Das Mauermuseum am Checkpoint Charlie. Bild: Helmholtz / Roland Koch

Wissenschaftler in Ost und West

Seit einem Vierteljahrhundert sind sie nun vereint, die Wissenschaften in Ost und West. Doch wie lief das damals wirklich ab, wie fanden die Wissenschaftler und die unterschiedlichen Systeme zueinander? Ende Oktober diskutierten Zeitzeugen an einem historischen Ort in Berlin, dem Haus am Checkpoint Charlie, über Erfolge und Versäumnisse beim Zusammenwachsen der deutsch-deutschen Wissenschaft.

Grußwort: Otmar D. Wiestler, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft

Impulsvortrag: Diedrich Fritzsche, Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI)

Es diskutierten:

  • Manuela Kasper-Claridge, Wissenschaftsjournalistin und Leiterin Business und Science bei der Deutschen Welle
  • Jürgen Kocka, Sozialhistoriker, Freie Universität Berlin
  • Bernd Rauschenbach, Direktor des Leibniz-Instituts für Oberflächenmodifizierung Leipzig

Moderation: Jennifer Schevardo, Helmholtz-Gemeinschaft 

Bibliotheken mit einseitiger Literatur, heruntergekommene Gebäude, überholte Infrastruktur. Sah so der Alltag der Forschung in der DDR aus? Mitnichten! In einem Impulsvortrag räumte der Polarforscher Diedrich Fritzsche gleich zu Beginn der Veranstaltung mit Klischees auf. Gute Lehrbücher habe er in der Bücherei des Zentralinstituts für Isotopen- und Strahlenforschung, wo er damals forschte, vorgefunden. Auch amerikanische Werke und sogar die Frankfurter Rundschau. Ein überraschender Auftakt für eine Podiumsdiskussion über „25 Jahre Forschung in Ost und West“, die eine der üblichen Abhandlungen über Defizite auf der einen und Schuldzuweisungen auf der anderen Seite hätte werden können. Aber das war sie, dank der offenen Worte der Podiumsgäste, nicht.

Erstaunt verfolgten die Teilnehmer im Berliner Mauermuseum am Checkpoint Charlie Fritzsches Erinnerungen: Der Wissenschaftler arbeitete am wichtigsten Polarforschungszentrum der DDR, dem Zentralinstitut für die Physik der Erde, und nahm an Antarktis-Expeditionen teil. Auch die Bundesrepublik unterhielt in der Antarktis eine Forschungsstation, die das Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) noch heute betreibt. Die Kontakte unter den Wissenschaftlern waren gut. Als das DDR-Institut 1989 sein 30-jähiges Bestehen feierte, kam sogar der AWI-Direktor persönlich zum Symposium. Das erwies sich als Glücksfall. Denn als zur Wendezeit über die Zukunft des DDR-Instituts entschieden werden sollte, sagte der als Gutachter berufene AWI-Direktor sinngemäß: „Die muss ich nicht prüfen, die kenne ich ja schon.“ Noch erstaunlicher war sein Versprechen: Jeder, der bisher etwas geleistet hatte, sollte weiterhin eine Stelle bekommen. Und so kam es auch. Nicht einmal seinen Schreibtisch musste Fritzsche wechseln, als sein Institut in einen neuen AWI-Standort umgewandelt wurde.

War er wirklich so, der Umwälzungsprozess in der DDR-Wissenschaft: reibungslos und im Einvernehmen? Und ohne Verluste von Arbeitsplätzen? „Nein“, widerspricht der Historiker Jürgen Kocka. Er leitete zur Wendezeit die Kommission, die im Auftrag des Wissenschaftsrates die geisteswissenschaftlichen Institute der Akademie der Wissenschaften der DDR evaluierte. Seine Bilanz ist eher ernüchternd: „Keines der Institute, die wir geprüft haben, wurde weitergeführt – mit einer Ausnahme: ein Institut, das sich mit sorbischer Kultur beschäftigte.“ Das Aus für die ideologisch behafteten Geisteswissenschaften der DDR war ein anderes Extrembeispiel. Es zeigt: Die Brüche in den Lebensläufen der DDR-Forscher nach 1989 waren gravierend. Leider, so Kocka, habe man nie sozialwissenschaftlich untersucht, was aus den vielen Forschern von damals geworden ist, für die es plötzlich keinen Platz mehr in der Wissenschaft gab.

Die Begutachtungen der DDR-Institute durch den Wissenschaftsrat verliefen höchst asymmetrisch, erzählte Kocka. „Wir – die Forscher aus den alten Bundesländern – waren die Sieger; die Beurteilten waren die Verlierer.“ Doch auf ein einfaches Schwarz-Weiß-Schema lässt sich die Gemengelage der Interessen nicht reduzieren. So gab es viele junge Wissenschaftler in der DDR, die dem politischen System vor der Wende kritisch gegenüber standen. Sie hatten oft das Gefühl, im alten System nicht zum Zug gekommen zu sein. In den Nachwendejahren kämpften sie deshalb vehement gegen eine Weiterbeschäftigung der alten DDR-Professorenriege. „Nicht nur Ost-West-Konflikte brachen auf, sondern auch viele Ost-Ost-Konflikte“, erinnert sich Kocka.

Fakt ist: Die Wende bedeutete für nahezu alle Forscher in der DDR eine Zäsur, aber keineswegs immer eine zum Schlechten. Bestes Beispiel ist Podiumsgast Bernd Rauschenbach. Der Physiker arbeitete am Zentralinstitut für Kernforschung in Dresden-Rossendorf und erhielt gleich 1990 eine Wissenschaftlerstelle in den USA – und dass, obwohl er vorher keinerlei Kontakte über den Atlantik pflegen konnte. Den guten Ruf hatte er sich mit seinen Publikationen in Fachzeitschriften erarbeitet. So hat er den Transformationsprozess in seinem Heimatinstitut in Dresden-Rossendorf, das heute übrigens ein erfolgreiches, stark wachsendes Helmholtz-Zentrum ist, nicht direkt miterlebt. Seit 2000 ist Rauschenbach nun Direktor des Leibnitz-Instituts für Oberflächenmodifizierung in Leipzig. Ist er also ein Gewinner der Wende? Auf jeden Fall, denn Rauschenbach sah, anders als Diedrich Fritzsche, keine Perspektiven für seine Forschung in der DDR. Noch in den 1970er Jahren war die Ausbildung in den Wissenschaftseinrichtungen der DDR gut. „Doch dann hatten wir in der Halbleitertechnik keinerlei Chance mehr mitzuhalten. Die Forschung zog an uns vorbei.“ Er selbst konnte damals seine westlichen Kollegen nicht besuchen. Auch wenn er eine persönliche Einladung zu einer Tagung bekam, sei immer der Chef geschickt worden – oder der Chef vom Chef.

Die DDR hatte also eine Forschungslandschaft, die in Trümmern lag – und logischerweise: sie musste weg! So dachten jedenfalls viele Menschen aus den alten Bundesländern, darunter Politiker, Forscher und Journalisten. Mit dieser Haltung ist auch die Wissenschaftsjournalistin Manuela Kasper-Claridge in ihren ersten Berufsjahren beim TV-Sender RIAS Berlin losgezogen, um über die Wiedervereinigung und die ostdeutsche Forschungslandschaft zu berichten. „Wir waren zu kritisch und haben oft nur das Schlechte gesehen“, räumt sie bei der Podiumsdiskussion ein. Heute sieht sie die Entwicklung differenzierter. Die Transformation verlief zu schnell und viele ostdeutsche Kollegen hätten bei Berufungen kaum eine Chance gehabt. Die Folge war eine „große Verschwendung von Talenten“. Besonders habe das Frauen betroffen, die in den Forschungsinstituten der DDR arbeiteten.

Hier hakt Jürgen Kocka ein: Hätte es damals wirklich eine Alternative zur Evaluation und Schließung von Einrichtungen gegeben? Der Transformationsprozess verlief rasant, aber nicht nur in der Wissenschaft, sondern im ganzen Land. Erklärtes politisches Ziel war es, die Wiedervereinigung Deutschlands so zügig wie möglich zu vollziehen. Nach dem Mauerfall 1989 eröffnete sich ein kurzes Zeitfenster dafür – und niemand wusste, wie lange es offen blieb. Ein rasches Zusammengehen beider Staaten war die vordringlichste Aufgabe – und das hatte nun mal Konsequenzen für alle gesellschaftlichen Bereiche, auch für die Wissenschaft.

Beim Wechsel in das westdeutsche System waren die DDR-Forscher dann zwangsweise unterlegen, etwa bei den Berufungen. Die harten Kriterien konnten die Forscher aus dem Westen besser erfüllen als ihre ostdeutschen Kollegen, meint Kocka. Auch seien es die DDR-Forscher schlichtweg nicht gewohnt gewesen, sich plötzlich auf Professuren zu bewerben, stimmt Rauschenbach zu. Deshalb hörte man kurz vor Ende der 90-minütigen Diskussionsrunde auch selbstkritische Töne. So fragte sich Jürgen Kocka als ehemaliges Mitglied im Wissenschaftsrat: „Hätten wir damals wirklich so hart vorgehen müssen?“ Aber wer will heute schon wissen: Was ist gerecht – und was ungerecht? „Das ist ungeheuer schwierig zu beurteilen.“

Schließlich sind sich alle Podiumsgäste  einig: Nach 25 Jahren gemeinsamer Forschung kann man sagen, dass der Reformprozess gelungen ist. Eine Einschätzung, die auch der anwesende Helmholtz-Präsident Otmar D. Wiestler ohne Wenn und Aber teilte. Den Wissenschaftlern in Ost und West sei es gelungen, Brücken zu bauen – zu Zeiten des Eisernen Vorhangs, aber auch danach. Mit ihrer Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, seien sie stets Vorreiter der gesellschaftlichen Entwicklung gewesen. Heute gebe es in den neuen Bundesländern fünf Helmholtz-Zentren, die herausragende, international beachtete Forschung leisteten.

Das Zusammenwachen der Wissenschaften nach der Wiedervereinigung war und ist eine gemeinsame Erfolgsgeschichte. Und darüber kann auch etwas Sand im Getriebe, den es in der Wendezeit zweifelslos gab, nicht hinwegtäuschen.

29.10.2015 , Silvia Zerbe
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