Dorothea Alber und ihr Kollege Carsten Schwarz bei der Arbeit am HMI. Bild: HZB

30 Jahre Tschernobyl

„Die Verunsicherung war riesengroß“

Dorothea Alber war 1986 Doktorandin am Hahn-Meitner-Institut in Berlin. Schon bald nach der Reaktorkatastrophe unterstützten die Forscher des Institutes die Berliner Landesbehörden bei der Messung von Lebensmitteln und Muttermilch.

Ich habe damals am Beschleuniger VICKSI als Doktorandin gearbeitet. Dabei habe ich Anregungszustände in Atomkernen untersucht, die im Beschleuniger künstlich für kurze Zeit erzeugt wurden. Deswegen war ich auch mit Messmethoden zur Radioaktivität vertraut, insbesondere mit Gamma-Detektoren und Gamma-Spektroskopie, allerdings natürlich für die physikalische Forschung, nicht für die Messung von Bodenproben oder Lebensmitteln. 

Aber das Unglück in Tschernobyl stellte uns vor neue Aufgaben: Ein Kollege kam zum Beispiel mit dem Auto von einer Konferenz aus Polen zurück und am HMI stellte der Strahlenschutz dann fest, dass die Autoreifen kontaminiert waren. Wenige Tage nach dem Unglück zog die Wolke über Deutschland und wir wurden dann vom Land Berlin angesprochen, ob wir helfen können. Am HMI war die Technik zur Messung von Radioaktivität ja an mehreren Stellen vorhanden, und die Mitarbeiter vom Strahlenschutz waren natürlich auch in der Lage, Lebensmittel und Bodenproben zu messen.

Berlin wurde zum Beispiel über den Grenzübergang Dreilinden mit Lebensmitteln beliefert. Dort hatte das Land Berlin eine Messstelle eingerichtet, um die Lebensmittel zu untersuchen, bevor sie in den Regalen der Supermärkte landeten. Das haben wir fachlich unterstützt; wir haben innerhalb einer Nacht in Dreilinden alle Geräte aufgebaut, kalibriert und zum Laufen gebracht. Die Messungen selbst haben dann auch Mitarbeiter des Landes Berlin gemacht, aber einige Kolleginnen und Kollegen aus dem HMI waren in den folgenden Wochen immer vor Ort, um sie zu schulen und die Geräte zu betreuen.

Am HMI selbst hat ein Kollege auch eine Messstelle für Muttermilchproben aufgebaut, neben seiner normalen Arbeit. Muttermilchproben mussten sehr lange, etwa acht Stunden, gemessen werden, da die Proben ja ziemlich klein waren. Diese Messstelle hat er lange betrieben.

Ich erinnere mich an viele Diskussionen. Zum Beispiel wollten viele Leute in Berlin selbst Geigerzähler kaufen, aber ohne Sachkenntnis nützt das nicht viel. Denn Geigerzähler sind Dosisleistungsmessgeräte: Wenn der Geigerzähler beim Salat anschlägt, dann sollte man den Salat wirklich nicht mehr essen. Aber der Salat könnte auch belastet sein, ohne dass der Geigerzähler anspricht. Einfach nur das Gerät hinzuhalten, reicht für die Beurteilung von radioaktiven Belastungen nicht aus.

Kurz nach der Wende hatte ich sogar einen Russisch-Kurs gemacht, um an einer Messkampagne des Bundesamts für Strahlenschutz in der Region um Tschernobyl teilzunehmen. Leider hat das dann doch nicht geklappt, weil etwas dazwischen gekommen ist. Aber eine Kollegin und ein Kollege aus dem HMI sind nach Tschernobyl gereist, um im Rahmen dieser Messkampagne die Belastungen der Anwohner mit Ganzkörperzählern zu ermitteln.  

Als junge Wissenschaftlerin habe ich die Nachrichten mit großem Interesse verfolgt, Zeitungen gelesen und viel diskutiert und erklärt. Und dabei habe ich festgestellt, dass es für Laien sehr schwierig ist, Risiken in Bezug auf Radioaktivität richtig einzuschätzen. Begriffe wie Radioaktivität, Strahlung, Dosisleistung, Kontamination gehen durcheinander, Größenordnungen wie Mikro (Millionstel-) und Milli (Tausendstel) ebenso, und das macht ja einen dramatischen Unterschied. Deshalb auch waren die Ängste und die Verunsicherung der Menschen sehr groß, manche sind mit ihren Kindern sogar nach Fuerteventura oder auf andere Inseln geflogen, um den vergleichsweise geringen Belastungen im Raum Berlin auszuweichen. 

Am 26. April jährt sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zum 30. Mal. Der Bericht ist Teil einer Serie, in der Helmholtz-Forscher erzählen, wie sie die Tage und Wochen nach dem Unglück erlebten und wie sich ihre wissenschaftlichen Karrieren durch den Unfall verändert haben. Weitere Beiträge finden Sie hier: www.helmholtz.de/tschernobyl

In der Kurzfolge unseres Forschungspodcast beschreibt Christoph Pistner vom Öko-Institut wie es vor 30 Jahren im Reaktor von Tschernobyl zum Super-GAU kommen konnte. In der Langfolge erklärt er, wie ein Atomkraftwerk funktioniert, welche Reaktortypen es gibt und was mit dem Atommüll geschehen sollte.

22.04.2016 , Dorothea Alber

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