Brexit-Debatte

Die Folgen für die Wissenschaft

Bild: Jorisvo/istockphoto

In wenigen Tagen entscheiden die Briten über den Verbleib in der EU. Was würde ein Austritt für die Wissenschaft diesseits und jenseits des Ärmelkanals bedeuten? Forscher kommentieren den möglichen Brexit.


Karen Helen Wiltshire, stellvertretende Direktorin am Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

Iain MattajGeneraldirektor des European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg

Otmar D. Wiestler, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft


Karen Helen Wiltshire: "Warum sollte Großbritannien aus der Europäischen Union austreten? Ich muss gestehen, dass ich die Frage nach einem potenziellen „Brexit“ zunächst nicht allzu ernst genommen habe. Schließlich galt Großbritannien in der jüngeren Geschichte als Paradebeispiel für eine kooperative Gemeinschaft – man denke nur an das Commonwealth. Außerdem, so schien es mir, hatte es Europa seit den Anfangstagen der EU immer wieder einmal den Rücken gekehrt. Für mich war das Teil der üblichen Vielfalt der EU und der dazugehörigen Debatten, die interessanterweise immer wieder dann aufflammen, wenn die Zeiten insgesamt etwas härter werden. Die Menschen fragen sich in solchen Momenten instinktiv, inwieweit sich das Gemeinwohl mit ihren eigenen Interessen deckt. Der Grund hierfür ist einfach: Einige scheinen der Illusion verfallen zu sein, dass sie mehr vom heimischen Kuchen abbekommen, wenn sie ihn nicht mit der ganzen EU teilen müssen. Sorgen um eine Verwässerung der britischen Kultur oder gar um die britische Identität als solche kann die Brexit-Frage kaum widerspiegeln. Großbritannien ist es bisher sehr gut gelungen, seine „Britishness“ durch alle EU-Debatten hindurch zu erhalten. Warum sollte das Land plötzlich daran zweifeln, dass es diese seine Werte weiterhin aufrechterhalten kann? Ich sehe dafür keinerlei Grund. Man kann die Brexit-Problematik also nicht einfach auf die Frage reduzieren, ob die eigene nationale „Extrawurst“ in der EU langfristig Bestand haben wird. 

Das Überleben im System Erde basiert auf Vielfalt. Es wird definitiv nicht durch Isolation gesichert. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass die Menschheit nach 45 Millionen Jahren auf diesem Planeten nur durch eine Spezies vertreten ist, den Homo sapiens. Alle anderen menschlichen Spezies, und es gab mindestens sechs im Laufe der Jahrmillionen, sind entweder in Homo sapiens aufgegangen oder wurden ausgelöscht. Schon in der Vergangenheit war Homo sapiens nicht gerade beispielhaft für seine integrative Toleranz – und wir sind es auch heute noch nicht, wie sich derzeit an so vielen Schauplätzen zeigt.

In der EU jedoch geht es um Vielfalt und Toleranz. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es einen derartigen Zusammenschluss. Alle anderen Gemeinschaften werden von einer übergeordneten Instanz geführt. Nirgendwo sonst auf der Welt wird die Herausbildung gemeinsamer Interessen so wesentlich durch Dialog und Interaktion geprägt wie in der EU. Gesellschaftliche Diskurse, die zu friedlichen Lösungen führen, sind das Markenzeichen der EU. Die europäischen Erfolge in den Bereichen Wissenschaft, Technik und Medizin gehen größtenteils auf integrative Gemeinschaftsprojekte und einen länderübergreifenden Zusammenschluss von Know-how und Kompetenzen zurück.

Meiner Meinung nach ist die EU eine für die Menschheit sehr besondere Einrichtung, denn obwohl sie danach strebt, eine gesellschaftliche Union friedlicher Interaktion zu sein, lässt sie kulturelle Vielfalt nicht nur zu, sondern fördert sie auch. Dies ist meiner Ansicht nach Grundlage aller Kreativität, Innovationskraft und Exzellenz, die wir in Europa haben, und ganz besonders im europäischen Wissenschaftsbereich.

Welchen Grund kann es geben, sein Land in eine isolierte Position am Rande Europas zurückführen zu wollen? Die Kurzsichtigkeit dieser Idee ist ehrlich gesagt erschütternd. Ganz besonders deshalb, weil Großbritannien das heutige, multikulturelle Europa so maßgeblich mitgeprägt und in zwei Weltkriegen für ein tolerantes, friedliches Europa gekämpft hat. Sicher kann nur ein kleiner Prozentsatz der modernen Menschheit ernsthaft der Ansicht sein, dass Isolationismus und Nationalismus vernünftige, zivilisierte und zukunftsweisende Ansätze sind. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir alle unserem hochgestochenen Namen gerecht werden: „Homo sapiens“, der einsichtsvolle oder weise Mensch. Wir müssen erkennen, dass unser Wohlergehen ebenso wie Exzellenz und Nachhaltigkeit und damit unser Überleben auf diesem so beanspruchten Planeten nur durch Toleranz und Vielfalt gesichert werden können. Ohne gemeinsame Forschung, Planung, Schadensminderung und Anpassung hat die Menschheit wenig Hoffnung auf ein nachhaltiges Bestehen. Ohne das europäische Vorbild fehlt uns hierfür ein gutes Reißbrett. Hoffen wir also, dass Großbritannien den Brexit vergisst und sich weiter auf seinem Kurs der Zivilisation, der Integration und des Friedens bewegt. Denn dieser hat eine lange Geschichte. Großbritannien zählte bisher zu den Staaten, die sich führend für weltweite Toleranz, das Commonwealth und Europa eingesetzt haben. Mir scheint es unvorstellbar, dass gerade Großbritannien sich in eine Nation verwandeln könnte, die isoliert am Rande Europas existiert und den zivilen Diskurs mit ihren Nachbarstaaten meidet. Unter einer solchen Entwicklung würde nicht nur der gesellschaftliche und kulturelle Austausch leiden. Auch Wissenschaft, Technik und Medizin, die so oft durch integrative, internationale Gemeinschaftsprojekte vorangetrieben werden und auf Synergien und Wissensaustausch aufbauen, werden mit großer Wahrscheinlichkeit an Bedeutung und Strahlkraft verlieren.

Ausgehend von ganz einfachen wissenschaftlichen Grundlagen lässt sich sagen: Der Brexit als isolationistisches Konzept ist kein tragbares Modell für das menschliche Überleben." 

Die Deutsch-Irin Karen Helen Wiltshire ist stellvertretende Direktorin am Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Sie studierte in Dublin und Hamburg und forschte an verschiedenen renommierten institutionen in Deutschland, Schottland und den Niederlanden.  2001 kam sie ans AWI, wo sie 2006 den Posten der stellvertretenden Direktorin übernahm. 

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Iain Mattaj: "Wissenschaftliche Forschung ist von Natur aus international. Sie lebt von grenzübergreifender Zusammenarbeit. In zahlreichen der aktuell anspruchsvollsten und bedeutendsten Forschungsprojekte bündeln Wissenschaftler aus unterschiedlichen Kulturen und Ländern ihr Wissen und ihre Kompetenzen, um globalen Herausforderungen zu begegnen. Diese Art der internationalen Zusammenarbeit ist einer der größten Vorteile, den die EU mit ihren Rahmenprogrammen der britischen Wissenschaft bietet.

Ein bedeutender Teil der heutigen groß angelegten, langfristigen wissenschaftlichen Kooperationsprojekte wird durch EU-Mittel gefördert. Ein Verlust der Verbindungen, die durch diese Finanzierungsprogramme ermöglicht werden, wäre die wohl schwerwiegendste Folge eines Brexit für die britische Wissenschaft. Auch in finanzieller Hinsicht könnte ein Brexit die Wissenschaft in Großbritannien schädigen, die zu den größten Empfängern von EU-Forschungsmitteln zählt und besonders erfolgreich bei der Beantragung von Forschungsförderung des ERC ist.

Ein weiterer Grundpfeiler erfolgreicher Forschungsvorhaben ist der Zugang zu großen, internationalen Forschungsinfrastrukturen. Wissenschaftler in Großbritannien erhalten durch gezielte EU-Unterstützung wertvollen Zugang zu solchen Infrastrukturen, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Landesgrenzen. Nicht zuletzt organisiert und evaluiert die EU im Auftrag ihrer Mitgliedsstaaten die klinischen Versuche für die Medikamentenzulassung in Europa. Die britische Pharmaindustrie ist die stärkste Europas, würde jedoch im Falle eines Brexit nicht mehr in europäische Versuchsprogramme einbezogen werden."

Der Schotte Iain Mattaj ist Gerneraldirektor am European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg. Er studierte in Edinburg und Leeds, bevor er als Postdoc in die Schweiz ging. Seit 1985 arbeitet Mattaj am EMBL, seit Mai 2005 ist er Generakldirektor.

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In den kommenden Tagen folgen weitere Kommentare von Persönlichkeiten aus der Wissenschaft.


Otmar D. Wiestler: "Der 23. Juni 2016 könnte sich als Schicksalstag erweisen – für Großbritannien ebenso wie für die anderen 27 Mitgliedstaaten der EU. Wenn die Briten darüber abstimmen, ob sie weiterhin unserer Gemeinschaft angehören wollen, steht vieles auf dem Spiel, was für uns alle mittlerweile zum selbstverständlichen Alltag geworden ist. Einst gegründet als Wirtschaftsgemeinschaft steht die EU heute nicht nur als Garant für Wohlstand und Wachstum. Ihr Wesenskern ist nicht nur ein gemeinsamer Binnenmarkt. Sie steht heute für viel mehr, für Freizügigkeit der Bürger etwa, für Stabilität – und für eine starke Wissenschafts-Community, die sich im globalen Wettbewerb behaupten kann.

Ein wesentliches Moment dieser Stärke sind die Freiräume für die Forscher. Wenn es Neues zu entdecken gilt und brillante Köpfe kreativ zusammenwirken, dann ist der enge Austausch für sie unverzichtbar. Das macht die EU so stark. Denn tagtäglich entstehen gemeinsame Forschungsvorhaben, Cluster, Verbünde. Sie schaffen Synergien, die den europäischen Forschungsraum im internationalen Wettbewerb so einmalig machen. Viele herausragende UK-Wissenschaftler sind essenzielle Partner in diesen Netzwerken. Als Nicht-EU-Mitglieder hätten sie es künftig sehr viel schwerer, aktiv darin mitzuwirken.

Daneben nutzen wir zum Beispiel große Forschungsanlagen von Partnern in Nachbarstaaten oder betreiben sie miteinander. Großbritannien ist wesentlich beteiligt an diesen lebendigen Orten der Wissenschaft: an der Europäischen Südsternwarte ESO beispielsweise, an der Europäischen Spallationsquelle, die im schwedischen Lund entsteht, am Kernfusionsreaktor ITER in Frankreich und an vielen weiteren weltweit einzigartigen Science-hot-spots. Mit einem Austritt aus der EU würde das Königreich seine jetzige Rolle dabei in Frage stellen und sie in langwierigen Prozessen neu aushandeln müssen. Zu seinem Vorteil dürfte sich das nicht gestalten.

Für viele exzellente Forscher aus aller Welt ist diese produktive Gemeinschaft ein wesentliches Moment, um nach Europa zu kommen, ihre Expertise, ihr Know-how gemeinsam mit uns zur Blüte zu bringen. Ein Austritt Großbritanniens würde dieses Commitment für einen Teil unserer Community aufkündigen. Das wäre ein ausgesprochen ungünstiges Zeichen aus Europa. Viel härter jedoch würde es die britische Wissenschaft selbst treffen. Sie würde sich zum Zaungast dieser Zusammenarbeit machen.

Das gilt ebenso für die Teilnahme am und die Mitgestaltung des EU-Forschungsprogramms Horizon 2020. Britische Wissenschaftler sind hier auf vielfältige Weise involviert, als Teilnehmer an Forschungsprojekten oder als deren Koordinatoren. Wollen sie darauf wirklich verzichten? Wollen sie auch finanziell nicht mehr daran teilhaben? Knapp 16 Prozent der Horizon-Gelder gehen nach UK. Großbritannien belegt damit Platz 2 der Empfängerländer.

Die Mehrheit der britischen Wissenschaftler spricht sich gegen einen Austritt Großbritanniens aus der EU aus. Ich hoffe, dass sich am 23. Juni genügend Briten ihrer Meinung anschließen. Ein Brexit wäre ein schmerzhafter Verlust für uns alle. Produktive Wissenschaft ist heute wie in Zukunft eine Sache der Gemeinschaft."

Otmar D. Wiestler ist seit September 2015 Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft. Er studierte Medizin in Freibung (Breisgau). Nach Forschunsgsstationen in San Diego, Zürich und Bonn leitete er von 2004 bis 2015 als Vorstandsvorsitzender und Wissenschaftlicher Vorstand das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ).

Weitere Informationen über Otmar D. Wiestler

23.06.2016 , Karen Helen Wiltshire / Ian Mattaj / Otmar D. Wiestler
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