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„Die deutsche Zuverlässigkeit kann süchtig machen“

Emanuele Poli. Bild: IPP

Der Italiener Emanuele Poli forscht in Garching bei München an nichts Geringerem als einer praktisch unerschöpflichen Energiequelle. Nach seinem Umzug musste er zunächst das bayerische Deutsch und kuriose Behördenfehler meistern.

Seine Begeisterung für Musik hat Emanuele Poli zweifellos aus seiner Heimatstadt Cremona mitgebracht: Die kleine Stadt im Norden Italiens ist vor allem als Heimat berühmter Geigenbauer wie Stradivari oder Guarneri bekannt. Seit er Ende der 90er-Jahre nach München gezogen ist, genießt Poli dort das große musikalische Kulturangebot neben seiner Forschung am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching.

Dort versuchen die Wissenschaftler nichts weniger als das Sonnenfeuer auf die Erde zu holen und mittels Kernfusion Energie zu gewinnen. Poli leistet mit komplexen Computersimulationen seinen Beitrag zu dem großen Ziel, das die Physik seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts beschäftigt. Der Fortschritt kommt Stück für Stück, erklärt Poli: "Wir sind diesem Traum in vielen Hinsichten näher gekommen, der Weg bleibt aber lang." Forschung bedeutet für ihn ständig dazuzulernen und bekanntes Wissen zu erweitern. "Beides macht die Arbeit spannend, und ich komme auch nach fast 15 Jahren noch jeden Tag gern."

Viel Freude macht es ihm auch seine Begeisterung und wissenschaftliche Erkenntnisse an der Universität Ulm mit jungen Studenten zu teilen. Sein Deutschunterricht in der Oberstufe in Italien kam ihm in München eher mittelbar zugute: "Am Anfang hat mir das Schuldeutsch nicht viel dabei geholfen, mich zu verständigen, erst recht wenn die Leute Bayrisch gesprochen haben. Aber immerhin hatte ich durch die Grammatik eine solide Grundlage, auf der ich aufbauen konnte." Am IPP mit seiner großen italienischsprachigen Gemeinschaft und vielen Kollegen, die sich auf Englisch verständigen, fand sich Poli dagegen sofort gut zurecht.

Bei den Behörden lief es weniger rund. Besonders sein Vorname sorgte immer wieder für Missverständnisse: "Mein Name verleitet Deutsche offenbar dazu, mich auf dem Papier für eine Frau zu halten. Obwohl ich persönlich bei der Behörde erschienen war, wurde ich in München als Frau angemeldet." Der Fehler trat später besonders deutlich zutage: "Ein Amt teilte mir nach der Hochzeit mit meiner Frau mit, dass mir in meiner gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft nicht die gleichen Rechte wie in einer Ehe zustünden." Immerhin, das Missverständnis ließ sich aufklären. Auch die gemeinsame Tochter ließ sich schließlich korrekt anmelden.

Heute lächelt Poli über diese Missgeschicke und genießt das Leben in München. "Hier geht es nicht so hektisch zu wie in anderen, ähnlich großen Städten. Das Sozialsystem hat einen hohen Standard, und die deutsche Zuverlässigkeit kann geradezu süchtig machen, wenn man sie einmal erlebt hat!" Auch die kleinen Unterschiede beschäftigen ihn nicht mehr besonders: "Natürlich bleiben das italienische Essen, das Wetter und die sprichwörtliche Herzlichkeit etwas Besonderes für mich - aber da kann man auch schnell in Allgemeinplätze verfallen. Ein Kollege hat das Leben in Deutschland gut zusammengefasst: Nach zwei Jahren würdest Du vielleicht noch zurückgehen, aber nach drei Jahren wird es schwierig. So ging es mir auch."

Internationales am IPP

Im IPP mit seinen Standorten in Garching bei München und Greifswald arbeiten rund 390 Wissenschaftler - darunter 150 ausländische Forscher aus fast 40 Ländern.

Der internationale Experimentalreaktor ITER, für den das IPP bedeutende Zuarbeiten leistet, ist ein Megaprojekt internationaler Zusammenarbeit: Europa, Japan, Russland, die USA, Indien, China und Südkorea wollen mit ITER (lat.: der Weg) demonstrieren, dass Energiegewinn durch Kernfusion möglich ist.

Während der jährlich stattfindenden Summer University bietet das IPP Physikstudenten aus ganz Europa Gelegenheit, sich eine Semesterferien-Woche lang über Plasmaphysik und Fusionsforschung zu informieren. Bewerbungsschluss ist jeweils Ende Mai.

Da auch andere Fusionslaboratorien die IPP-Anlagen intensiv nutzen, begrüßt das IPP alljährlich viele Gastwissenschaftler aus dem europäischen und internationalen Ausland - im Jahr 2014 waren es mehr als 300. Die Gäste können teilweise in institutseigenen Wohnungen untergebracht werden.

Der Beitrag ist Teil einer Serie, in der wir ausländische Wissenschaftler bei Helmholtz vorstellen. Eine Übersicht über alle bisher veröffentlichten Beiträge finden Sie hier:

Serie: Ausländische Wissenschaftler bei Helmholtz

12.03.2015 , Michael Büker
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