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Interview

„Unsere Impfstoffe wirken auch gegen Varianten“

Wie die Booster-Impfung wirkt und warum sie uns auch gegen Omikron schützt: Ein Interview mit der Virologin Ulrike Protzer, Institutsdirektorin bei Helmholtz Munich.

Ulrike Protzer ist Institutsdirektorin des Instituts für Virologie bei Helmholtz Munich und Leiterin des Instituts für Virologie an der TU München. (Bild: Helmholtz Munich)

In Deutschland sind erste Infektionen durch Omikron bekannt geworden, der neuen Variante des Corona-Virus. Frau Protzer, für wie gefährlich halten Sie diese Variante?

Noch haben wir nicht genug Daten, um die neue Variante abschließend zu beurteilen. Klar ist aber: Omikron ist eine komplett neue Variante des Corona-Virus mit sehr vielen Veränderungen auf seiner Oberfläche. Diese Mutationen weisen darauf hin, dass sich das Virus schneller vermehren kann und sehr wahrscheinlich auch unserer Immunabwehr leichter entgehen wird. Zusätzlich ist die Variante auch ansteckender, was sich ja bereits im südlichen Afrika zeigt, wo sich Omikron rapide ausbreitet. Damit müssen wir auch hier bei uns rechnen. Deshalb nehmen wir die Variante sehr ernst.

Wirken unsere Impfstoffe zuverlässig gegen Omikron?

Dazu laufen derzeit Untersuchungen. Erste Untersuchungen mit Virusisolaten zeigen eine verminderte Fähigkeit von Antikörpern hin, das Virus zu neutralisieren, damit es sich nicht mehr ausbreiten kann. Das weist auf einen eingeschränkten Immunschutz nach Impfung sowie nach durchgemachter Infektion hin. Hierdurch steigt das Risiko sich anzustecken. Auch einige therapeutische Antikörper verlieren ihre Wirksamkeit. Das heißt aber nicht, dass wir unseren Impfschutz komplett verlieren, er schwächt sich nur ab. Die Gefahr schwer an Corona zu erkranken, sollte weiterhin niedrig bleiben. Denn durch die Impfung haben sich in unserem Körper ja eine Vielzahl an Antikörpern und T-Zellen gebildet. Dass es einer Variante gelingt, diesen komplexen Schutz vollkommen zu umgehen, ist extrem unwahrscheinlich. Davon können wir auch bei Omikron ausgehen.

Sollten Zweifachgeimpfte dennoch besser abwarten, bis ein Impfstoff auf dem Markt ist, der sie auch optimal gegen Omikron schützt?

Auf keinen Fall! Bis wir einen angepassten Impfstoff einsetzen können, vergehen sicher noch mindestens drei Monate. Das ist bei einer so hochansteckenden Variante zu lange um abzuwarten. Die Boosterimpfung schützt uns ja sehr, sehr gut vor der Delta-Variante, die aktuell in Deutschland unsere Krankenhäuser füllt. Und je besser unser Immunsystem stimuliert ist, umso besser wird auch der Schutz vor der Omikron-Variante sein. Trotzdem muss man jetzt mit Hochdruck an einem angepassten Impfstoff arbeiten.

Wie hoch ist dieser zusätzliche Schutz statistisch gesehen?

Der Schutz vor Ansteckung steigt um das Elffache, vor schwerer Erkrankung sogar um das 19-fache. Diese Daten aus Israel wurden allerdings für die Delta-Variante erhoben. Ob sie sich auf die Omikron-Variante übertragen lassen, muss sich erst noch zeigen. Vor der aktuell zirkulierenden Delta-Variante aber schützt die dritte Impfung deutlich. Deshalb bin ich sehr froh, dass die Booster-Kampagne in Deutschland endlich Fahrt aufnimmt.

Was genau passiert bei einer Boosterimpfung im Körper, unterscheidet sich der Prozess von den ersten beiden Impfungen?

Nein, aber er verstärkt die Immunabwehr noch einmal entscheidend. Man muss sich das so vorstellen: Die erste Impfung weckt das Immunsystem auf, weil es einen Stoff präsentiert bekommt, den es noch nicht kennt – solche Kontakte hat unser Abwehrsystem aber regelmäßig, deshalb ist die Immunantwort noch nicht sehr stark. Mit der zweiten Impfung setzt man dem Immunsystem ein deutliches Zeichen: Pass auf, dieser Erreger kommt immer wieder und er kann gefährlich sein, denn er löst Entzündungen aus. Diese sind zwar harmlos, wir spüren sie als Nebenwirkungen, sorgen aber dafür, dass unser Körper eine stabilere Immunantwort ausbildet, sowohl mittels Antikörpern als auch mittels T-Zellen. Kommt dann aber das Immunsystem längere Zeit nicht mehr in Kontakt mit dem Virus, lagert es lediglich einige Gedächtniszellen ein, und auch die Zahl der Antikörper geht zurück.

Der Moment, in dem eine Boosterimpfung nötig wird?

Genau. Konfrontieren wir unser Immunsystem zum dritten Mal, weckt man diese Gedächtniszellen wieder auf. Sie produzieren dann größere Mengen an Effektor-Zellen, also voll bewaffneten T-Zellen, und auch an Antikörpern und sorgen so für eine wirksame Grundimmunisierung.

Dreifachimpfungen sind in der Medizin bekannt und erfolgreich. Könnte es auch bei Corona damit getan sein?

Wie lange der Impfschutz nach dem Boostern hält, können wir leider noch nicht sagen – höchst wahrscheinlich länger als nach der zweiten Impfung. Aber ob darüber hinaus noch weitere Auffrischungen nötig werden, wissen wir einfach noch nicht.

Könnte es laufen wie bei der Grippeimpfung, die jährlich aufgefrischt werden muss?

Grippeviren sind deutlich variabler als das SARS-CoV-2-Virus. Deshalb gelingt uns bei der Grippe leider keine gute Grundimmunisierung. Das ist bei Corona anders, auch wenn natürlich noch nicht ganz klar ist, ob uns das Virus jedes Jahr eine neue Variante präsentiert oder sich seine Evolution totläuft. Unsere Impfstoffe wirken sehr wahrscheinlich auch gegen diese Varianten – wenn auch abgeschwächt. Dann muss man sie anpassen. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es deshalb gute Gründe für die Annahme, dass wir uns künftig nicht ständig neu impfen müssen.

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