Helmholtz-Präsident Otmar D. Wiestler. (Bild: Phil Dera)

„Mit der Forschung bauen wir eine Brücke zwischen Israel und Deutschland“

Das Weizmann-Institut würdigt Otmar D. Wiestler mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde. Im Gespräch mit Daniel Zajfman spricht der Helmholtz-Präsident über gelungene Kooperationen, brillante Köpfe – und gebackenen Blumenkohl.

Herr Wiestler, Sie haben gestern die Ehrendoktorwürde des Weizmann-Instituts erhalten. Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung für Sie?

Otmar Wiestler: Die Verleihung der Ehrendoktorwürde ist für mich eine einzigartige, wunderbare Auszeichnung. Für diese große Anerkennung danke ich dem Weizmann-Institut und meinem Freund Daniel Zajfman von Herzen. Das Weizmann-Institut ist eine der Institutionen, die ich am meisten bewundere. Und zu Israel habe ich seit Jahrzehnten eine besondere Beziehung – so bekommt diese Ehrung eine noch tiefere Bedeutung.

Herr Zajfman, mit Otmar D. Wiestler verbindet Sie eine langjährige Freundschaft. Was schätzen Sie an einander?

Daniel Zajfman: Wir kennen uns seit unserer gemeinsamen Zeit in Heidelberg. Vor über 15 Jahren war Otmar Direktor des Deutschen Krebsforschungszentrums und ich leitete das Max-Planck Institut für Kernphysik. Als wir uns das erste Mal begegneten, diskutierten wir über die Anforderungen der Wissenschaften und waren uns bald einig – nicht nur über wichtige Forschungsansätze, sondern auch über die Welt im Allgemeinen. Auf diese Weise festigte sich unsere Freundschaft. Als Physiker habe ich unglaublich viel von Otmar über Biowissenschaften und personalisierte Medizin gelernt. Als Otmar später Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft wurde und ich das Weizmann-Institut leitete, fanden wir schnell Anknüpfungspunkte, denn beide Organisationen ergänzen sich wunderbar. So haben wir über die Jahre viele wissenschaftliche Kooperationen geschaffen. Den Weg für diese Verbindung hat Omtar immer wieder geebnet und kontinuierlich ausgebaut. Otmar ist ein Vorbild als Wissenschaftler und ein „Baumeister der Wissenschaft“: Seine Herangehensweise an wissenschaftliche Forschung ist sehr effizient und treibt Exzellenz voran. Wir freuen uns daher sehr, Otmar für seine Leistungen in unserer fruchtbaren Zusammenarbeit auszuzeichnen und sind sehr stolz, dass er unsere Ehrendoktorwürde annimmt.

Otmar Wiestler: Daniel und ich haben eine gemeinsame Leidenschaft für Wissenschaft auf höchstem Niveau. Unser gemeinsames Ziel ist es auch, neue Wissenschaftsgebiete zu erobern. Und wir sind uns einig, dass es dafür erstklassige, junge Forscher:innen braucht. Wir suchen nach neuen Wegen, junge Talente zu identifizieren und zu fördern. Obwohl wir einen vollkommen anderen Hintergrund haben – Physiker sind in einer anderen Wissenschaftscommunity unterwegs als Mediziner – teilen wir viele Interessen. Ich habe viel von Daniel gelernt – auch das bereichert unsere Freundschaft. Ich erinnere mich noch gut an unser erstes Treffen in einem Heidelberger Restaurant. Uns war schnell klar, dass wir eine besondere Verbindung haben. So ist es bis heute geblieben.

Was lernen Weizmann und Helmholtz oder auch Israelis und Deutsche voneinander?

Otmar Wiestler: Die absolute Leidenschaft der israelischen Wissenschaftler:innen für neue, oft vermeintlich riskante Wege in der Forschung fällt mir da zuerst ein. Von diesem enormen Engagement lassen sich unsere deutschen Forscher:innen gerne mitreißen.

Daniel Zajfman: Den Unterschied zwischen den beiden Ländern mache ich gerne am Autofahren fest. In Israel fahren wir forsch und schnell, wir achten nicht auf die Risiken und auch nicht unbedingt auf das Stop-Schild. Mit anderen Worten: Israelische Wissenschaftler:innen starten ihre Forschung ohne große Formalien, sie legen einfach los und nehmen Risiken in Kauf. Sobald es dann aber darum geht, zuverlässige Daten zu ermitteln, sind die Wissenschaftler:innen besser in Deutschland aufgehoben…

Otmar Wiestler:  … diese Kombination verschiedener Charaktere hochtalentierter Forscher:innen ergänzt sich großartig. Kooperationen zwischen Weizmann und Helmholtz können auf diese Weise extrem erfolgreich sein – ein schönes Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit zwischen dem DKFZ und Weizmann zur Mikrobiom-Forschung.

Daniel Zajfman: Eine weitere fruchtbare Kooperation ist die Gründung des Laser-Labors zwischen dem Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) und Weizmann: Das Weizmann-Helmholtz Laboratory for Laser Matter Interaction (WHELMI) schlägt eine Brücke zwischen Grundlagenforschung und Anwendung. Das Fördervolumen beträgt insgesamt fünf Millionen Euro. Unsere Forscher:innen entwickeln gemeinsam hochintensive Laser, die viele neue Möglichkeiten zum Beispiel zur Behandlung von Tumoren eröffnen werden.

Gibt es ein gemeinsames Projekt, das Sie besonders schätzen?

Otmar Wiestler: Ganz besonders stolz bin ich auf die Research Schools, die wir gegründet haben. Graduierte vom Weizmann-Institut und aus den Helmholtz-Zentren kommen zusammen und arbeiten unter anderem in der Krebsforschung, zu Bildgebungsverfahren und zur Materialforschung. Ich bin immer wieder fasziniert von der Energie, die dabei entsteht: Als Daniel und ich vor zwei Jahren die Helmholtz Weizmann Research School Multimessenger Astronomy in Rehovot mit 50 Graduierten aus Rehovot, Zeuthen und Hamburg eröffnet haben, konnte man den Geist und den Leistungswillen der kreativen Talente förmlich spüren. An diesen Research Schools geht es aber nicht nur darum, Wissenschaftler:innen zu fördern. Diese Zusammenarbeit schafft auch Freundschaften, die oft ein Leben lang halten und stärkt die Verbindung unserer beiden Länder. Mit der Forschung bauen wir eine wunderbare Brücke zwischen Israel und Deutschland.

Herr Wiestler, lange war es wegen der Pandemie nicht möglich, nach Israel zu reisen – ein Land, das auch für sein köstliches Essen bekannt ist. Auf welche Spezialitäten haben Sie sich am Abend der Verleihung der Ehrendoktorwürde am meisten gefreut?

Otmar Wiestler: Ich schätze die traditionelle israelische Küche sehr: Humus mit viel Tahina, gebackener Blumenkohl und ein klassischer israelischer Salat sind eine großartige Kombination.

Otmar D. Wiestler

Otmar D. Wiestler wurde 1956 in Freiburg (Breisgau, Deutschland) geboren. Nach Abschluss seines Medizinstudiums an der Universität Freiburg promovierte er 1984 zum Doktor der Medizin (summa cum laude). Von 1984 bis 1987 war er Postdoktorand am Department of Pathology der University of California, San Diego, USA. Danach wechselte er an das Universitätsspital Zürich in der Schweiz, wo er sich als Universitätsdozent für Pathologie habilitierte. 1992 berief ihn die Universität Bonn zum Professor für Neuropathologie und Direktor des Instituts für Neuropathologie. Dort war er beteiligt am Aufbau eines großen neurowissenschaftlichen Forschungszentrums.  Von Januar 2004 bis August 2015 leitete Otmar D. Wiestler als Vorstandsvorsitzender und wissenschaftlicher Direktor das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ), das zu den weltweit führenden Einrichtungen in der Krebsforschung zählt. Im Jahr 2015 wurde er zum Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft ernannt.

Daniel Zajfman

Daniel Zajfman wurde 1959 in Belgien geboren und zog 1979 nach Israel. Er erwarb einen BSc (1983) und einen PhD (1989) in Atomphysik am Technion - Israel Institute of Technology. 1991 trat er in die Abteilung für Teilchenphysik des Weizmann-Instituts (heute Abteilung für Teilchenphysik und Astrophysik) ein, nachdem er seine Forschung als Postdoktorand am Argonne National Laboratory bei Chicago abgeschlossen hatte. Seit 2001 ist er auch externes Mitglied des Max-Planck-Instituts für Kernphysik in Heidelberg (Deutschland), und war von 2005 bis 2006 Direktor dieses Instituts. Im Jahr 2006 wurde er zum zehnten - und jüngsten - Präsidenten des Weizmann Institute of Science gewählt. Zajfman trat 2019 von der Leitung des Weizmann-Instituts zurück. Seit 2020 ist er Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Israel Science Foundation.

Beispiele für Kooperationen zwischen Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft und dem Weizmann-Institut:
09.11.2021 , Nina Fischer
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