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Standpunkte

Wie soll die Wissenschaft mit Esoterik umgehen?

Viele Menschen vertrauen auf esoterische Konzepte, Homöopathie als Lehrfach hat inzwischen auch die medizinischen Fakultäten erreicht. Wird dadurch der Wert der evidenzbasierten Wissenschaft in Frage gestellt? Biologin Julia Offe und Geobiologe Reinhold Leinfelder über die richtige Strategie zwischen Abgrenzung und Dialog


Gerade Mediziner sollten sich schärfer von Pseudo-Heilern abgrenzen, sagt Julia Offe, Biologin und Mitglied im Vorstand der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP)

Hochschulen machen sich zum Handlanger der Esoterik, wenn sie unkritisch auch Homöopathie lehren, sagt Julia Offe, Biologin und Vorstandsmitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) Illustration: Jindrich Novotny

Wenn ein Patient heute im Internet nach Heilungsmöglichkeiten sucht, findet er neben den Empfehlungen der evidenzbasierten Medizin unzählige weitere Therapien, die oft mit großem Marketing-Sachverstand angepriesen werden. So nutzen die Anbieter esoterischer Pseudotherapien oft wissenschaftlich klingende Begriffe, um ihren Mitteln und Methoden einen seriösen Anstrich zu verleihen. Offenbar mit Erfolg: Viele Menschen vertrauen auf pseudowissenschaftliche Konzepte wie Homöopathie, Quantentherapie oder Energieheilung

In diesem Kontext erscheint der wissenschaftliche Ansatz beliebig: Bei vielen Patienten entsteht der Eindruck, die wissenschaftliche, evidenzbasierte Medizin sei nur eine von mehreren Herangehensweisen, und der Rat eines guten Arztes spiegele damit nicht mehr wider als dessen persönliche Meinung.

Diesem Eindruck leisten Wissenschaftler selbst Vorschub, wenn sie die Esoterik ignorieren und die Fehler in pseudowissenschaftlichen Argumenten nicht aufdecken. Wenn sie ihren Studenten und der Öffentlichkeit nicht erklären, weshalb wissenschaftliche Erkenntnisse höher zu bewerten sind als die ausgeschmückten Phrasen der Esoteriker: Weil sie einer kritischen Überprüfung standhalten.

Und schlimmer noch: Die Pseudowissenschaften haben inzwischen die Hochschulen erreicht. So lehren medizinische Fakultäten heute weitgehend unkritisch Homöopathie als Therapieform und machen so eine esoterische Theorie ohne wissenschaftlichen Nachweis gesellschaftsfähig. Damit machen sie sich zum Handlanger der Esoterik.

Doch Hochschulen und Forschungseinrichtungen haben die Pflicht, den Unterschied zwischen echter Wissenschaft und pseudowissenschaftlichem Firlefanz herauszustellen. Denn wenn sie pseudowissenschaftliche Theorien annehmen oder propagieren, dann stellen sie damit grundsätzlich den Wert der wissenschaftlichen Methode in Frage – und das als wissenschaftliche Einrichtung!

Um den Wert dieser Methoden hochzuhalten, sollten Wissenschaftler die Fehler in pseudowissenschaftlichen Lehren klar benennen: Nein, Geologen haben noch keine Erdstrahlen messen können. Nein, Impfungen lösen keinen Autismus aus. Und nein, das hochverdünnte Belladonna C30 enthält keine geistartigen Informationen, sondern nichts als Zucker.

Und genau das sollten Studierende an den Universitäten lernen.

Die Wissenschaft darf nicht aus Überheblichkeit ihre Skeptiker marginalisieren, sagt Reinhold Leinfelder, Professor für Geobiologie an der Freien Universität Berlin

Zu Recht sei mancher von der Wissenschaft enttäuscht, so Reinhold Leinfelder, der Geobiologe an der FU Berlin, Wissenschaft müsse sich ihrer Möglichkeiten und Grenzen bewusst sein und dürfe den Diskurs nicht alleine führen. Illustration: Jindrich Novotny

Die Herausforderungen sind gewaltig, vom Klimawandel bis zur globalen Gerechtigkeit. Nur mit der Wissenschaft kann die Gesellschaft die nötigen Umgestaltungen leisten, da werden viele sicherlich zustimmen. Aber leider gibt es ja immer noch die „Unaufgeklärten“, die ewig Gestrigen, die Angsthasen, wie es immer wieder aus Forscherreihen tönt, die weiten Teilen der Wissenschaft mit Argwohn oder Ablehnung begegnen: Klimawandelleugner, Evolutionsskeptiker, Gentechnikbekämpfer, Nanotechnik-Verunsicherte, Impfgegner und so weiter. Ist dies das Ende der Wissensgesellschaft, müssen wir Homöopathie, Astrologie und Co. verbieten? Also alle, die der Wissenschaft misstrauen, in die Ecke stellen und mit dem Finger auf sie zeigen? Dieser Schuss würde sicherlich nach hinten losgehen

Die Wissenschaft darf nicht überheblich sein, sie muss sich ihrer Möglichkeiten und ihrer Grenzen bewusst sein. Zu Recht ist mancher von der Wissenschaft enttäuscht, denn tatsächlich waren die Versprechungen in den 50er und 60er Jahren groß, oft zu groß: Krebs, AIDS, Hunger, Atommüll und Umweltkrise existieren immer noch, obwohl doch alle hofften, dass Wissenschaft und Technik ganz rasch helfen würden. Auch heute noch werden in der Übersetzung von disziplinärer Forschungserkenntnis in Technologien viele Fehler gemacht, weil Zusammenhänge oft nicht genügend untersucht werden. Ein aktuelles Beispiel sind Bioflüssigtreibstoffe, bei denen etwa die Teller-Tank-Problematik nicht genügend durchdacht wurde – die Überlegung also, ob die Pflanzen nicht lieber zu Nahrungsmitteln verarbeitet werden sollten als zu Benzin. Auch bei anderen neuen Technologien gibt es viele offene Fragen seitens der Wissenschaft und der Gesellschaft, etwa beim Fracking, der Kohlenstoffspeicherung, aber auch bei der Gentechnik. Der Diskurs darf weder anderen allein überlassen werden, noch darf er autoritativ nur von der Wissenschaft geführt werden.

Insbesondere aber gilt es zu begreifen, dass eine Wissensgesellschaft nicht allein durch Wissenschaft definiert wird. Das persönliche Wissen eines Menschen setzt sich aus einer Mischung von wissenschaftsbasierten Einsichten, Erfahrungen sowie werte- und glaubensgeleiteter Erkenntnis zusammen. Das muss man akzeptieren – jedoch mit einer großen Einschränkung: Wo persönliche Gefährdungen auftreten, etwa weil wichtige Therapien abgelehnt werden, hört die Toleranz auf. Ein Entzug notwendiger medizinischer Behandlung etwa bei Kindern steht auf einer Stufe mit körperlicher Gewalt und muss verhindert werden.

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