Interview
„Technologie determiniert das Wachstumspotenzial der gesamten Gesellschaft“

Prof. Dr. Veronika Grimm ist Professorin an der Technischen Universität Nürnberg (UTN) und Leiterin des Energy Systems and Market Design Lab. Bild: Laurin Schmid/Bildkraftwerk
Die Volkswirtschaftlerin Veronika Grimm wird neues Mitglied im Senat der Helmholtz-Gemeinschaft. Ein Gespräch über ihren Blick auf Innovationen, die Rolle der Forschung für die Gesellschaft – und darüber, wo Deutschland trotz aller Probleme gut aufgestellt ist.
Frau Grimm, Sie beschäftigen sich als Volkswirtin mit den Energiemärkten und haben in Nürnberg unter anderem den Energie Campus Nürnberg geleitet. Kann es sein, dass ein ingenieurwissenschaftliches Herz in Ihnen schlägt?
In den 1990er Jahren habe ich als Studentin im Nebenjob in der Technologiestiftung Schleswig-Holstein gearbeitet. Dabei ging es um die Ansiedelung von Zukunftstechnologien im Norden und die Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen – etwa im Bereich Sensorik, Medizintechnik und Digitalisierung. Ich habe mich schon immer für die Rolle von Technologie interessiert – ein ganz zentrales Thema, wenn es um die dynamische Entwicklung einer Volkswirtschaft geht.
Aktuell leiten Sie in Nürnberg eine Arbeitsgruppe zu Energiesystemen und Marktdesign. Wie stark sind da Naturwissenschaften vertreten?
Wir haben viele Wirtschaftsingenieure im Team, dazu Mathematiker und Ökonomen. Wir arbeiten an den Schnittstellen zwischen diesen Disziplinen. Zum Beispiel erforschen wir, welche Herausforderungen es für die Wirtschaft in Deutschland durch die Transformation der energieintensiven Industrien gibt. Aber auch: Welche Chancen entstehen im Bereich der Zukunftstechnologien und wie schaffen wir es, diese Potenziale zu heben?
Welche Schnittmenge sehen Sie zwischen dieser Forschung Ihrer neuen Aufgabe als Mitglied im Senat der Helmholtz-Gemeinschaft?
Ganz offensichtlich sind da große Schnittmengen im Bereich der Energiethemen: bei der Energiesystem- und Energiemarktmodellierung oder auch bei den Analysen im Bereich klimafreundliche Energieträger und Erneuerbare Energien. Auch zur Materialforschung gibt es Bezüge, weil letztlich die Transformation der Industrie von der Verfügbarkeit von Rohstoffen und ihrer Alternativen abhängt. Aber es gibt noch eine zweite Ebene: Ich kann die gesamtwirtschaftliche Perspektive in die Diskussionen im Senat einbringen – also den Blick darauf, wie bedeutsam der technologische Fortschritt, der ja sehr stark durch die Helmholtz-Gemeinschaft vorangetrieben wird, für die Wirtschaftsentwicklung ist. Und schließlich ist auch die internationale Perspektive wichtig: Grenzüberschreitende Kooperationen werden immer wichtiger, und Europa ist der Akteur, der seine Fühler besonders ausstrecken muss.
Warum?
Wir sehen einen Technologiewettlauf zwischen den USA und China, in dem es um die globale Führungsrolle bei der Künstlichen Intelligenz geht. Europa wird es nicht möglich sein, sich von diesen Entwicklungen abzuschotten. Zudem sehen wir einen Strukturwandel, der die internationalen Wertschöpfungsketten neu sortiert. Die Europäer werden dabei auch in Zukunft auf Importe von kritischen Rohstoffen und von Energie angewiesen sein. Aus diesen immensen Herausforderungen müssen wir eine Stärke machen, indem wir unser Netz an internationalen Kooperationen deutlich stärken. Dabei spielen Forschungskooperationen eine wichtige Rolle: Forschungseinrichtungen kooperieren weltweit, tauschen Wissen aus und sind immer ein wichtiger Baustein für umfassendere internationale Kooperationen. Die weltweiten Helmholtz-Forschungskooperationen, die es ja in vielen Technologiefeldern gibt, zahlen auf diese Themen ein.
Sie sind Mitglied im Sachverständigenrat Wirtschaft. Für wie wichtig halten Sie die Rolle der Wissenschaft, um aus der aktuellen Krise wieder herauszukommen?
Sie ist zentral: Ohne technologischen Fortschritt wird es nicht möglich sein, unsere starke Stellung aufrecht zu erhalten.
Was heißt das konkret? In der Hightech-Strategie der Bundesregierung ist zum Beispiel immer wieder von Innovations-Ökosystemen die Rede, in denen Unternehmen mit Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten. Welche Aufgabe kommt da auf die Helmholtz-Gemeinschaft zu?
Bei diesen Kooperationen sind wir in Deutschland gut aufgestellt, da haben wir eindeutige Stärken. Es hakt an anderer Stelle: Wir scheitern daran, die Ideen auch tatsächlich in Wertschöpfung umzusetzen. Und da liegt der Ball auf dem Feld der Politik: Wir regulieren in Deutschland nach dem Vorsorgeprinzip…
…was ist das?
Man identifiziert zunächst die Risiken von Technologien und reguliert dann restriktiv, um die Materialisierung dieser Risiken zu vermeiden. Und weil das alles zu einem Zeitpunkt geschieht, zu dem die Technologien noch gar nicht weit entwickelt sind, blockiert es oft die Umsetzung von Innovationen in Wertschöpfung. Das findet dann anderswo statt – dadurch wird dieser Regulierungsansatz selbst zum Risiko.
Eine klare Aufgabe für die Politik. Gibt es auch Bereiche, in denen die Wissenschaft gefordert ist?
Da sehe ich drei Punkte: Erstens gilt es, einen Beitrag zur Lösung großer gesellschaftlicher Probleme zu leisten. Zweitens müssen wir in der Lage sein, die besten Wissenschaftler anzuziehen. Und drittens brauchen wir die entscheidenden Kooperationsbeziehungen – mit wissenschaftlichen Institutionen weltweit, aber auch in Innovationsökosystemen, die es erlauben, Transfer, Innovation und die gesellschaftliche Wirkung zu stärken. Der Helmholtz-Senats kann wichtige Impulse zu diesen Themen zu geben.
Werden Sie gern konkreter: Gibt es Punkte, bei denen Sie im Senat gern nachsteuern würden?
Das kann ich jetzt noch nicht beurteilen. Zunächst gilt es, zuzuhören. Ich werde viel lernen über vergangene Entwicklungen und die Gründe für inhaltliche Entscheidungen.
Im Senat sind die Mitglieder mit natur- und ingenieurwissenschaftlichem Hintergrund in der Mehrzahl. Haben Sie Sorge, dass Sie als Volkswirtin da untergehen?
Nein – im Gegenteil. Ich freue mich sehr auf den Austausch und darauf, die verschiedenen Bereiche zusammenzudenken. Technologie determiniert das Wachstumspotenzial der Volkswirtschaft sowie die Optionsräume der gesamten Gesellschaft – und deswegen gibt es vielfältige Zusammenhänge zwischen volkswirtschaftlichen Überlegungen zur Transformation unserer Wirtschaft und den Technologien, die hier entwickelt werden. Aus dieser kombinierten Expertise kristallisiert sich sicherlich Stück für Stück das neue Wirtschaftsmodell in Deutschland heraus. Deshalb freue ich mich ganz besonders auf den Austausch.
Zur Person:
Veronika Grimm ist Professorin an der Technischen Universität Nürnberg (UTN) und Leiterin des Energy Systems and Market Design Lab. Die Volkswirtin forscht schwerpunktmäßig zu den Bereichen Energiemärkte und Energiemarktmodellierung sowie Verhaltensökonomie. Sie ist Mitglied des Sachverständigenrates Wirtschaft, des Nationalen Wasserstoffrates der Bundesregierung und zahlreicher weiterer Gremien und Beiräte. Ab Januar gehört sie zum Senat der Helmholtz-Gemeinschaft.
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