access-Bewegung?

R.B.: Über die Verlagszusammenschlüsse entstanden Monopolsituationen, die für deutliche Preiserhöhungen genutzt wurden. Anfang der 2000er gab es teilweise 30 Prozent-Preiserhöhungen pro Jahr. Gerade bei den Unis war zu beobachten, dass die Bibliotheken dann auch wichtige Zeitschriften abbestellen mussten. Wir haben nun immer noch Preiserhöhungen deutlich über der Inflationsrate. Dabei ist doch die Idee der Wissenschaft, dass Ergebnisse gelesen, aufgenommen und weiterverarbeitet werden. Das ist das Wesen von Wissenschaft. Aus diesem Impuls heraus ist Open-Access entstanden.

Es gibt ja auch weitergehende Öffnungsideen, z.B. den Peer Review-Prozess zu öffnen, so dass man jeden Diskussionsprozess nachvollziehen kann.

H.P.: Das hat sich in manchen Communities schon etabliert. Beim Copernicus-Verlag zum Beispiel werden das eingereichte Manuskript, die Gutachten dazu sowie die Antworten der Autoren und Kommentare aus der Wissenschaft veröffentlicht, nicht jedoch unbedingt die Namen der Gutachter.

Könnte das nicht auch dazu beitragen, das Belohnungssystem der Wissenschaft zu ändern: Weg von dem bloßen Gucken auf Impact-Faktoren und Veröffentlichungen?

R.B.: Wissenschaft ist per se erstmal konservativ. Bewährte Modelle halten sich sehr lange, da wird nichts übers Knie gebrochen. Wissenschaft ist auch sehr fachspezifisch organisiert und solche Veränderungen müssen sich innerhalb der Disziplinen vollziehen.

H.P.: Hinzu kommt: Es macht keinen Sinn, der Wissenschaft Open Science mit Gewalt überzustülpen. Das wird zu nicht hilfreichen Abstoßungsreaktionen führen. Wir müssen aufklären und die Wissenschaftler dafür gewinnen. Die Geschichte zeigt auch, dass solche kulturellen Veränderungsprozesse gerade auch in der Wissenschaft nur langsam ablaufen.

Wie ist die Helmholtz-Gemeinschaft denn die Open Science-Thematik angegangen? Wann ging das los?

R.B.: Die Berliner Erklärung 2003 war ein Startpunkt für Deutschland, weil Erstunterzeichner alle deutschen Wissenschaftsorganisationen waren. Für die Helmholtz-Gemeinschaft war ganz entscheidend, dass die Mitgliederversammlung 2004 diesen Beschluss noch einmal bekräftigt hat, dann wurde Anfang 2005 eine Roadmap verabschiedet. Und aus dem Impuls- und Vernetzungsfonds wurde dann Ende 2005 das Koordinationsbüro damals noch unter dem Namen „Open Access“ eingerichtet.

H.P.: Schon damals haben wir auch das Thema offene Forschungsdaten gesetzt: Ab 2008 haben wir offenen Zugang zu Daten aus öffentlich finanzierter Wissenschaft im Rahmen der Allianz der Wissenschaftsorganisationen diskutiert. Das wurde dann 2010 als Grundsatz durchgesetzt und wird heute gerade Mainstream.

Offener Zugang zu Daten klingt gut. Aber was sind da die Probleme?

H.P.: Es gibt zum Beispiel noch keinen Daten-Standard, nicht mal einen für jede Disziplin. Und es gibt keine Standards für Schnittstellen zum Abrufen der Daten. Außerdem ist z.B. bei Patientendaten der Datenschutz zu beachten. Bisher gibt es bei Datenportalen auch nur Insellösungen für einzelne Disziplinen. Und vor allem gibt es zu wenig „messbare“ Anerkennung als wissenschaftlicher Beitrag.

R.B.: Der Open Science-Arbeitskreis, in dem alle Helmholtz-Zentren vertreten sind, will die Forscher hier unterstützen. Es geht nur Schritt für Schritt voran und man darf das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Wir kommen aber schon einen großen Schritt weiter, wenn in Foren wie beispielsweise Arbeitskreis und Koordinationsbüro Austausch und Vernetzung stattfinden.

Sprechen wir über Software: Warum soll die auch offen gelegt werden?

R.B.: Bei einem naturwissenschaftlichen Versuch sind neben dem Experiment und den erhobenen Daten auch die Auswertungsprogramme essenziell, damit Dritte die Ergebnisse reproduzieren können. Andererseits ist Software sehr dynamisch. Das heißt: Auch die Dokumentation von Software ist zentral. Dazu braucht es eine neue Kultur im Sinn der Regeln für gute wissenschaftliche Praxis. Andererseits sollte auch das Produzieren von Software als notwendiges Werkzeug der Wissenschaft stärker als gesonderte Leistung sichtbar werden.

Neben Open Access, Open Data und der Software gibt es auch die Ansicht, Open Science würde auch Bürgerbeteiligung und Bürgerwissenschaft umfassen. Wie sehen Sie das?

R.B.: Arbeitskreis und Koordinationsbüro fokussieren sich momentan auf Publikationen, Daten und Software. Diese drei Themen sind für sich sehr große Herausforderungen. Citizen Science und Bürgerbeteiligung sind Themen, zu denen es Querbezüge gibt.

H.P.: Die Helmholtz-Gemeinschaft hat ja etwas Pragmatisches an sich. Und da bearbeiten wir Felder, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ein konstruktives Ergebnis bringen können. Das Andere sind gesellschaftliche Diskussionen, die wir mit Interesse beobachten, an dieser Stelle aber nicht voran bringen können – auch wenn unsere Ergebnisse durchaus einen Beitrag leisten können.

01.12.2015 , Interview: Henning Krause
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