Matthias Rehahn ist Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Helmholtz-Zentrums Hereon (Bild: Hereon/Christian Schmid).

„Was wir erforschen und entwickeln, muss etwas bewegen“

Helmholtz, Resilienz und Innovation: Matthias Rehahn, wissenschaftlicher Direktor des Hereons, zu diesem neuen Namen seiner Helmholtz-Forschungseinrichtung in Geesthacht.

Vom GKSS zunächst zum HZG und jetzt neu zum Hereon. Wieso nochmals ein neuer Name für Ihr Forschungszentrum?

In den letzten Jahrzehnten hat sich das Helmholtz-Zentrum Geesthacht thematisch weiterentwickelt und seine Standorte über die Grenzen Schleswig-Holsteins hinaus erfolgreich ausgebaut. Der Titel „Material- und Küstenforschung“ in unserem alten Namen umfasste daher nicht mehr die Gesamtheit unserer Forschungsbereiche. Ein weiteres aktuelles und gesellschaftlich relevantes Thema für uns ist der Klimawandel. Die Forschung am Hereon widmet sich unter anderem der Fragestellung, wie der Wandel sich auf die weltweiten Küsten auswirkt und beschäftigt sich mit Lösungen, um die Energiewirtschaft und die Mobilität klimafreundlicher zu gestalten.

Im GERICS – Deutsches Institut für Klimaservices des Hereons entwickelt darüber hinaus ein interdisziplinäres Team wissenschaftlich fundiert prototypische Produkte und Dienstleistungen, um Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung bei der Anpassung an den Klimawandel zu unterstützen. Sitz des GERICS ist Hamburg. Ein weiterer großer Forschungscampus außerhalb von Geesthacht befindet sich am Hereon-Standort Teltow bei Berlin. Hinzu kommen weitere Außenstellen in Hamburg am Deutschen Elektronen-Synchrotron DESY, in Kiel an der Christian-Albrechts-Universität, in Berlin an der Charité und in Garching bei München an der Forschungs-Neutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz. Also kurz gesagt: Unser neuer Name berücksichtigt jetzt sämtliche unserer Standorte und umfasst unsere Themen besser.

Hereon ist ein Kunstbegriff. Was steht dahinter?

Als Erstes bekennen wir uns damit ausdrücklich zur Helmholtz-Gemeinschaft. Die Helmholtz-Forschung ist in sechs übergreifende Programme strukturiert. So können wir Lösungen für komplexe Fragen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft entwickeln und auch in die Praxis bringen.

Dann haben wir das übergeordnete Thema, dem wir uns in allen unseren Forschungsfeldern verschreiben, in den Namen genommen. Das ist die Resilienz – also die Widerstandskraft. Wie gehen wir mit Umweltveränderungen um? Wie wappnen wir uns gegen die Herausforderungen des Klimawandels? Auch die Werkstoffforschung benötigt resiliente Materialien, etwa für den Maschinen- und Automobilbau oder die Luftfahrt, Medizintechnik und Energiespeicherung. In derartigen Fragen und Themen sehen wir einen wissenschaftlichen Fokus für uns.

Und letztlich muss das, was wir erforschen und entwickeln, etwas in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bewegen. Das meint der Begriff Innovation.

Das klingt auch nach systemischer Umstrukturierung.

Das stimmt. Unser Zentrum präsentiert sich seit Jahresbeginn 2021 mit einer neuen wissenschaftlichen Organisationsstruktur. Zum Start der vierten Helmholtz-Förderperiode ist das Zentrum mit nunmehr 14 Instituten in den Helmholtz-Forschungsbereichen „Erde und Umwelt“, „Information“ und „Materie“ vertreten und wird sich noch stärker interdisziplinär gesellschaftlich relevanten Themen widmen.

Wie genau wollen Sie das tun?

Von Seiten der Geschäftsführung versuchen wir die verschiedenen Fäden der Einzeldisziplinen zu verbinden und sehr gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Jedoch sind es immer exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit ihrer Forschung Lösungsoptionen für die großen Herausforderungen entwickeln. Ihnen müssen wir ein lebendiges und kreatives Umfeld bieten. Mithilfe unserer neuen dynamischen wissenschaftlichen Organisationsstruktur setzen wir Anreize für Talente. Wenn sich Forschende im Hause sehr erfolgreich etablieren oder für das Hereon aus dem In- und Ausland gewonnen werden, können wir mit einem neu zu gründenden Institut attraktive Gestaltungsmöglichkeiten bieten.

Was ist dabei vielleicht auch neu am Selbstverständnis der Forschung am Hereon?

Ich wünsche mir eine deutliche Stärkung der Innovations- und Gründerkultur aus der Wissenschaft heraus. Wenn wir Technologien entwickeln, die zum Beispiel Potenzial haben, Umweltprobleme zu lösen, dann sollten wir diese Ideen nicht einfach auf den Markt werfen, sondern Strategien aufsetzen, um entsprechende Unternehmen zu gründen und so neue Keimzellen für die Wirtschaft in Deutschland entstehen zu lassen.

Wie schafft das Hereon die Brücke dorthin – und wie nimmt es auch Politik und Gesellschaft mit?

Bisher haben sich die einzelnen Forschungsinstitute je einen eigenen Transfermikrokosmos geschaffen. Der bleibt natürlich bestehen. Daneben aber wollen wir übergeordnet einen neuen Ansatz wagen. Wir werden eine Dialogplattform aufbauen, um mit denjenigen zu sprechen, die unsere Ergebnisse später vielleicht einmal umsetzen werden. Wir müssen fragen: Wie können wir mit unserer Arbeit gesellschaftliche Probleme lösen? Nur so schaffen wir die Bereitschaft und das Verständnis, damit unsere Ergebnisse auch in die Praxis gelangen.

Außerdem wollen wir noch stärker aufzeigen, wo auf dem Weg eventuell noch Defizite sind. Ich denke da etwa an die Rahmenbedingungen in Deutschland für Förderung durch Risikokapital. Wenn wir dies weiterhin hauptsächlich von Übersee holen, fließt die Wertschöpfung unseres Wissens dorthin ab.

Ändern sich im Zuge dessen auch wissenschaftliche Methoden?

Generell wollen wir unsere Forschung noch stärker durch digitale Methoden unterstützen. Vor wenigen Jahren gab es bei uns noch Bereiche, die stark experimentell gearbeitet haben. Dieser Ansatz ist immer noch wichtig. Aber um die Ergebnisse und ihre Komplexität besser zu verstehen und präzise Vorhersagen erstellen zu können, nutzen wir mittlerweile komplexe Modelle und Methoden der künstlichen Intelligenz. Dafür gilt es, noch mehr Ressourcen und Infrastrukturen zu schaffen.

Gerade beim Forschungsfeld Klima spielen diese Modellierungen eine große Rolle. Was glauben Sie: Was müssen wir in Forschung und Gesellschaft tun, um uns noch besser zu wappnen, uns vorzubereiten auf das, was kommt?

Wir müssen Szenarien kombinieren und aufzeigen: Was passiert, wenn sich nichts ändert? Und mit welchen Technologien können wir den Trend der steigenden Emissionen eindämmen, das Rad vielleicht etwas zurückdrehen und die Erderwärmung noch begrenzen?

Verständnis ist gut. Aber reicht das allein?  

Nein, das ist nicht der Fall. Wir müssen verstärkt interdisziplinär Technologien entwickeln und Wissen schaffen, damit wir trotz Ressourcenverknappung, rasantem Klimawandel und Bevölkerungswachstum in bestmöglichem Einklang mit dem System Erde leben und die angerichteten Umwelt- und Klimaschäden beheben können. Dazu wollen wir die Politik in den Entscheidungen für eine bessere Umwelt wissenschaftlich beratend unterstützen. Gleichzeitig sind Innovationen erforderlich, um unsere Lebensqualität auch im Zuge des demografischen Wandels zu erhalten oder für viele Menschen verbessern zu können. Hier schließt sich dann der Kreis zur Resilienz. Und die steht jetzt mitten in unserem Namen.

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Meldung des Hereons

09.04.2021 , Cornelia Reichert
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