„Unsere LOHC-Technologie kann ein wichtiges Puzzleteil im zukünftigen erneuerbaren Energiesystem sein“

Wasserstoff spielt eine große Rolle für den Erfolg der Energiewende. Mit der Nationalen Wasserstoffstrategie hat die Bundesregierung das Thema mittlerweile ganz nach oben auf die Agenda gesetzt. Schon im Jahr 2013 hat der Wirtschaftsingenieur Daniel Teichmann das große Potenzial erkannt und zusammen mit drei Professoren die Hydrogenious LOHC Technologies GmbH gegründet. Ihr Ziel: Technologien zu entwickeln, mit denen Wasserstoff sicher gespeichert und zuverlässig transportiert werden kann. Wir sprachen mit dem Gründer über die Anfänge des Unternehmens, Zukunftspläne und die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Wasserstoff.

Wie kam es zur Gründung der Hydrogenious LOHC Technologies GmbH im Jahr 2013?

Daniel Teichmann: Im Grunde fing alles mit meiner Doktorandenstelle im Bereich Wasserstoffspeicherung bei BMW an. Dafür brauchte ich einen betreuenden Doktorvater an der Universität. Ich kannte Peter Wasserscheid, der das Institut für Chemische Reaktionstechnik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg leitet, damals nur flüchtig, doch ich wusste, dass er ein brillanter Chemiker und Leibniz-Preisträger ist. Aus diesem Grund habe ich mich an ihn gewandt. Die Kontaktaufnahme war aus zweierlei Sicht ein Erfolg: Es entstand eine Kooperation zwischen BMW und der Universität Erlangen-Nürnberg und ich habe mit Peter Wasserscheid und Wolfgang Arlt zwei großartige Betreuer meiner Doktorarbeit gewinnen können. Bereits im Zuge meiner Promotion habe ich intensiv mit den beiden Wissenschaftlern zusammengearbeitet.

Zum Ende meiner Promotion kristallisierten sich drei Punkte heraus: Erstens die technischen Fortschritte in der Wasserstofftechnologie, die mich überzeugten, dass ich an einer vielversprechenden Zukunftstechnologie forsche. Zweitens rückte nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima und dem beschlossenen Atomausstieg in Deutschland die Energiespeicherung immer mehr in den Vordergrund. Und drittens das Thema Unternehmertum, das mich bereits während meines Studiums faszinierte.

Ich fasste also einen Entschluss und verließ BMW, um Hydrogenious gemeinsam mit den Professoren Wolfgang Arlt, Peter Wasserscheid und Eberhard Schlücker zu gründen. Schließlich wurde ich der Mehrheitsgesellschafter und Geschäftsführer der Firma.

Mittlerweile sind Sie seit sieben Jahren erfolgreich auf dem Markt. Wie hat sich Ihr Produkt der Wasserspeicherung innerhalb der letzten sieben Jahre weiterentwickelt?

Daniel Teichmann: Es stimmt – wir sind kein junges Start-Up mehr. Im Vergleich zum IT-Sektor handelt es sich nicht um eine schnelllebige Welt, das heißt es erfordert viel Zeit und Geld, um die notwendige Infrastruktur, teure Anlagen und große Projekte aufzubauen.

Die schwierigste Phase war gerade der Anfang: Wie kann man das Vorhaben finanzieren oder wie findet man Investoren? Doch selbst wenn man diese anfänglichen Hürden gemeistert hat, gilt es Folgeinvestments zu finden, da die Kosten steigen und höher sind als zum Zeitpunkt der Gründung. Wir konnten diese Herausforderungen meistern. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass wir meiner Meinung nach als Team extrem gut aufgestellt sind. Uns gelang es etwa, im vergangenen Juli im Rahmen einer großen Finanzierungsrunde insgesamt 20 Millionen Euro von vier Investoren einzuwerben, die uns auch strategisch unterstützen. Darunter sind Vopak, Covestro, die Mitsubishi Corporation aus Japan, die Winkelmann Group und AP Ventures. Letztere unterstützen uns schon seit 2014. Erst kürzlich – im April 2020 – hat zudem mit der Hyundai Motor Company ein weltweit führender Automobilhersteller in Hydrogenious investiert.

Neben der Unternehmensfinanzierung galt es auch, die kommerzielle Machbarkeit der LOHC-Technologie zu demonstrieren. Durch mehrere Anlagen in den USA und in Europa konnten wir Zweifel hinsichtlich der technischen Umsetzung aus dem Weg räumen. Jetzt stehen wir vor dem spannenden nächsten Schritt, die ersten großen Industrieprojekte durchzuführen.

Welche Anwendungsbereiche gibt es in der Industrie für Wasserstoff?

Daniel Teichmann: Wasserstoff ist ein Industriegas und wird in vielen Prozessen eingesetzt, etwa in der Glasherstellung, der Metallverarbeitung, der Fetthärtung, der Düngermittelherstellung und in Raffinerieprozessen. Die größten Potenziale von Wasserstoff sehen wir in der Stahlerzeugung, denn dort wird massiv CO2 durch den Einsatz von Koks ausgestoßen. Mit Wasserstoff kann Koks ersetzt werden. Somit kann man die Freisetzung von CO2 deutlich verringern.

Auch bei Mobilitätsanwendungen ist Wasserstoff ein spannendes Zukunfts- und Wachstumsfeld, wenn auch mit einem bisher geringen Anteil. Im Wärmesektor ist der Einsatz von Wasserstoff ebenfalls gut vorstellbar.

Wasserstoff ist daher auch ein wichtiger Treibstoff in der Energiewende. Blicken wir 20, 30 oder 40 Jahre in die Zukunft: Ist es realistisch, dass sich Deutschland komplett selbst mit erneuerbarer Energie versorgt? Windräder und Solaranlagen werden dafür nicht ausreichen. Wir werden also auch zukünftig auf den Import von Energie angewiesen sein, so wie heute mehr als 70 Prozent des deutschen Energiebedarfs importiert werden. Des Weiteren ist es zweifelhaft, ob Angebot und Nachfrage örtlich immer übereinstimmen. Mit Wasserstoff können wir genau dort ansetzen, wo andere Technologien an Grenzen stoßen: Mit dem Einsatz der LOHC-Technologie (Liquid Organic Hydrogen Carriers) ist es uns möglich, erneuerbare Energien zu transportieren und zu speichern und damit auch weiter entfernte Wasserstoffquellen zu erschließen. Dies ist insofern relevant, weil die besten Potenziale für regenerative Energiequellen größtenteils nicht in Deutschland liegen, sondern in südlichen Breitengraden für solare Energie und in Küstenregionen für Windkraft.

Inwiefern spielt Ihre Kooperation mit dem Forschungszentrum Jülich dabei eine Rolle?

Daniel Teichmann: Das derzeitige Kerngeschäft von Hydrogenious LOHC Technologies liegt in der Entwicklung unserer Technologie als Infrastrukturlösung für die Bereitstellung von Wasserstoff über das Trägermaterial LOHC. Das Trägermaterial basiert auf einer ölhaltigen Flüssigkeit und kann relativ leicht in der bestehenden Infrastruktur für herkömmliche Flüssigkraftstoffe eingesetzt werden. Doch kann man auch Autos, Züge, Busse etc. direkt mit dem wasserstoffangereicherten Öl betanken? An der Weiterentwicklung der LOHC-Technologie für diese On-Board-Anwendungen arbeiten das Forschungszentrum Jülich und insbesondere das Helmholtz-Institut Erlangen-Nürnberg für Erneuerbare Energien. Dort erforschen Peter Wasserscheid und sein Team beispielsweise, wie ein Wasserstoffzug direkt mit LOHC betankt und betrieben werden kann. Um ein solches Vorhaben umzusetzen, wird das Projekt am Helmholtz-Institut Erlangen-Nürnberg vom Freistaat Bayern mit 30 Millionen Euro gefördert. Innerhalb der nächsten drei Jahre wird dort ein Triebwagen für einen Zug gebaut, um den Einsatz von LOHC zu demonstrieren.

Welche Pläne haben Sie für das Jahr 2021?

Daniel Teichmann: Uns erwarten im kommenden Jahr viele spannende Projekte. Zum Beispiel werden wir Anfang 2021 erstmals eine Wasserstoff-Tankstelle über LOHC beliefern. Das ist ein einzigartiges Projekt in Erlangen, in dem wir zeigen wollen, wie wir LOHC zur Wasserstoffbelieferung einsetzen und wie wir in unterirdischen Tanks im LOHC große Mengen Wasserstoff sehr einfach speichern können. Der Strom, der für die Elektrolyse gebraucht wird, kommt aus unserer hauseigenen Photovoltaikanlage. Damit ist diese Wasserstofftankstelle nicht nur ein Demonstrationsobjekt für die LOHC-Technologie, sondern auch für eine umweltfreundliche, alternative Energiewirtschaft. Darauf sind wir sehr stolz.

Wir kennen jemanden, der in Erlangen ein Wasserstoffauto besitzt: Peter Wasserscheid. Gibt es aktuell mehr Personen, die von der Technologie profitieren können?

Daniel Teichmann: Es gibt derzeit nur rund 500 Wasserstofffahrzeuge in Deutschland. Für den Raum Erlangen liegen mir keine konkreten Zahlen vor. Wir haben bei Hydrogenious derzeit drei Wasserstoffautos und ich gehe davon aus, dass weitere Firmen und private Nutzer solche Wagen besitzen. Noch sind der Hyundai Nexo und der Toyota Mirai Exoten auf Deutschlands Straßen. Bisher setzen nur diese beiden Automobilhersteller serienmäßig auf Wasserstoff, doch meiner Meinung nach wird sich das in den nächsten Jahren ändern. Die Wasserstofftechnologie wird auf den Straßen um einiges präsenter sein, insbesondere auch im Nutzfahrzeugbereich, also bei Bussen und LKWs.

Momentan ist Wasserstoff noch teurer als fossile Rohstoffe. Wie kann sich dies ändern?

Daniel Teichmann: Um die Wasserstoffmobilität erschwinglich zu machen, müssen zwei Dinge passieren: Zum einem brauchen wir bezahlbare Fahrzeuge mit entsprechender Leistung. Das ist eine Aufgabe der Autohersteller. Zum anderen bedarf es einer funktionierenden Wasserstoffinfrastruktur, die günstig grünen Wasserstoff bereitstellt und an Tankstellen liefert. Denn Wasserstoff kann man nicht direkt an Tankstellen erzeugen. Hierfür braucht man Strom. Wasserstoff ist dort günstig, wo erneuerbare Energien im Überfluss vorhanden sind. Dies ist in der Regel direkt beim Erzeuger der Fall, also etwa bei großen Windparks oder Solaranlagen. Dort liegt der Preis für Wasserstoff bei wenigen Euro pro Kilogramm.

Doch damit haben wir immer noch nicht das Problem gelöst, wie der Wasserstoff zur Tankstelle kommt. Mit unserer LOHC-Technologie speichern wir Wasserstoff in einem flüssigen Trägermaterial und nutzen die bestehende Kraftstoffinfrastruktur für den sicheren Transport. Wenn ich Wasserstoff in Offshore-Windparks in Skandinavien herstelle, kann ich die vorhandenen Transportwege – beispielsweise für Erdöl – nutzen, um das mit Wasserstoff beladene LOHC zu transportieren. Genau das ist unser Vorschlag: Durch die Kombination aus günstiger Wasserstoffherstellung und effizienten Transportwegen ist es möglich, Tankstellen sicher und preiswert mit Wasserstoff zu versorgen.

Was sind die Vorteile von Wasserstoffautos im Vergleich zu Elektrofahrzeugen?

Daniel Teichmann: Wasserstoffautos sind emissionsfrei, leise und bieten dasselbe Nutzerverhalten wie das eines Benzinfahrzeugs. Man kann innerhalb von 3 Minuten den Tank füllen und hat eine Reichweite von 500 bis 700 Kilometern. Batteriefahrzeuge sind vor allem bei relativ kurzen Strecken mit vielen Lademöglichkeiten sinnvoll. Das ist für Pkw-Fahrer in vielen Fällen gegeben, trifft aber auf den Nutzlastverkehr, wie LKW, Busse, Züge und Schiffe, kaum zu. Für Lkw, Busse, Züge und Schiffe sind Batterien also eher ungeeignet. Übrigens fährt auch ein Wasserstoffauto elektrisch; insofern sind beides Elektrofahrzeuge, nur erfolgt die Energiebereitstellung einmal durch die Brennstoffzelle und einmal durch die Batterie.

Inwiefern ist Asien und insbesondere der chinesische Markt attraktiv für Sie?

Daniel Teichmann: China ist ein riesiger Markt und einer der weltweiten Taktgeber im Bereich Wasserstoff. Das ist in Deutschland noch nicht in der Öffentlichkeit angekommen. China ist schon seit einigen Jahren aktiv, Wasserstofftechnologien zu fördern und konzentriert sich auch stark auf Nutzfahrzeuge. Es gibt dort viele Firmen, die wasserstoffbetriebene Lkw und Busse am Markt etablieren und die entsprechende Infrastruktur aufbauen wollen. China ist also „Wasserstoffpionier“ und bietet viele Anreize für ein junges Unternehmen wie unseres. Gleichzeitig ist der Eintritt in den lokalen Markt nicht einfach. Es ist wichtig, vor Ort zu sein und die richtigen Partner zu finden. Das bindet viele Ressourcen – man braucht Zeit und eine gute Strategie, um mit etwaigen Partnern und Interessenten ins Gespräch zu kommen. Deshalb werden wir in den nächsten Jahren ganz sicher aktiver in China auftreten.

Wie haben Sie die vergangenen sieben Jahre seit der Gründung persönlich erlebt?

Daniel Teichmann: Der Fokus und das Aufgabenprofil haben sich im Laufe der Zeit stark geändert. Nach der Gründung 2013 waren die ersten Jahre eine  „One-Man-Show“. Im Grunde gab es nur mich, der operativ tätig war. Zunächst musste ein Geschäftskonzept her, eine Webseite und das Logo erstellt werden. Nach eineinhalb Jahren ist es mir gelungen, eine erste Finanzierung einzuwerben. Damit habe ich die ersten fünf Mitarbeiter eingestellt und Räumlichkeiten angemietet. Das Fundament war da.

Mittlerweile stehen die knapp 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Hydrogenious vor ganz anderen Herausforderungen. Ich habe auf der Leitungsebene ein super Team, das einen tollen Job macht. Nach wie vor sind auch meine Gründungspartner wichtige Ideengeber und damit bei strategischen Fragen eingebunden. Wie müssen wir uns weiterentwickeln? Welche Partnerschaften sollten wir eingehen? Wo müssen wir investieren? Es geht ebenfalls viel um Recht, Finanzierung sowie Investorenbetreuung und -gewinnung. Das ist das Spannende als Gründer: Ich erlebe verschiedene Phasen und damit auch verschiedene Anforderungen an meine Person.

Verraten Sie uns abschließend Ihre Zukunftsvision?

Daniel Teichmann: Meine große Vision ist es, mithilfe von Wasserstoff die Energiewende zum Erfolg zu führen und den Ausstoß von CO2 im Bereich Mobilität und Industrieverbrauch langfristig auf null zu reduzieren. Ich denke, unsere LOHC-Technologie kann ein wichtiges Puzzleteil im zukünftigen erneuerbaren Energiesystem sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Lin Wang und Christopher Kerth aus dem Bereich Innovation und Transfer der Helmholtz-Gemeinschaft.

Helmholtz-Themenseite Wasserstoff

Die Hydrogenious LOHC Technologies GmbH

Im Jahr 2013 gründeten die Professoren Wolfgang Arlt, Peter Wasserscheid und Eberhard Schlücker (alle Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) sowie der Wirtschaftsingenieur Daniel Teichmann die Hydrogenious LOHC Technologies GmbH. Das Unternehmen hat ein neues Verfahren zur Speicherung von Wasserstoff in Liquid Organic Hydrogen Carriers (LOHC) entwickelt. Mit der LOHC-Technologie kann Wasserstoff bei Raumtemperatur und unter hohen Speicherdichten mittels konventioneller Tanktechnologie gespeichert werden.

https://www.hydrogenious.net/

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