Im Steuerraum des Rossendorfer Forschungsreaktors (RFR). Der Reaktor sowjetischer Bauart wurde im Jahr 1957 eingeweiht, heute wird der Standort vom VKTA - Strahlenschutz, Analytik & Entsorgung Rossendorf sowie vom Helmholtz-Zentrum-Dresden-Rossendorf genutzt. Foto: ZfK

30 Jahre Tschernobyl

„Ein umfangreiches Messprogramm lief an“

Am 30. April 1986 meldete der Strahlenschutzbeauftragte des Rossendorfer Forschungsreaktors bei Dresden einen Anstieg der Radioaktivität in der Hallenluft der Einrichtung. Erst später wurde klar, dass die Ursache für den Anstieg mehr als 1.000 Kilometer weiter im Osten lag.

In der Nacht vom 28. zum 29. April 1986 erhielt das damalige Zentralinstitut für Kernforschung (ZfK) in Rossendorf von der zuständigen Aufsichtsbehörde, dem Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz in Berlin, den Hinweis, dass infolge eines Reaktorunfalls in der Sowjetunion mit dem luftgetragenen Transport radioaktiver Stoffe in die DDR gerechnet werden müsse. Mein Kollege Andreas Beutmann und ich waren zu dieser Zeit wissenschaftliche Mitarbeiter der Abteilung Strahlenschutz am ZfK. 

Im Rahmen des routinemäßigen Immissionsüberwachungsprogramms  des ZfK und seiner Umgebung wurde die Konzentration radioaktiver Stoffe in der bodennahen Luft mithilfe einer Messstation in der Wohnsiedlung Rossendorf – die heute zu Dresden gehört – über den Zeitraum einer Woche bestimmt. Für diese Auswertung nutzten wir Luftfilter, die mit einem Gamma-Spektrometer gemessen wurden. Nach dem Hinweis der Aufsichtsbehörde verkürzten wir den Filterwechsel-Rhythmus zeitweise auf einige Stunden und warteten auf die „Ankunft“ der kontaminierten Luft.

Der erste Hinweis auf diese Ankunft kam jedoch nicht von dieser Sammelstation, sondern vom Strahlenschutzbeauftragten des Rossendorfer Forschungsreaktors (RFR), der am 30.4.1986 am Vormittag einen unerklärlichen Anstieg der Aktivitätskonzentration in der Hallenluft der Forschungsreaktors meldete; das Messsystem in der Reaktorhalle war damals am ZfK das einzige, das im Echtzeitbetrieb – heute sagen wir „online“ – arbeitete. Jedenfalls wurde kontaminierte Außenluft durch die lufttechnische Anlage angesaugt, und so registrierte das System eine Kontamination der Hallenluft. Der maximale Wert der Luftaktivitätskonzentration in der Wohnsiedlung wurde übrigens am 1.5.1986 gegen acht Uhr mit rund acht Becquerel pro Kubikmeter für das Spaltprodukt Iod-131 ermittelt.

Ein umfangreiches Messprogramm lief an, in dem neben der Luftaktivitätskonzentration auch die Aktivität in Milch (Milchviehanlage Großerkmannsdorf und Milchhof Dresden), im Gras (Futtermittel) und in den Schilddrüsen einer ausgewählten Bevölkerungsgruppe gemessen wurde. Dabei war Andreas Beutmann der Mann für die Umgebungsüberwachung, meine Zuständigkeit waren die Schilddrüsen-Messungen. Die aus den Messwerten abgeschätzte Strahlenexposition für erwachsene Personen der Bevölkerung im Raum Dresden für den Zeitraum April und Mai 1986 betrug ca. 70 Mikrosievert (effektive Dosis), wobei die Nahrungsaufnahme der dominierende Aufnahmepfad war.

Im Ergebnis der Tschernobyl-Erfahrungen wurde übrigens auf dem Standort Rossendorf Mitte der 1990er Jahre ein online-Monitoringsystem in Betrieb genommen, mit dem auch die Luftaktivitätskonzentration ständig erfasst wird. Für den Nachweis der kontaminierten Luft in Deutschland nach den Reaktorhavarien in Fukushima mussten wir uns allerdings wieder auf einen sehr langen Sammelzeitraum – eine Woche – umstellen, um die Luftaktivitätskonzentration von Iod-131 von 0,2 Millibecquerel pro Kubikmeter nachweisen zu können. Die daraus abgeschätzte effektive Dosis bewegte sich im einstelligen Nanosievert-Bereich.

Prof. Dr. Peter Sahre, Direktor VKTA - Strahlenschutz, Analytik & Entsorgung Rossendorf e.V.

Andreas Beutmann, Leiter Fachbereich Strahlenschutz des VKTA und Strahlenschutzbevollmächtigter für den Forschungsstandort Dresden-Rossendorf

Ehemaliger Kernforschungsstandort Dresden-Rossendorf 

Am 1. Januar 1956 wurde das Zentralinstitut für Kernphysik gegründet und im folgenden Jahr in Zentralinstitut für Kernforschung (ZfK) Rossendorf umbenannt. Die Arbeiten am und mit dem Rossendorfer Forschungsreaktor, dessen Einweihung im Jahr 1957 stattfand, waren Basis für die Entwicklung der zivilen Nutzung der Kerntechnik in der DDR. Zugleich war das ZfK eine vielseitige Forschungseinrichtung auf dem Gebiet der Kernforschung und Kerntechnik. Das ZfK wurde, wie alle Institute der Akademie der Wissenschaften, gemäß Einigungsvertrag am 31.12.1991 aufgelöst.

Mit Beginn des Jahres 1992 gründeten sich am Standort Rossendorf zwei neue Einrichtungen: Der Verein für Kernverfahrenstechnik und Analytik Rossendorf, der heute den Namen VKTA - Strahlenschutz, Analytik & Entsorgung Rossendorf e.V. trägt, und das Forschungszentrum Rossendorf. Der VKTA hat die Aufgabe, die kerntechnischen Anlagen stillzulegen, schrittweise abzubauen und den Standort von Kernmaterial und radioaktivem Abfall zu entsorgen. Das heutige Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf, das im Jahr 2011 von der Leibniz- in die Helmholtz-Gemeinschaft wechselte, bearbeitet eine Vielzahl neuer Forschungsaufgaben in den Bereichen Energie, Gesundheit und Materie. 

Am 26. April jährt sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zum 30. Mal. Der Bericht ist Teil einer Serie, in der Helmholtz-Forscher erzählen, wie sie die Tage und Wochen nach dem Unglück erlebten und wie sich ihre wissenschaftlichen Karrieren durch den Unfall verändert haben. Weitere Beiträge finden Sie hier: www.helmholtz.de/tschernobyl

In der Kurzfolge unseres Forschungspodcast beschreibt Christoph Pistner vom Öko-Institut wie es vor 30 Jahren im Reaktor von Tschernobyl zum Super-GAU kommen konnte. In der Langfolge erklärt er, wie ein Atomkraftwerk funktioniert, welche Reaktortypen es gibt und was mit dem Atommüll geschehen sollte.

21.04.2016 , Peter Sahre und Andreas Beutmann

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