Robotik

Mein Kollege, die Maschine

Mensch und Roboter, die miteinander leben und arbeiten - das ist die Zukunftsvision von Sami Haddadin. Darum entwickelte er eine Software, mit der Roboter feinfühliger, sicherer und leichter bedienbar werden

Sami Haddadin ist Professor an der Leibniz Universität Hannover und Direktor des dortigen Instituts für Regelungstechnik. Das von ihm gegründete Unternehmen Kastanienbaum ist eine Ausgründung aus dem Robotik und Mechatronik Zentrum (RMC) des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), die durch Helmholtz Enterprise gefördert wurde.

Herr Haddadin, können Roboter und Menschen zusammenarbeiten?
Sie tun es ja jetzt schon in manchen Bereichen, jedoch nicht so, wie man es sich wünschen würde. Diese Zusammenarbeit könnte ein neues Level erreichen: Ich möchte, dass Mensch und Roboter zusammen agieren und arbeiten, eben koexistieren können. Um dies zu ermöglichen, arbeiten wir daran, dass die Fähigkeiten der Roboter denen des Menschen ähnlicher werden. Ganz zentral dafür ist die Fähigkeit der Taktilität, der Feinfühligkeit. Ein derartiger Tastsinn ist für viele Prozesse, bei denen Mensch und Roboter potentiell in Kontakt kommen, wichtig: Zum Beispiel für Kunststücke wie ballspielende Roboter, aber auch für Roboter, die komplizierte Montagearbeiten ausführen sollen. Ein solcher Tastsinn ist für Wissenschaft als auch in der Wirtschaft relevant.

Was macht die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine denn schwierig?
Wenn man möchte, dass Roboter und Mensch zusammenarbeiten, Hand in Hand sozusagen, dann müssen zwei große Probleme überwunden werden. An erster Stelle steht das Problem der Nähe – zum Schutz der eigenen Sicherheit muss der Mensch normalerweise Abstand zur Maschine halten. In der Industrie werden in der Fertigung Roboter schon an vielen Stellen eingesetzt, wo Menschen nicht arbeiten können: das Risiko von Verletzungen ist zu groß – auch das liegt unter anderem an der fehlenden Feinfühligkeit. Bisher sind um Roboter also immer breite Schutzzonen und entsprechende Barrieren angebracht. Diese sind teuer und verhindern eine effiziente Zusammenarbeit. Das zweite große Problem ist, dass die Technik für Nicht-Experten weitestgehend unverständlich ist. Bisher sind die Roboter für Menschen meist ebenso kompliziert wie ein Cockpit für jemanden, der keine Ahnung vom Fliegen hat. Die Montageroboter bei Automobilfirmen müssen zum Beispiel noch extrem aufwendig programmiert werden. Diese zwei großen Probleme wollen wir angehen – beziehungsweise haben wir bereits überwunden.

Wie sehen die Lösungen Ihres Unternehmens ‚Kastanienbaum‘ aus?
Das Problem der Sicherheit haben wir schon sehr gut im Griff. Anstatt einen großen Sicherheitsabstand zwischen Mensch und Roboter einzuplanen, versuchen wir, dem Roboter beizubringen, was Sicherheit wirklich bedeutet. Er soll lernen, dass der Mensch fragil ist und dass er sich verletzen kann. Dafür haben wir einen Algorithmus entwickelt, mit dem der Roboter genau das lernen kann. Damit kommt der Mensch dem Roboter schon viel näher und hier kommt unsere zweite Innovation ins Spiel: Wir wollen den Roboter für den Menschen verständlicher machen, ihn zur Commodity-Technologie für Jedermann machen. Der Roboter wird durch unsere Technologie intelligenter, und damit für den Menschen leichter zu bedienen. Man kann sich das so vorstellen: Anstatt dem Roboter zu sagen, wie er etwas machen soll, entwerfen wir Werkzeuge, die es erlauben ihm zu sagen was er tun soll. So kann der Menschen den Roboter sogar selbst programmieren. Anstatt eines komplizierten Cockpits soll der Roboter so einfach zu bedienen sein wie ein Auto oder das Smartphone. Dies sind ja auch hochkomplexe Technologien, die trotzdem für jeden handhabbar gemacht wurden.

Wo sollen denn die smarten, sicheren Roboter zum Einsatz kommen?
Zunächst einmal denken wir natürlich an die Industrie, insbesondere an die Fertigungs- und Montageprozesse, wo Roboter bereits eingesetzt werden. Hier könnten sie noch viel mehr Arbeit übernehmen. Darunter fallen auch die Aufgaben, die inzwischen nur noch in Niedriglohnländern ökonomisch sinnvoll erledigt werden können und die bei uns niemand mehr machen möchte. Eintönige Montagearbeiten von Geräten der Unterhaltungselektronik fallen beispielsweise in diese Kategorie. Mithilfe von Arbeitsplätzen, an denen Mensch und Roboter sicher zusammen arbeiten, könnten diese Aufgaben in der Zukunft wieder dort ausgeführt werden, wo auch die Entwicklung stattfindet und sich der Absatzmarkt befindet. Das würde zu einer höheren Qualität durch mehr Prozesssicherheit führen und geleichzeitig Ressourcen durch geringere Transportwege sparen. Wer außerdem den demografischen Wandel in Deutschland beobachtet, der sieht selbst, dass wir in Zukunft nicht auf Roboter verzichten können , auch um die hohe Produktivität unserer Wirtschaft auch in Zukunft halten zu können. Wir wollen aber die Roboter auch in anderen Bereichen einsetzen, wo sie ebenfalls nützlich sein könnten. Zum Beispiel möchten wir sie auch für kleine und mittelständische Unternehmen nutzbar und bezahlbar machen. Auch könnten Roboter in der Logistik zum Einsatz kommen. Und es gibt noch viel mehr Einsatzgebiete vom Gesundheitssektor bis hin zur Service-Robotik. All diese Entwicklungen beginnen ja mit den gleichen Überlegungen: Wie kann der Roboter dem Menschen sinnvoll ähnlicher und dabei sicherer und leicht bedienbar werden?

Wie stellen Sie sich die Zukunft vor?

Im Grunde bin ich ein realistischer Mensch. Ich glaube aber auch fest daran, dass die Zeit der Versprechungen jetzt tatsächlich vorüber ist – die Koexistenz von Mensch und Roboter ist nur noch eine Frage der Zeit, nicht mehr der Technologie. Die gibt es jetzt. Und das wird den Roboter auch aus dem Nischendasein für Experten holen und für Jedermann verfügbar machen. Unter dieser Prämisse lässt sich fast nur erahnen was für immense Möglichkeiten in der Verbindung von Robotik mit der digitalen Welt stecken.

05.11.2014 , Interview: Leonie Achtnich
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