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Kommentar

"Nicht exzellent. Einfach nur gut."

Bild: fotolia.com/marcjohn.de

Von Armaturen bis zu Zahnarztleistungen, alles ist „exzellent“: Auch in der Wissenschaft macht der Begriff Karriere. Warum eigentlich? Ein Gastkommentar von Lilo Berg

Begonnen hat der Exzellenzkult wohl schon im frühen Mittelalter. Fränkische Könige sollen großen Wert auf den Titel Exzellenz gelegt haben. Später setzte eine gewisse Inflation ein und auch Gesandte, Minister, Bischöfe und Wirkliche Geheimräte ließen sich so anreden, in Deutschland sogar die Professoren. Dann kam der Titel aus der Mode. Er wurde sogar peinlich.

Lilo Berg war 16 Jahre lang Leiterin des Ressorts Wissenschaft und leitende Redakteurin der Berliner Zeitung. Seit August diesen Jahres betreibt sie als freie Wissenschaftsjournalistin ein eigenes Büro in Berlin. Bild: David Ausserhofer

Mit der Exzellenzinitiative kam die Wende. Seither sind hierzulande praktisch nur noch exzellente Wissenschaftler am Werk: Sie forschen exzellent, sie lehren exzellent und stets sind sie umringt von exzellenten Nachwuchskräften. Ihre Institute mögen wie Kästen aus verrottetem Waschbeton aussehen, in Wirklichkeit sind sie Exzellenzleuchttürme, wenn nicht gar Exzellenzhochburgen. Es war ein hartes Stück Öffentlichkeitsarbeit - tausende Reden mussten gehalten, abertausende Pressemitteilungen geschrieben werden -, aber jetzt haben es alle Deutschen begriffen: In Sachen Forschung ist ihr Land spitze, die Wissenschaftler exzellent und die Unis Elite. Zwar krallen sich die Harvards und Oxfords dieser Welt noch an die vorderen Plätze internationaler Ranglisten. Aber der Blick ist bang auf Deutschland gerichtet. Elf exzellente Universitäten hat das Land jetzt schon und es könnten mehr werden. Die nächste Exzellenzinitiative ist so gut wie beschlossen. Nur ihr Name ist noch unklar. Die Vorschläge reichen von Brillanz-Initiative (derzeit beste Chancen) bis Magnifizenz-Initiative (Kandidat für die übernächste Runde?). 

Über die Ursachen der sprachlichen Blähsucht kann, solange die abschließende Bewertung aus den Geistes- und Sozialwissenschaften noch aussteht, nur spekuliert werden. Ist es die Amerikanisierung der Wissenschaft? Die Nähe zum englischen excellent? Sind es die Einflüsterungen aus der Marketingabteilung? Oder bricht hier ein lange verpöntes Elite-Denken durch? Die Lust am akademischen Brimborium? In Göttingen, einst Zentrum studentischen Aufbegehrens, wurden kürzlich wieder Professoren in Talaren gesichtet. Und für ihre Doktorhüte aus Pappe zahlen Absolventen heute bereitwillig stattliche Beträge.

Auf die Universitäten ist die rhetorische Völlerei keineswegs begrenzt. Sie hat alle Bereiche des Wissenschaftsbetriebs erfasst, die Außeruniversitären ebenso wie die Politik. Fröhlich reiht sich die Wirtschaft ein: Zahntechniker und Zahnärzte bohren jetzt gemeinsam in der "Initiative Dentale Exzellenz" und ein Armaturenhersteller besingt seine "bedeutsamen Stellhebel für Exzellenz", gemeint sind die Mitarbeiter.

Die ganze Gesellschaft scheint infiziert zu sein. Was früher gut war, ist heute großartig und wem zu seinem Erstklässler nichts mehr einfällt, kann neuerdings das Lobmonster befragen: eine Stoffpuppe mit eingenähtem Fach für supertollegroßeklasse Kärtchen mit vorgefertigten Lobesworten.

Was im Sprachnebel leicht untergeht: Die meisten Menschen sind mittelmäßig. Aber keiner will es sein. Studien zufolge glauben 94 Prozent der amerikanischen College-Professoren, dass sie ihre Arbeit besser machen als die Kollegen. Und jeder vierte Student ist überzeugt, zum leistungsfähigsten einen Prozent zu gehören.

Erklären kann die Wissenschaft das Phänomen durchaus. Exzellenz ist meistens eine Selbsttäuschung, nur wenige sind zu klug dafür. Sie wissen: Was wirklich exzellent ist, lässt sich selten in der Gegenwart beurteilen.

Vielleicht sollten wir den Ausdruck den fränkischen Königen zurückgeben. Und unsere Sache einfach nur gut machen.

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