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Kommentar

Machet auf das Tor!

Foto: Oleksandr Prykhodko / Fotolia.de

Immer mehr junge Menschen wollen studieren. Und immer öfter auch solche, die vorher in einem Ausbildungsberuf gearbeitet haben. Eine Gefahr für die wissenschaftliche Qualität? Nein! Eine Riesenchance für die Forschung. Ein Kommentar von Barbara Gillmann

Noch vor wenigen Jahren war die deutsche Bildungslandschaft schön übersichtlich geordnet: Im Jahr 2000 nahm lediglich jeder Dritte eines Jahrgangs ein Studium auf. Die übrigen lernten einen Beruf, und nur eine Minderheit machte sich auf den beschwerlichen zweiten Bildungsweg. Heute haben sich die Verhältnisse geändert. Die Politik hat kräftig für das Studium geworben, die junge Generation folgt ihrem Rat: Die Studienanfängerquote eines Jahrgangs liegt mittlerweile bei fast 53 Prozent. Damit nicht genug: Auch junge Menschen mit Gesellenbrief dürfen heute studieren – noch wagen es wenige, doch ihre Zahl wird deutlich steigen. Dass das lange nicht das Ende der schleichenden Revolution im Bildungswesen ist, zeigt die jüngste Idee aus dem Handwerk: Danach soll es bald überall Schulen geben, an denen man zugleich das Abitur und eine Berufsausbildung absolviert.

Die Folge ist nichts weniger als ein massiver Kulturwandel, den die Führungsetagen in Wirtschaft und Wissenschaft noch gar nicht recht wahrgenommen haben. Heute kommen Akademiker aus Gesellschaftsschichten, für die das noch vor zwei, drei Jahrzehnten eine fremde Welt war. Das verändert das Reservoir für hochqualifizierte Jobs, es bringt neue Sichtweisen in die akademische Welt, aber auch neue Herausforderungen.

Barbara Gillmann (52) ist Korrespondentin in der Berliner Redaktion des Handelsblatts. Illustration: Jindrich Novotny

Deutschland hat generell ein Problem, verborgene Talente zu finden und zu fördern. Wie die Pisa-Ergebnisse zeigen, erreichen nur neun Prozent unserer Schüler Top-Leistungen. In Ländern wie Finnland, Belgien oder Neuseeland sind es zwölf bis 14 Prozent. Die Talentsuche wird auch deshalb wichtiger, weil die Zahl der Erstsemester bis 2025 wieder von zuletzt rund 500.000 auf 465.000 sinken wird.

Doch noch immer bleibt die Elite gerne unter sich. An der Schwelle zur tertiären Bildung gilt das in besonderem Maß. Hochschulen sehen die zunehmend „heterogene Klientel“, die ihnen die Türen einrennt, vor allem als Last. Da sitzen doch tatsächlich gelernte Mechatroniker neben Migranten mit Fachabitur und dem klassischen Gymnasiasten aus dem Bildungsbürgertum – und jeder bringt unterschiedliches Wissen und Kenntnisse mit.

Für viele Forschungseinrichtungen ist das Beben in der deutschen Bildung lediglich ein fernes Grollen, das mit ihnen scheinbar nichts zu tun hat. Das ist der falsche Ansatz. Denn schon rein zahlenmäßig ist der breite Strom an jungen Menschen eine Riesenchance: je mehr mit Forschung in Berührung kommen, desto mehr können ihr Talent dafür entdecken. Und wenn die Forschung – ob in oder außerhalb der Hochschule – offen agiert, kann sie gerade unter den Praktikern Menschen an sich ziehen, die neue Impulse einbringen.

Dazu ist es allerdings nötig, dass die Lehre weit differenzierter als bisher organisiert wird. Best-Practice-Beispiele gibt es durchaus, nötig ist das Umdenken in der Breite. Hier sind auch Forschungseinrichtungen gefragt. Sie können überlegen, wie sie die neuen Talente erfolgreich fördern.

Jahrzehntelang haben wir geklagt, dass der Technologietransfer von der Wissenschaft in die Wirtschaft nicht so klappt, wie es wünschenswert wäre. Vielleicht haben wir jetzt die Chance, dies zu ändern: Wenn mehr Praktiker und „atypische“ Studenten in die Hochschulen und damit auch in die Forschung drängen, müsste es doch möglich sein, dies zum Vorteil des Austausches von Wissenschaft und Wirtschaft zu nutzen.

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