Bild: Mark Feigman

Der letzte Universalgelehrte

Wer war Hermann von Helmholtz? Zu seinem 200. Geburtstag nähert sich das Berliner Ensemble dem Forscher auf der Bühne in einer Leseperformance. Das bringt überraschende neue Einblicke.

Wie verwandelt man das Leben eines Mannes in ein Theaterstück, über den es Biografien mit nahezu 1000 Seiten gibt? Der Dramaturg und Autor, Konstantin Küspert, hat sich der ambitionierten Aufgabe gestellt. Herausgekommen ist eine einzigartige Leseperformance, erzählt von drei Schauspielerinnen, die das außergewöhnliche Schaffen des wichtigsten Forscher in Deutschland des 19. Jahrhunderts zeigt. Am 23.Juni 2021 im Hoftheater des Berliner Ensemble.

Herr Küspert, wie gut kannten Sie Hermann von Helmholtz, bevor Sie sein Leben in ein Theaterstück verwandelten?

Ich kannte seinen Namen, wusste aber nichts über die Person. Zum Glück lag mir die phantastische Biografie von David Cahan vor. Bei der Lektüre habe ich festgestellt, dass Hermann von Helmholtz ein äußerst spannender Mensch und für die deutsche Forschungs- und Wissenschaftsgeschichte sehr wichtig war. In seiner Biografie steckt ein Roman im Stile von Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“, wo es auch um das Leben von großen Wissenschaftlern geht.

Die Biografie umfasst nahezu 1000 Seiten – eine extrem umfangreiche Grundlage für ein Theaterstück. Wie sind Sie an ihr Vorhaben herangegangen?

Das Buch allein würde 20 Stunden auf der Bühne dauern. Wir haben 75 Minuten. Entsprechend musste man kürzen, besonders interessante Aspekte herausfiltern und auch nach szenischen Möglichkeiten abtasten. Ich glaube, dass wir einen guten Einblick geben können in sein Leben, in seine Herausforderungen und seine Interessen. Geholfen hat mir eine Videokonferenz mit David Cahan, er ist der führende Helmholtz-Experte weltweit. Und ihn konnte ich fragen, was aus seiner Sicht wichtig ist.

Welchen Aspekt an Helmholtz Wirken finden Sie besonders interessant, spannend oder auch widersprüchlich?

Mich hat vieles wirklich überrascht. Helmholtz Schaffenszeit liegt 150 Jahre zurück. In Zeitzeugenberichten ist die Revolution sehr gut gezeichnet worden – und man erfährt, wie wenig Einfluss das auf Helmholtz genommen hat. Man wünscht sich ihn, den großen Geist, als Revolutionär! Aber das war er nicht. Er war eher unpolitisch. Ihn hat das nicht interessiert. Und es hat ihm geholfen, sich nicht so stark zu positionieren. Seine Rufe an die unterschiedenen Universitäten waren unbelastet, er war kein verbrannter Revolutionär.

Ist er Ihnen nahe gekommen bei der Auseinandersetzung mit seinem Leben?

Ja, berührt hat mich vor allem auch sein privates Leben. Seine erste Frau, eine zarte und ruhige Person, die er sehr geliebt hat, starb früh. Er verlor außerdem mehrere Kinder. Und seine zweite Frau war eine ganz andere Persönlichkeit – eine umtriebige Gesellschaftsdame. Das hat auf ihn abgefärbt. Durch sie wurden sie ein gesellschaftlich relevanter Haushalt, haben Künstler und Wissenschaftler zu sich eingeladen. Für mich wirkte das, als sei das ein wenig der Beginn dieser Helmholtz-Gemeinschaft gewesen – ein Knotenpunkt, eine Art Hub, aus dem die verschiedenen Disziplinen aus sich herauswachsen können. Das ist das, was Hermann von Helmholtz Leben ausmachte: Diese Umtriebigkeit in vielen Bereichen, um Verbindungen zu knüpfen. Er selbst war auch kreativ und musisch, er war leidenschaftlicher Klavierspieler und hat Theaterkritiken geschrieben. Auf diese Art war er sowas wie der Anti-Goethe, der als Künstler sehr vielseitig war und sich immer wieder im Bereich der Wissenschaft versucht hat. Helmholtz war als Wissenschaftler sehr vielseitig und hatte großes Interesse an der Kunst.

Glauben Sie denn, dass der künstlerische Blick auch heute noch eine Bereicherung für die Wissenschaft sein kann?

Auf jeden Fall. Helmholtz zeichnete noch etwas aus: Er war ein ausgezeichneter Wissenschaftsjournalist und hat sehr niedrigschwellige Vorlesungen gehalten, deren Themen er mit ästhetischen Einordnungen verknüpfte und aufgelockerte. Er wollte raus aus diesem Elfenbeinturm der Wissenschaft. Das brauchen wir auch heute. Die Helmholtz-Gemeinschaft macht das, aber auch Wissenschaftler wie Christian Drosten und Sandra Ciesek beherrschen es sehr gut, Menschen wissenschaftliche Zusammenhänge einfach zu erklären. Das ist auch Kunst!

Sie selbst sind auch in einer gewissen Art ein Forscher: Sie vertiefen sich in Materie und setzen das dann künstlerisch um.

Mir ist es wichtig, mit den Mitteln des Theaters und des Dialogischen Zusammenhänge aufzuzeigen. Nicht nur zu erklären, sondern Fragen zu stellen. Und sie so zu stellen, dass die Zuschauer diese Fragen auch beschäftigen! Ich will niemandem meine Meinung nahebringen oder ihn auf meine Linie ziehen. Ich will ihnen zeigen, was mich fasziniert – an wissenschaftlichen oder kulturgeschichtlichen Interdependenzen. Dafür picke ich mir Einzelaspekte heraus. Das fällt mir nicht schwer, denn ich bin relativ begeisterungsfähig und finde in den meisten Themen den für mich spannenden Aspekt, den ich herausarbeiten möchte. So wie in diesem Theaterstück: Die starke Multifokussierung von Helmholtz, die hat mich besonders fasziniert.

22.06.2021 , Isabell Spilker
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