Die Selbstkontrolle versagt

Wissenschaftliche Ergebnisse müssen reproduzierbar sein. Doch wer macht sich eigentlich die Mühe, die Angaben in den Publikationen zu überprüfen? Und was kommt dabei heraus, wenn es jemand tut? Ein Gastkommentar des Wissenschaftsjournalisten Lothar Kuhn

Es ist im doppelten Sinne eine gute Nachricht: Ende November hat ein internationales Team von Psychologen verkündet, 13 zum Teil klassische Experimente der Disziplin wiederholt zu haben. In zehn Fällen konnten die Forscher die Ergebnisse bestätigen. Positiv ist daran zum einen, dass sich die meisten Versuche reproduzieren ließen. Dies ist gerade in der Psychologie alles andere als selbstverständlich. Vor allem aber ist es begrüßenswert, dass die Wissenschaftler überhaupt die Initiative ergriffen haben - denn dass Forscher die Ergebnisse von Kollegen überprüfen, geschieht viel zu selten.

Das ist alles andere als ein lässliches Versäumnis: Schon längst ist von einer Reproduktionskrise die Rede, selbst dem britischen Wirtschaftsmagazin Economist war das Thema eine Titelgeschichte wert. Anlass waren einige Stichproben, die Erschreckendes zu Tage gefördert haben. So konnten etwa Forscher des Bayer-Konzerns die Ergebnisse anderer Wissenschaftler nicht bestätigen - in zwei Dritteln der von ihnen untersuchten Fälle. Meistens handelte es sich dabei um Ansätze zur Krebsbekämpfung. Ihre Kollegen von der US-Pharmafirma Amgen waren gerade einmal bei sechs von 53 untersuchten Arbeiten in der Lage, die Ergebnisse zu wiederholen. Und ein Vertreter der US-amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstitute (NIH) schätzt, dass Wissenschaftler bei drei Vierteln der biomedizinischen Forschung Probleme hätten, die Versuche zu reproduzieren.

Das ist fatal für das System Wissenschaft, dem ein Vertrauensverlust droht. Und gleichermaßen fatal ist es für Pharmaunternehmen, die neue Medikamente entwickeln wollen, sich aber nicht auf die Vorarbeiten an Universitäten und Forschungsinstituten verlassen können. Die hohe Misserfolgsrate klinischer Studien, bei denen neue Wirkstoffe zum ersten Mal am Menschen getestet werden, könnte sich unter anderem mit den fehlerhaften Ergebnissen der Grundlagenforschung erklären lassen, sagen Beobachter.

Warum ist es so weit gekommen? Es ist nicht besonders sexy, die Arbeiten anderer zu wiederholen. Karriere macht nur, wer Neues berichtet. Und auch die wissenschaftlichen Fachzeitschriften drucken nur ungern, dass sich eine ältere Arbeit nicht hat reproduzieren lassen.

Natürlich ist eine Hypothese nicht automatisch falsch, wenn jemand die zugrunde liegenden Experimente nicht wiederholen kann. Möglicherweise erfordern die Versuche viel Erfahrung und implizites Wissen. Viele Kulturen menschlicher Krebszellen etwa, mit denen Forscher ihre Studien durchführen, sind hochempfindlich und reagieren bereits auf kleinste Veränderungen in der Nährlösung. Doch wer das Prinzip der Reproduzierbarkeit ernst nimmt, macht sich über solche Einflussfaktoren Gedanken und tauscht sich mit den Kollegen intensiv aus, die die Versuche wiederholen wollen. Auch dies dient dem wissenschaftlichen Fortschritt und der Transparenz.

Was tun? Es geht nicht ohne Geld. Derzeit springen Stiftungen wie die Laura and John Arnold Foundation in den USA ein. Sie unterstützt mit 1,3 Millionen Dollar die Überprüfung von 50 wichtigen Krebsstudien aus den vergangenen Jahren. Bereits 2012 entstand die Reproducibility Initiative, die Forscher mit geeigneten Partnern zusammenbringen will, wenn sie ihre Arbeiten reproduzieren lassen möchten. Und hochrangige Vertreter der NIH diskutieren derzeit, Forschungsgelder in manchen Disziplinen nur noch zu vergeben, wenn die Ergebnisse routinemäßig reproduziert werden. Etwas Vergleichbares könnte die Deutsche Forschungsgemeinschaft festschreiben. Denn schließlich ist diese Art der Selbstkontrolle kein Luxus, sondern ein grundlegender Mechanismus, um verlässliches Wissen zu schaffen.

10.01.2014 , Lothar Kuhn
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