Standpunkt

Warum Deutschland beim Einstein-Teleskop mutig vorangehen sollte

Christian Stegmann ist Direktor des Bereichs Astroteilchenphysik bei DESY und gleichzeitig mit der Standortleitung in Zeuthen betraut. Bild: Industriefotografie Steinbach

Ein Observatorium für Gravitationswellen öffnet nicht nur ein neues Fenster ins Universum, sondern ist auch eine Investition in die technologische Souveränität in Europa. Ein Standpunkt von Christian Stegmann, Direktor des Bereichs Astrophysik bei DESY.

Gravitationswellen sind Wellen im Gefüge der Raumzeit – ausgelöst durch Kollisionen extrem dichter Objekte wie Schwarze Löcher und Neutronensterne – und erst seit knapp zehn Jahren ist es überhaupt möglich, sie direkt zu messen. Damit öffnete sich ein neues Fenster zum Kosmos. Neben elektromagnetischen Wellen von Radio bis zu Gammastrahlung und Neutrinos erlaubt uns nun auch die Gravitationswellen-Astronomie den Blick ins Universum.

Europa steht jetzt vor dem nächsten großen Schritt: dem Einstein-Teleskop (ET). Dieses künftige Observatorium wird Gravitationswellen mit bislang unerreichter Empfindlichkeit messen. Tief unter der Erde errichtet, abgeschirmt von Störungen und ausgestattet mit modernster Präzisions-Interferometrie mit Armlängen von mindestens 10 Kilometern, wird es uns erlauben, weiter und tiefer ins All zu blicken als je zuvor. Das ET wird die Entstehung und Entwicklung von Schwarzen Löchern und Neutronensternen erforschen, strengste Tests der Allgemeinen Relativitätstheorie ermöglichen, Dunkle Materie und Dunkle Energie auf neuen Wegen untersuchen – und bis fast zurück zum Urknall vordringen.

Doch das ET ist mehr als ein Observatorium. Das Projekt treibt Innovationen in Laser-, Kryo- und Vakuumtechnik, in Datenanalyse und künstlicher Intelligenz voran. Es setzt Impulse weit über die Wissenschaft hinaus und ist ein starkes Symbol internationaler Zusammenarbeit. Über 1.400 Forschende aus aller Welt, im Schwerpunkt aus Europa, sind in die ET-Collaboration eingebunden – Europa hat die Chance, hier wissenschaftlich und technologisch die Spitze zu übernehmen. Deutschland spielt dabei eine Schlüsselrolle. Mit dem Detektor GEO600 des Albert-Einstein-Instituts in Hannover hat es schon früh wichtige technologische Grundlagen geschaffen. Heute bringen über 200 Forschende in Deutschland ihr Fachwissen in das ET ein – von Quantenoptik über Detektorentwicklung und Theorie bis hin zu Geophysik und Datenmanagement.

Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) hat jetzt ein Vorbereitungsprojekt für das ET auf seine Shortlist für zukünftige Forschungsinfrastrukturen gesetzt. Ziel ist es, in den kommenden Jahren offene Fragen zu Standort, technischer Umsetzung, Kosten und Governance zu klären. Helmholtz spielt dabei eine zentrale Rolle. Mit DESY und KIT sind zwei starke Helmholtz-Zentren beteiligt, die über vielfältige Erfahrung im Bereich großer Forschungsinfrastrukturen verfügen. Ergänzend wird – mit Unterstützung von DESY – das neue Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA) in Görlitz aufgebaut – als nationales Forschungszentrum, das Gravitationswellenforschung langfristig stärkt.

Noch ist offen, wo das ET entstehen wird. Zur Auswahl stehen die Euregio Maas-Rhein im Dreiländereck Belgien-Niederlande-Deutschland, die Lausitz in Sachsen und die Mittelmeerinsel Sardinien. Alle Standorte werden derzeit gründlich untersucht, insbesondere mit Blick auf geologische Bedingungen und Kosten. Verlässliche Ergebnisse werden bis Ende 2026 vorliegen. Dann soll eine Entscheidung fallen. Für Deutschland heißt das: beide Optionen mit direkter deutscher Beteiligung offenhalten und sich aktiv in die europäische Entscheidungsstruktur einbringen.

Das Einstein-Teleskop ist eine Investition in die Zukunft: in unser Wissen über das Universum, in technologische Souveränität und in Europas Spitzenstellung in der Forschung. Es wird Türen in bislang unbekannte Territorien öffnen, in denen überraschende Erkenntnisse unvermeidlich sind. Deutschland sollte jetzt mutig vorangehen – und helfen, dieses neue Fenster ins Universum noch weiter aufzustoßen.

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