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Portrait

Sie will die Citizen-Science-Bewegung voranbringen

Bild: Stefan Bernardt/ iDiv

Jeder dritte Deutsche würde gerne als Laie an einem Forschungsprojekt mitwirken. Das Potenzial für Citizen Science ist hierzulande längst noch nicht ausgeschöpft. Aletta Bonn will das ändern

Sie fangen Schmetterlinge, zählen Vogelarten oder beobachten den Sternenhimmel: begeisterte Laien, die mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit die Forschung unterstützen. "Die Bürgerbeteiligung kann die Wissenschaft enorm bereichern", sagt Aletta Bonn. Die 45-jährige Naturschutzbiologin kennt viele Projekte, die auf der Mitwirkung Freiwilliger bauen. Und sie weiß, dass das Potenzial in Deutschland noch längst nicht ausgeschöpft ist. Knapp ein Drittel der Deutschen hat grundsätzlich Interesse daran, an einem Forschungsprojekt mitzuwirken, wie kürzlich eine repräsentative Umfrage ergab.

Als Mutterland der Bürgerwissenschaft, auch Citizen Science genannt, gilt Großbritannien. Dort hat Aletta Bonn zwölf Jahre lang geforscht, zum Beispiel an der University of Sheffield und im Peak District National Park. Dort war sie an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft tätig - etwa wenn es darum ging, unterschiedliche Interessen bei Naturschutzprojekten zu moderieren. "Wichtig ist, dass alle Beteiligten einen Dialog auf Augenhöhe führen", sagt die Wissenschaftlerin, die vor gut zwei Jahren nach Deutschland zurückkehrte. Sie hat eine Leitungsfunktion am UFZ in Leipzig inne, ist aber auch Professorin für Ökosystemleistungen an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und am neuen Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv). Und sie will die Citizen-Science-Bewegung in Deutschland voranbringen.

Aletta Bonn wurde in Münster geboren, ging in Essen zur Schule und lebte eine Zeitlang in Thailand und in den USA. Nach dem Abitur wechselte sie nach Berlin, um an der Freien Universität Biologie und Englisch zu studieren. Ihren Master machte sie in Wales, die Promotion in Braunschweig und für die Postdoc-Zeit ging es nach England.

Um ein Haar wäre alles anders gekommen. "Ich hatte zunächst erwogen, Cello zu studieren", berichtet Aletta Bonn. Aber dann entschied sie sich doch für die Biologie und aus dem Cellospiel wurde ein ambitioniertes Hobby. In ihrer Freizeit musiziert sie in Orchestern und gibt Konzerte.

Die Arbeitstage von Aletta Bonn sind jedoch von Ökosystemforschung, biologischer Vielfalt und Fragen zum Kapitalfaktor Natur bestimmt. Wie lässt sich zum Beispiel der Wert von Mooren beziffern: einmal in ihrer Funktion als Kohlendioxidspeicher für den Klimaschutz und einmal als Großanbaufläche für die Energiepflanze Mais? Wie gelingt es, die unterschiedlichen Interessen von Landnutzern, Naturschützern und Politik unter einen Hut zu bringen? Und was ist zu tun, damit der gesellschaftliche Nutzen einer intakten Natur verstärkt in politische Entscheidungen einfließen kann? Mit Antworten auf solche Fragen will Aletta Bonn nicht nur die Biodiversitätsforschung voranbringen, sie will auch aufzeigen, wie wertvoll Ökosystemleistungen für alle sind.

Citizen Science ist dafür ein wunderbares Instrument. Und Science 2.0 mit digitalen Webapplikationen, Apps sowie explorative Computerspiele bieten ganz neue Möglichkeiten der Datenaufnahme und -auswertung durch Freiwillige - nicht nur in der Ökosystemforschung, sondern auch in Astronomie und Molekularbiologie, im Gesundheitsbereich und in den Sprachwissenschaften.

Ausgeschöpft sei das Potenzial längst noch nicht, sagt Aletta Bonn, und sie ist fest entschlossen, das zu ändern. Zurzeit leitet sie das Konsortium namens "GEWISS - BürGEr schaffen WISSen" der "Citizen Science Strategie 2020". Getragen wird die Initiative vom UFZ zusammen mit dem Berliner Museum für Naturkunde, weiteren Einrichtungen der Helmholtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Gemeinschaft sowie universitären Partnern. Ihr Credo: Die Wissenschaft kann nicht auf das Wissenspotenzial in der Gesellschaft verzichten. Mit der neuen Strategie zielt beispielswiese darauf ab, die Mitwirkung von Bürgern in der Forschung künftig besser zu integrieren und zu honorieren. Die Programme sollen hohen Qualitätsanforderungen genügen, fordern Aletta Bonn und ihre Mitstreiter, erforderlich sei eine professionelle Ausstattung und regelmäßiger Austausch zwischen Forschern und Bürgern.

An politischer Unterstützung mangelt es der neuen Bewegung nicht. Fünf Millionen EU-Bürger sollen in den nächsten fünf Jahren für eine aktive Beteiligung an Forschungsprojekten gewonnen werden, heißt es aus Brüssel. Und in ihrem Koalitionsvertrag bekennt sich die Bundesregierung zur Entwicklung neuer Formen der Bürgerbeteiligung und der Wissenschaftskommunikation. Gute Chancen also für Citizen Science - Aletta Bonn will das Beste daraus machen.

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