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Standpunkte

Seid mutiger!

Bild: Calin Tatu - Fotolia

Von Gentechnik bis zum Fracking: Bei umstrittenen Forschungsthemen sind hierzulande viele Wissenschaftler auffallend zurückhaltend. Ein Kommentar von Ralf Nestler.

Der Kampf währte jahrelang, doch sie gaben nicht auf. Entschlossen traten sie den Feind mit ihren Füßen nieder, überzogen die Feldherren mit Klagen und Kampagnen. Am Ende siegten die Aktivisten. Seit 2013 gibt es in Deutschland keine Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen mehr. Nach zwei Jahrzehnten auf freiem Feld haben sich die Wissenschaftler mit ihrer Saat in Labore und Gewächshäuser zurückgezogen.

Wie es aussieht, werden sie dort auch nicht mehr so schnell herauskommen. Längst sind es nicht mehr nur einige Aktivisten, die ihnen die Forschung schwer machen. Es ist schon fast eine Volksweisheit, dass grüne Gentechnik in vielerlei Hinsicht gefährlich und unbedingt zu ächten ist. Die Politik hat sich dem längst gebeugt, auch Saatguthersteller haben bereits reagiert und ihre Forschung auf diesem Gebiet ins Ausland verlegt.

<b>Ralf Nestler</b> (36) ist Wissenschaftsredakteur beim Berliner Tagesspiegel. Bild: Jindrich Novotny

Dass viele Argumente der Kritiker maßlos übertrieben sind, wissen die Pflanzengenetiker am besten. Umso erstaunlicher ist es, dass sie sich dem Populismus nicht viel entschiedener entgegengestellt haben. Der Siegesjubel der Gentechnikgegner klingt auf jeden Fall umso lauter angesichts des Schweigens der Befürworter.

Auch bei anderen Forschungsthemen ist in Deutschland immer wieder eine seltsame Zurückhaltung zu beobachten, obwohl die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überzeugt sind, die richtigen Fragen zu stellen. Zum Beispiel die, wie man neue Gasvorkommen erschließen kann oder wie man Öl umweltschonender als bislang zu Tage fördert. „Lasst bloß die Finger davon!“ schreien ihnen da aufgeregte Bürger und mancher Politiker entgegen – überzeugt, dass fossile Rohstoffe an sich des Teufels sind. Doch was passiert, wenn die Forscher sich an das Tabu halten? Gas und Öl werden anderswo in der Welt auch weiterhin gefördert, aber wahrscheinlich weniger umweltverträglich. Wenn Wirtschaftsunternehmen sensibel auf Stimmungen reagieren, ist das nachvollziehbar. Sie müssen ihre Produkte verkaufen.

Wenn aber Institutionen, die sich gern auf Forschungsfreiheit berufen, bei Widerständen vorschnell zurückschrecken, wenn Wissenschaftler sich nicht trauen, laut zu sagen, was sie aufgrund ihrer Forschung für richtig halten, gibt das zu denken.

Dass es anders geht, zeigt ein Blick ins Ausland. Engagiert, ja hitzig wird dort über heikle Themen wie Klimawandel, Kernenergie oder die Förderung unkonventioneller Gasvorkommen diskutiert. Auch Wissenschaftler mischen sich immer wieder mit Verve in die Debatten ein, vertreten die unterschiedlichsten Positionen. Davon ist hierzulande wenig zu spüren. Vielmehr gewinnt man den Eindruck, dass die meisten Forscher „auf Linie“ sind. Unter vier Augen sagen einige zwar schon, was sie denken. In der Zeitung möchten sie das aber lieber nicht lesen.

Wie schade, denn den Zeitungen, Magazinen und Sendungen täte eine fundierte Widerrede in vielen Fällen gut. Zu oft werden dort vermeintlich endgültige Wahrheiten zementiert statt hinterfragt. Die Folge: Leser und Zuschauer fühlen sich nicht ernst genommen oder gar indoktriniert und wenden sich ab. Es ist das Schlimmste, was Wissenschaftlern und Journalisten passieren kann.

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