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Auszeichnung

Wissenschaftler an die Schulen

Andreas Boelter, Bild: Th. Biedermann

Raus aus dem Elfenbeinturm und rein in die Schulen. Was in den USA seit vielen Jahren praktiziert wird, setzt sich auch hierzulande immer mehr durch: Wissenschaftler gehen in Schulen und erklären ihre Forschung. Ein Lehrer aus Braunschweig hat für sein Projekt „Experten in die Schule" jüngst eine internationale Auszeichnung vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) erhalten. Wir haben mit ihm gesprochen.

Andreas Boelter (48), ist Lehrer am Gymnasium Martino Katharineum in Braunschweig und wurde vom MIT für sein Projekt Experten in die Schule als erster deutscher Lehrer mit dem "Distinguished Teacher Award" ("Preis für herausragende Lehrer") ausgezeichnet. Auch Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) engagierten sich in dem Projekt.

Glückwunsch, Herr Boelter! Wie fühlt es sich an, so eine Auszeichnung zu bekommen?

Als ich die E-Mail gelesen hatte, dass ich den Preis bekomme, führte ich einen Rumpelstilzchen-Tanz auf. Ich denke, es ist der größte Preis, den man als Lehrer bekommen kann - und ein fantastisches Gefühl.

Wie sieht der Preis aus? Ist es eine Urkunde oder kann man ihn auf den Kamin stellen?

Es ist eine Urkunde und 250 Dollar Preisgeld.

Sie haben auch an einem Workshop des MIT teilgenommen, wie sind Sie dazu gekommen?

Das MIT bietet seit 25 Jahren das "Science and Engineering Program for Teachers" an, weil es sich nicht als Elfenbeinturm versteht, sondern Verbindungen in viele Richtungen sucht - und da ist der Bereich Schule ein wichtiger Punkt. Aus Deutschland werden seit 2009 zwei Personen dafür ausgewählt, vom MIT-Club Germany. Eine davon holen sie von "Jugend forscht", weil dieser Wettbewerb das gleiche Ziel verfolgt. So bin ich über mein "Jugend forscht"-Engagement bereits 2011 dort gewesen und in diesem Jahr erneut durch die Preisverleihung.

Was ist das Besondere an diesen Workshops?

Wir waren 30 Leute, hauptsächlich Amerikaner, aber auch Chinesen, Argentinier, Italiener und andere. Der MIT-Spirit packt einen sehr schnell: Die Labore sind offen, die Leute stehen in engem Kontakt, es geht immer darum, Wissen zu teilen und nicht zu hüten, um alleine zu veröffentlichen. Die Vorträge sind aus den verschiedensten Bereichen, so wie auch Wissenschaftler aus unterschiedlichen Genres gemeinsam an einem Problem arbeiten. Das steckt an.

Wie fing Ihr Projekt "Experten in die Schulen" an?

Als wir an unserer Schule das Projekt "Wirtschaft direkt" planten, wurde ich damit beauftragt. Ich bin eigentlich Naturwissenschaftler mit den Fächern Biologie und Chemie, aber man sagt, ich könne gut organisieren. Und weil die Braunschweiger Wirtschaft massiv naturwissenschaftlich geprägt ist, ist die Verbindung zwischen Naturwissenschaft und Wirtschaft tatsächlich relativ eng. So haben wir Experten aus der Wirtschaft an die Schule gebeten und ich merkte, wie wertvoll das ist, wenn Experten von außen mit den Schülern interagieren. Daraus entstand 2010 ein Pilotprojekt, die "Schülerakademie". Das kam sehr gut an.

Und daraus entstand die Idee, das Projekt ins Internet zu bringen?

Richtig. Mit einer Website, auf die jeder Lehrer bei der Unterrichtsvorbereitung zugreifen kann. Das war dann "Experten in die Schulen" - und die vermittle ich. Wichtig ist, in telefonischen Vorgesprächen zu klären: Was macht die Lehrkraft im Unterricht, wie bereitet sie das Thema auf, wo muss der Experte die Schüler abholen? Und dem Experten fällt dann die eine oder andere Anwendung ein, über die er referieren oder zu der er einen Workshop anbieten könnte.

Wie viele Schulen sind daran beteiligt?

22 Schulen in der Region Braunschweig. Und wir arbeiten daran, dass es noch mehr werden.

Und wie viele Experten haben Sie in der Kartei?

Ich verfüge namentlich über rund 100, hinzu kommen aber noch Netzwerke. So hatte ich etwa beim Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung einen Verbindungsmann, der selber einen Pool von Experten in der Hinterhand hat. So läuft das auch an einigen anderen Instituten.

Wie stellen sich die Experten denn an? Der gute Wille ist das eine, vor einer - möglicherweise unruhigen - Schulklasse zu stehen, das andere...

Das hat uns am Anfang am meisten Sorgen gemacht, aber das war nur einmal in drei Jahren ein Problem. Denn durch die Vorgespräche wissen die Experten etwas über die Schüler und steigen so ein, dass die Schüler Anknüpfungspunkte haben. Das Feedback ist durchweg positiv.

In welchen Bereichen ist die Nachfrage am größten?

Chemie und Biologie liegen ganz vorne. In Physik ist die Nachfrage recht gering, wahrscheinlich, weil die Unterrichtsthemen des Lehrplans wenig anwendungsbezogen sind. Auch im Wirtschaftsbereich könnte die Nachfrage größer sein. Denn obwohl es vielen Politiklehrern, die auch Wirtschaft unterrichten, an der Wirtschaftsausbildung fehlt, holen sie sich keinen Experten an die Schule.

Womit hängt das zusammen?

Ich glaube, es besteht schon eine gewisse Angst, die Schule, den Unterrichtsraum zu öffnen. Die Lehrkraft bereitet das Ganze ja vor, und wenn es dann doch eine Differenz gibt zu dem, was der Experte sagt... aber das sind meine Mutmaßungen.

Wie könnte man die Kollegen denn überzeugen?

Wir haben die Homepage verändert, indem wir Erfahrungen von Schülern, Lehrern und Experten aufgenommen haben. Wir haben die Themen durch mögliche Anwendungen ergänzt, die uns die Experten genannt haben. Und - auch das ist durch das MIT inspiriert - wir bieten nicht nur Expertenvorträge für Schüler an, sondern auch für Lehrer. Aber es ist ein schwieriges Geschäft...

Woher nehmen Sie dann trotzdem die Motivation?

Aus solchen Erlebnissen, wie ich sie gerade habe. Und weil ich von Experten, auch von der Helmholtz-Gemeinschaft, immer wieder Bestätigung bekomme.

Die "Forschungsbörse" des Bundesbildungsministeriums verfolgt ein ähnliches Konzept...

Das ist richtig, unsere Seiten sind gegenseitig verlinkt. Es gibt auch in Berlin-Brandenburg das Projekt "Call a Scientist" für die Biowissenschaften. Die Forschungsbörse ist natürlich nicht so regional aufgestellt. Mein Netzwerk umfasst die Region mit ihren 500.000 Einwohnern. Man könnte unsere Plattform 1:1 in allen Regionen und Städten nachbauen. Es braucht nur jemanden, der vernetzt ist und der die Experten sucht. Die sind aber sehr aufgeschlossen, denn jeder weiß, dass wir gut ausgebildeten Nachwuchs in den Naturwissenschaften dringend brauchen.

Machen die Experten einmalige Besuche oder begleiten sie auch mal eine ganze Projektwoche?

Das Konzept sieht zu einem Unterrichtsthema einen anwendungsbezogenen Vortrag oder Workshop vor. Aber natürlich kommen auch weitergehende Anfragen. Wenn ich da vermitteln kann, dann mache ich auch das. Ich will, wo ich kann, Naturwissenschaft in den Köpfen der jungen Menschen verankern: Ich will sie infizieren mit dem Virus Naturwissenschaft.

Interview: Thomas Röbke

"Experten in die Schule"

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