Gründer-Portraits

„Ich würde jedem Kollegen raten, es zu tun“

Wafer-bestückter Roboter für die Hochenergie-Ionenimplantation von Leistungshalbleitern. Bild: HZDR Innovations

Andreas Kolitsch war 63 als er das Angebot bekam, Geschäftsführer einer Ausgründung des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf zu werden. Die Firma gab es noch nicht. Das Geschäftsmodell war neu. Vier Jahre später wundert er sich immer noch, wie sehr sich sein Alltag verändert hat.

Andreas Kolitsch war 63, als er beschloss, seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Kolitsch – Chemiker, Wissenschaftler seit 40 Jahren – bekam das Angebot, Geschäftsführer bei „HZDR Innovation GmbH“ zu werden, einer Ausgründung des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf. Das Unternehmen gab es noch nicht. Das Geschäftsmodell war neu. Aber Andreas Kolitsch sagte zu und staunt heute, vier Jahre später, noch immer wie sich sein Alltag seitdem verändert hat.

Die „HZDR Innovation GmbH“ veredelt Leistungshalbleiter, so dass eine Maschine mit so veredelten Bauelementen weniger Energie verbraucht. Angewendet wird diese Technik bei vielen Produkten, von Windkraftanlagen bis zum Elektroauto, denn alle enthalten Halbleiter und durch ihre Bauelemente wie zum Beispiel Dioden fließen auch im Moment des Ausschaltens große elektrische Ströme. Dioden haben eine Durchflussrichtung und eine Sperrrichtung, um den Stromfluss auszuschalten. Allerdings leiten die positiven und negativen Ladungsträger im Inneren den Strom noch für einen kurzen Moment weiter, wenn die Diode auf die Sperrrichtung umgeschaltet wird. „Umkehrstrom" heißt dieses Phänomen. Und es ist ärgerlich, denn es verbraucht unnötig Energie.

Seit den achtziger Jahren versucht die Halbleiterindustrie, den Umkehrstrom zu reduzieren. Mithilfe eines Ionenbeschleunigers geht das am besten, aber diese Technologie ist für die Industrie teuer zu installieren. Ganz zu schweigen von den umfangreiche Genehmigungen und den strengen Strahlenschutzregeln, die man einhalten muss.

Andreas Kolitsch und seine Mitarbeiter nutzen die Ionenstrahlen des Ionenstrahlzentrums im HZDR, wo man schon mehr als 50 Jahre Erfahrung im Strahlenschutz hat. Der Beschleuniger schießt einen Ionenstrahl mit hoher Energie auf die Halbleiter. Auf diese Weise erzeugen sie in ihm sogenannte Störstellen in der exakt gewünschten Tiefe des Bauelementes, die den Ladungstransport in Umkehrrichtung praktisch unterbinden. Die Ladungsträger im Inneren stecken fest. In die Durchflussrichtung fließt der Strom ungehindert, aber in die Sperrichtung kann er im Moment des Ausschaltens kaum noch zurückfließen.

Von außen ist die Veränderung unsichtbar. Das Bauteil bleibt voll funktionsfähig. Aber die Verlustleistung durch den Umkehrstrom verringert sich um bis zu 80 Prozent und die Schaltfrequenz kann dadurch signifikant erhöht werden. Das bedeutet, ein Elektroauto kann mit so veredelten Bauteilen auch größere Distanzen fahren, bevor es wieder aufgeladen werden muss. „Die HZDR Innovation GmbH leistet damit einen ganz wichtigen Beitrag zur effektiven Energienutzung beim Kampf gegen den Klimawandel“, sagt Andreas Kolitsch.

2012 war das erste volle Geschäftsjahr. Inzwischen verzeichnet das kleine Unternehmen mit den rund 20 Mitarbeiten über zwei Millionen Euro Umsatz und mehr als 20 Prozent Zuwachs pro Jahr. Selbst konjunkturelle Schwankungen spürt die Firma kaum. Neue Kunden gewinnt sie fast von selbst. Als Werbung reicht die Website. Zum Kundenstamm gehören europäische und globale Spitzenunternehmen. Namen sollen nicht genannt werden, aber einige sind fast so bekannt wie Coca-Cola.

Kolitsch begründet den Erfolg der HZDR Innovation mit der hohen Qualität, die sie bietet. Auch bei Großaufträgen. Dass ihre Kunden an Technologien interessiert sind, die auch politisch gewollt sind, wie Windkraft und Elektromobilität, kommt dabei zugute. „Wir sind aber neben den Leistungshalbleitern auch an anderen Produktentwicklungen beteiligt, die die Welt noch nicht gesehen hat“, sagt Andreas Kolitsch. Er weiß oft selbst nicht, wie das Endprodukt aussehen wird, wenn die HZDR Innovation sechs von hunderten Produktionsschritten begleitet. „Die Hochenergie-Ionenimplantation führt zu innovativen Produktideen, die ohne uns nur schwerlich oder nur mit großen Investitionen zu realisieren wären“, sagt Andreas Kolitsch. Entsprechend verschwiegen sind seine Kunden.

„Die Geheimniskrämerei ist riesig“, sagt er, „uns wird nur das Notwendigste gesagt.“ Das ist ein großer Unterschied zur Wissenschaft. In seiner Karriere als Chemiker war Andreas Kolitsch es gewohnt, offen zu sein, Ideen zu teilen und sich auszutauschen. Nun sitzt er mit Kunden am Tisch, die von ihren Anwälten flankiert werden. Fast immer muss er eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben, bevor die Verhandlung überhaupt beginnen kann. Lernen musste er auch, Preisverhandlungen zu führen. Einzuschätzen, wann man einem Kunden entgegen kommen muss und wann man mehr verlangen kann. „Die Großen verhandeln bis aufs Messer. Wenn ein Angebot sofort angenommen wird, weiß ich: Das war zu niedrig“, sagt er. Als vollhaftender Geschäftsführer muss er außerdem mit Druck umgehen können. Lange Versuchsreihen, wie in der Wissenschaft, kann er sich nicht mehr leisten. „Den Kunden dauert prinzipiell immer alles zu lange.“

Die Ionenstrahlen, die sie für ihre Arbeit brauchen, erhalten sie von den Forschern am Helmholtz-Zentrum. Das erfordert konkrete Absprachen und eine ausgefeilte Logistik, denn die Forschung hat Vorrang. Viele Arbeiten der Innovation GmbH finden daher außerhalb der normalen Arbeitszeiten des HZDR statt. Das sorgt aber auch dafür, dass die Maschinen besser ausgelastet sind und das Zentrum von den Gewinnen der GmbH durch Reinvestitionen profitiert – und beide gegenseitig von ihrem guten Ruf. 2013 gewann das Helmholtz-Zentrum für die HZDR Innovation den Sonderpreis des Sächsischen Staatsministeriums für „herausragenden Technologietransfer“.

Inzwischen ist die HZDR Innovation GmbH auch an zwei Tochterunternehmen beteiligt, die sich aus der Forschung am HZDR entwickelt haben. Weitere Beteiligungen sind schon in Vorbereitung. Die HZDR Innovation wirkt als Begleiter und Unterstützer der Start-ups und ist Bindeglied zum HZDR.

Kolitsch ist jetzt 67 Jahre alt. Unterschrieben hat er bis 2018. Bis dahin will er den Umsatz noch verdoppeln. „Ich kann allen älteren Wissenschaftlern nur empfehlen, so etwas zu machen“, sagt er über seinen Sprung in die Wirtschaft. Die kreative Phase in der Wissenschaft läge bereits hinter einem, nun könne man die Erfahrung woanders einbringen. „Natürlich muss man ständig in der Spur sein“, sagt er, aber das gefalle ihm. „Ich brauche Druck, ich brauche Aktion", sagt Kolitsch. Sein Berufsleben fasst er so zusammen: „Viel Spaß, viel Arbeit, viel Ärger, viel Spaß.“ Stattdessen Rentner zu sein, morgens stundenlang vor der Zeitung zu sitzen, auf das Mittagessen zu warten und nachmittags auf dem Sofa zu dösen – das kann sich Kolitsch nicht vorstellen.

Mit dem Instrument Helmholtz Enterprise unterstützt die Helmholtz-Gemeinschaft seit nunmehr zehn Jahren gezielt Ausgründungen aus den Zentren. In dieser Serie stellen wir Unternehmen vor, die in dieser Zeit von dem Instrument profitieren konnten. 

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14.03.2016 , Friederike Lübke
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